Porno-Kongress Komm schon, denk nach!

Ist Pornografie grundsätzlich Schmutz? Oder birgt sie subversives Potential zur Kritik herrschender Machtverhältnisse? Eine Berliner Tagung bezieht Stellung.

Von Uh-Young Kim


Dass sich Sex gut verkauft, ist ja nicht neu. Dann schon eher, dass er auch schlau macht und wieder die Verhältnisse erschüttern kann. Ist nach Geiz und Nation jetzt auch die Kritik geil geworden? Während der alltägliche Bilderstrom aus genormten Körpern vorgibt, was zu begehren ist, formiert sich schon seit über zehn Jahren eine Bewegung, die Sexualität radikal neu denkt und praktiziert. An diesem Wochenende treffen ihre Vordenker und Vordenkerinnen, Aktivisten und Aktivistinnen auf dem Symposium "Post Porn Politics" in der Volksbühne Berlin aufeinander.


Auch wenn sich dort eine kulturschaffende Minderheit tummeln wird, kann sich niemand mehr der gegenseitigen Durchdringung von Pornographie und Gesellschaft entziehen. Fortwährend überbietet sich die Werbung mit Triebreizungen. Kein HipHop-Video ohne willige Frauenhorden, kaum ein Arthaus-Film ohne erniedrigende und entfremdende Hardcore-Szenen. Die Verdinglichung des meist weiblichen Körpers hat sich durch das Internet noch um ein Vielfaches gesteigert. Derweil wagt sich die Hochkultur in die Tiefen der Geschlechtsbilder vor - zur Zeit widmet das Kölner Museum Ludwig Queer-Künstlern die Ausstellung "Das achte Feld". Und ab nächster Woche stellt sich die alte Frage, ob Pornographie Kunst ist, erneut auf dem 1. Pornfilmfestival Berlin.

Kritik und Lust statt Macht und Frust

Seit Mitte der neunziger Jahre wird Sexualität auch in den Nischen der Akademie neu verhandelt. Arbeiten zum Verhältnis von Sex und Rasse, Geschlecht und Klasse oder Porno und Pop haben ein Feld eröffnet, das die bürgerlich-feministisch gesprägte Debatte um Zensur und Ausbeutung in der Porno-Industrie überschreitet. Aus diesem theoretischen Reservoir heraus, aber auch durch performative Praktiken möchte Tim Stüttgen, Organisator und Kurator von "Post Porn Politics", zwei Tage und Nächte lang ein "Spannungsfeld aus Kritik und Lust" erzeugen.

Abseits schmuddeliger Männerfantasien macht sich der Filmwissenschaftler, Autor und Drag-Performer für die Selbstbestimmung von Sexualität und Begehren stark: "Erstmal ist festzustellen, dass Pornographie nichts anderes als Kulturproduktion ist. Postporno fängt da an, wo Sex nicht mehr als etwas Heiliges oder Natürliches präsentiert wird, sondern als etwas, das hergestellt wird. Somit ist er auch veränderbar." Mit Teilnehmern aus unterschiedlichen Disziplinen soll der heterosexuell geprägte status quo herausgefordert und die Fronten der Porno-Rezeption seit den 68ern produktiv gewendet werden.

Einerseits diente Sex damals als emanzipatorisches Mittel. Durch die Liberalisierung wurden aber auch die Vorraussetzungen für seine Massenverwertung geschaffen. Nachdem das Porno-Geschäft in den Siebzigern aufgeblüht war, verschärfte sich der Gegensatz zwischen Politisierung und Kommerzialisierung. Seitdem sind die Positionen erstarrt: Dem konservativen Verständnis nach sind Pornos schmutzig und böse – eine Kapitalismusmaschine zur Erniedrigung und Ausbeutung von Körper und Seele. Oder alles ist erlaubt, und Kritiker der Pornografie werden als lustfeindlich und verbittert denunziert.

Dem Markt hat es nicht geschadet: Je verdorbener der Ruf, desto anziehender das Produkt. Im Schatten der Doppelmoral öffentlicher Sittenwächter hat sich das Genre ungestört ausdifferenzieren können. Inzwischen wird selbst der schwule Rap-Fan bedient. Neue Rollenmodelle tauchen zum Beispiel m Alternative Porno auf: statt mit Silikon schmücken sich die Frauen bei Kunstschulabsolvent und Starregisseur Eon McKai mit coolen Gothic-Outfits.

