Holocaust-Gedenkstätten Der Tiefpunkt

Man wird doch wohl noch Witze im KZ machen dürfen. In der Hoffnung, auch noch den letzten Nazi als Wähler zu gewinnen, verweigern rechte Politiker jeden Respekt vor KZ-Opfern.

KZ-Gedenkstätte Buchenwald
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KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Eine Kolumne von


"Das in den Gaskammern von Auschwitz verwendete und von mir untersuchte Gift wurde von der deutschen Industrie nicht zu diesem Zweck hergestellt. Es enthielt neben dem giftigen Wirkstoff eine die Schleimhäute reizende und verätzende Substanz, weshalb die letzten Minuten der Opfer grauenhaft schmerzvoll gewesen sein müssen", heißt es in Primo Levis Dokumentensammlung "So war Auschwitz". Ein Buch, das zwingend Lehrstoff werden sollte. Weltweit.

In den jüngsten beiden Jahren taten die neuen Rechtspopulisten in Deutschland, was man eben als Rechtpopulisten so macht - die eingebildeten und realen Wähler im Keller ihrer dunkelsten Gefühle abholen, provozieren, keifen, zetern, lügen, vereinfachen. Sie erledigten ihren Job als Sturmspitze einer wundervollen, turbokapitalistischen und neuen Gesellschaftsordnung. Wenn sie es nicht tun, müssen es andere erledigen, Job ist Job und so weiter.

Wenn man lange genug in den Tiefen eines jeden Menschen wühlt, schlummert irgendwo im Gully irgendetwas, was jede schon mal gedacht hat und was man aus banalen zivilisatorischen Gründen schamvoll für sich behält. Es schien aber bei allen Enthemmungen ein Tabu zu geben: die Totenruhe zu stören, besonders wenn es sich um Tote in Konzentrationslagern handelt.

So sehr sich viele auch wünschen mögen, das Kapitel Massenmord hätte es in der deutschen Geschichte nie gegeben, war es doch anwesend - als schambeladenes Tabu. So viele auch sagen und denken mochten: "Was scheren mich die Hobbys meiner Großeltern?" Solange es noch lebende ehemalige KZ-Insassinnen gibt, solange noch Menschen mit tätowierten Nummern existieren, die erzählen, ahnte man, dass KZ-Leugnung und Witze irgendwo in unterirdischen Güllekanälen existieren, es sich aber gesellschaftlich verbietet, sie mit feuchten Händen ans Licht zu zerren. Aber nichts da. In der Hoffnung, auch noch den letzten Nazi als Wählerin zu gewinnen, verweigern Politikerinnen einer KZ-Überlebenden den Respekt.

Was mich im vergangenen Jahr am meisten entsetzt hat

Gezielt latschen Honks in Gedenkstätten und lassen der Gülle in ihren Köpfen freien Lauf, sodass vor Kurzem die Besucherinnenregeln der Gedenkstätte Buchenwald geändert werden mussten.

Es ist dieses unmenschlich dummdreiste Verhalten, was mich persönlich am meisten entsetzt hat. Vielen ist es egal, ob ich entsetzt bin oder nicht. Aber mit ein paar Minuten innehalten sollte jeder Fühlenden und Denkenden klar werden, was Menschlichkeit heißt. Als gäbe es die Filmdokumente der Lager nicht. Die Vernichtung von Jüdinnen, Roma, Sinti, Homosexuellen, Kranken infrage zu stellen, Witze darüber zu machen, als feister Sack an Orten des absoluten Grauens rumzublaffen, ist das Ende der Zivilisation. Deutsche, die in KZs Witze über grauenhaft Ermordete machen, offenbaren den absoluten Tiefpunkt ihres verdorbenen Charakters.

Vielleicht gibt es in Brandenburg bald eine AfD-CDU Koalition, und die AfD bekäme dann den Vorsitz im Stiftungsrat, der unter anderen für das KZ Sachsenhausen verantwortlich wäre.

Was ist dann der Plan, im Namen der Demokratie? Ein Umbau der Gedenkstätte in einen Trostort für verstorbene KZ-Wärterinnen? Forschungslabore für neue Massenvernichtungswaffen?

Kleiner Schritt zum Massenmord

"Ist das ein Mensch" lautet der Titel eines Buches von Primo Levi, in dem er beschreibt, was Menschen anderen Menschen antun können. Sie können sie vergasen, ihre ausgemergelten Körper auf eiskalten Holzpritschen stapeln, sie auf Todesmärsche schicken und wenn sie zusammenbrechen, mit einem Genickschuss auslöschen. Ja, es sind Menschen, Enkel, Urenkel der Mörderinnen, die an Orten pöbeln und höhnen, die doch so grauenhaft sind, so unfassbare kurze 70 Jahre her, dass man vermeint, das Elend, die Bestialität noch spüren zu können.

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Primo Levi:
Ist das ein Mensch?

Die Atempause.

Übersetzt von Robert Picht, Barbara Picht, Heinz Riedt.

Carl Hanser Verlag; 624 Seiten; 27,90 Euro.