Anhand des Booms der auf digitalem Video gedrehten Gonzo-Pornos wiederum lässt sich das gesteigerte Bedürfnis nach Authentizität ablesen. Immer extremer fallen dabei die Härtegrade aus und spiegeln unfreiwillig die Verschärfung des neoliberalen Drucks für ihre männlichen Konsumenten wider. In beiden Fällen hecheln sie vergeblich der Befriedigung am Schreibtisch nach. Gerade aber dort, wo Sex besonders echt sein soll, tritt seine Künstlichkeit umso deutlicher zum Vorschein.

Natürlich künstlich

Auch die Natürlichkeit der Geschlechter befindet sich aus theoretischer Sicht in Auflösung, seit Judith Butler Weiblichkeit als soziale und historische Kategorie dekonstruierte. Butler demaskierte die sexuelle Identität als Produkt der herrschenden Diskurse und Praktiken im Alltag - und nicht der Biologie. Mit den Erkenntnissen der Gender Studies und den Errungenschaften der Schwulen- und Lesbenbewegung ist ein Raum entstanden, in dem sowohl Begehren als auch Unbehagen der Geschlechter artikuliert und analysiert werden können. So eignen sich Drag Performer durch ihr zitathaftes Spiel Weiblichkeit und zuletzt auch Männlichkeit an. Und durch Linda Williams’ Standardwerk "Hard Core" von 1988 wurde die filmische Darstellung von Sex zum erhellenden Gegenstand der Filmwissenschaften.

So gründlich die Bedeutungen des Körpers dabei durchdacht worden sind, ist er in materieller Hinsicht ein blinder Fleck in der westlichen Philosophie geblieben. Bevor er sich nun völlig im Cyberspace verflüchtigt, macht die Post-Porn-Bewegung Körperlichkeit wieder greifbar. Hier wird nicht mehr die Würde des Menschen gegen die Befreiung des Eros, Zensur gegen Tabubruch aufgewogen. Die dringende Frage lautet nicht mehr, was es bedeutet, sondern wie es funktioniert.

Dazu sind zum Symposium auch Mitglieder aus queeren Communities eingeladen, die sich aktiv der naturalisierenden Normalisierung ihrer Sexualität entziehen - polysexuell driften sie zwischen Mann- und Frausein. Dissidenten Spaß soll dabei die Darbietung der japanischen Sexarbeiterin und Drag Queen BuBu de la Madeleine machen. Glamour versprühen u. a. ein DJ-Set des Transgenderkünstlers Terre Thaemlitz und die impulsive Show von Elektropunksolist Namosh.

Den selbstreflexiven Strang von Postporno greift Annie Sprinkle am Samstag in einer 90-minütigen Aufführung auf. Die ehemalige Prostituierte und Pornodarstellerin prägte den Begriff ‚post-porn’ in den Achtzigern, als sie durch Performances ein Bewusstsein für ihre Arbeit entwickelte und sich aus der stummen Opferrolle der Sexsklavin befreite. In ihrer Tradition produzieren heute Girlswholikeporno aus Barcelona alternative Bilder für Frauen. Der Komplizenschaft von Porno und Avantgarde spürt der ebenfalls anwesende schwule Filmemacher Bruce La Bruce spürt in seinen Arbeiten nach. Seinem Workshop zum Pornodreh stehen am Wochenende theoretische Vorträge von der Konstruktion des Fetischs bis zu einer posthumanen Utopie gegenüber.

Wie aber verhält es sich nun mit der Politik im Kongress-Titel? Post-Porn-Aktivist Tim Stüttgen setzt sie im Alltag an: "Das Politische hat nicht nur damit zu tun, wie ich bei der Arbeit von meinem Chef behandelt werde, sondern auch wie ich meine Lust artikuliere." An diesem Wochenende sind dem kritischen Begehren keine Grenzen gesetzt. Normal ist hier, was anders wird.



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