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Der Schritt von der Grenzverschiebung des Sagbaren bis zum duldenden oder aktiven Massenmord ist klein. Wir sind alles. Bestien, Mörderinnen, Sadistinnen, Pflegende, Mitfühlende. Was jeder unter seinem Menschsein versteht, muss jeder selbst entscheiden.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
vera gehlkiel 19.01.2019
1.
Ich glaube oder fürchte, es ist wieder viel öfters die Zeit für einfache und klare Worte, wie sie Sibylle Berg hier hinschreibt. Hab ich selbst mir so auch nicht ausgemalt, ist aber leider wirklich so. Wobei es meine Überzeugung ist, dass die allermeisten der ungewollten Relativierer einfach nicht weiter drüber nachdenken - aber eben dieses keinerlei Entlastungsfunktionen mit umfasst. Ich habe soeben nochmals Holocaust geguckt, jetzt im Dritten, und verstehe nicht, überhaupt nicht, wieso es nicht "diesmal" wenigstens im Ersten laufen konnte - hat sich etwa der Aktualitätszwang und das abgestumpfte Starren auf die Zuschauerquoten bereits soweit in die öffentlichen Hirne reingefressen, dass es einen Verzicht auf so ein paar Sonntagstatorte nicht hätte geben dürfen?! Welche man ja alle trotzdem hätte drehen und nur vier Wochen später dann, noch taufrisch genug, versenden können?! Ist die Figur namentlich des "Erik Dorf", dieses völlig apolitisch einen Job suchenden arbeitslosen Anwalts, der zu einem der führenden Schergen der Massenvernichtung aufsteigt, und sich dann feige mit Giftkapsel vom Acker macht, etwa kein Phänotypus mit solch übergreifenden Eigenschaften, und so stark schauspielerisch und inszinatorisch dargebracht zudem, dass nur seine Wiederkehr in die Wohnzimmer allein an vier Sonntagabenden im Ersten zur Primetime ein paar der üblichen Proeste gerechtfertigt gehabt haben würde?! Warum läuft Shoah von Lanzmann, wenn er denn aufgrund seiner ganz andersartigen Erzählkultur eben nicht "massentauglich" ist, nicht wenigstens alle halbe Jahre auf ARTE, nicht nur nach Endlosem zum Tode Lanzmanns?! Wieso denn nicht in den Schulen, nur diese Ausschnitte mit Abraham Bomba, dem Ausschwitz-Friseur und die, wo einer der Nazis heimlich gefilmt wird, wenn man schon keinerlei Zutrauen zur Geduld und Schwingungsfähigkeit der unterrichteten Kinder insoweit hat, dass man ihnen den ganzen endlos langen Film, sagen wir mal in der Oberstufe, ganz einfach zumutet?!
Gleichstrom 19.01.2019
2.
Nationalkult. Etwas Deutsches darf nicht schlecht sein! An der Widerlichkeit dieses Systems sollten tatsächlich nicht nur Deutsche lernen, sondern die ganze Welt. Passiert ist es nunmal im Auftrag des damaligen Deutschland ... einfach eine historische Tatsache, daran gibt es nichts zu interpretieren. Wenn man schon was Positives in eine Nationalität hineininterpretieren möchte, könnte sich anbieten, daß man damit offen umgegangen ist, draus gelernt hat - und anerkannt hat, daß mindestens eine Mehrheit mindestens nichts dagegen hatte, man sich von dieser Position aber, als Nation geschlossen und einig, zum Besseren fortentwickelt habe - wenn nur geschlossen und einig wäre. Wenn 90 % kapiert haben, daß daran nichts falsch war, weil es Deutsche waren, sondern alles, weil es Massenmord, Folter, Willkür, Irrationalität und Überlegenheitsillusionen enthielt - sehen es 90 % richtig, aber 10 % Unbelehrbare sollten uns Sorgen machen, und jeder, der sich mit ihnen gemein macht, um sie als Wähler zu gewinnen, sollte sich bewußt sein, daß diese Stimmen nicht umsonst sind - da kann der vernünftige und über wenigstens Spuren von Ethik verfügende Mensch nur knallhart separieren - wir oder die? Wir Zivilisierten, oder die, die leugnen, relativieren, es alles nicht so schlimm fanden. Eine Integration von Nationalsozialisten in eine aktuelle zivilisierte Gesellschaft ist unmöglich. Da wird Multikulti scheitern, es gibt keine friedliche Koexistenz mit Nazis. Und mit vielen Anderen - aber die sind anderswo ein Thema, nicht hier.
sven2016 19.01.2019
3. Ein Regelbuch für das angemessene
Verhalten beim Besuch einer Gedenkstätte. Die Notwendigkeit dafür spricht für sich. Nazis müssen nicht hingehen, die Anderen sollten wissen (oder zumindest fühlen), wie man sich dort verhält. In manchen wesentlichen Lebensbereichen ist eine gewisse Beliebigkeit festzustellen, deren Wahrnehmung zwischen Langeweile und Event hin- und herspringt. Dazwischen liegt sehr wenig.
lonestar670 19.01.2019
4. Sie haben ja grundsätzlich recht,...
aber welcher rechte Politiker war es denn jetzt? Laut den verlinkten Artikeln war es eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von Frau Weidel und von denen war es laut Tagesspiegel auch "nur" einer. Frau Weidel war gar nicht anwesend und auch scheinbar nur ein Programmpunkt dieser Tour. So unangenehm und abstoßend die AfD Ideologie auch ist, wenn Sie über "rechte Politiker" schreiben, sollten diese im Bezug zur Behauptung stehen. Ansonsten könnten Sie auch "Manche Leute so, ey" schreiben.
neptun680 19.01.2019
5. Prioritäten!
Was wird im letzten Zweifel, in unserer Gesellschaft, immer im Vordergrund stehen: Es sind eben nicht Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Nächstenliebe. Der Motor unserer Gesellschaft sind Leistung, Wettbewerb und Wachstum und steht als primärer Inhalt über allem. Mit dieser Ausrichtung sind dann eben auch keine Wunder, in Sachen Feinfühligkeit zu erwarten. Denn sie beziehen sich fast ausschließlich auf äußere - materielle Dinge.
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