Porno-Talk bei Maischberger: Sex, die anstrengendste Sache der Welt

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Sternstunde des Late-Night-Edutainments: Freigeister und Zärtlichkeitsfanatiker diskutierten zum Thema "Keuschheit statt Porno – brauchen wir eine neue Sexualmoral?". Ein extrem expliziter Hardcore-Talk, der in dem Konsens endete: Aufklärung tut not.

Wahrscheinlich war Sandra Maischberger noch nie so glücklich über eine ARD-Sondersendung gewesen. Ausgerechnet ein Feature über den Parteitag der CDU, auf dem die Christdemokraten beschlossen, die bürgerliche Mitte zu besetzen, ließ ihre nächtliche Gesprächsrunde hinter die Elf-Uhr-Marke rutschen. Und ab elf ist ziemlich viel im Fernsehen erlaubt, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Und so wurde ihr Debattierclub zum Hardcore-Talk.

Denn es ging um die Frage "Keuschheit statt Porno - brauchen wir eine neue Sexualmoral?" Zum warm reden holte sich die Moderatorin erstmal zwei Frauen in die Runde: die türkischstämmige Porno-Rapperin Lady Bitch Ray, die über ihren offenherzigen HipHop im "Vagina Style" die Befreiung der jungen Frau mit Migrationshintergrund probt, und die Schauspielerin Michaela May, die schon Ende der Sechziger in München-Schwabing das Ambiente der sexuellen Experimentierfreude genoss und Lady Rays aggressive Östrogenausschüttungen nicht als Mittel der Emanzipation anerkennen wollte.

Die Dialoge der beiden Kontrahentinnen, von Maischberger kaum gebremst, bereiteten eine Sternstunde des Late-Night-Edutainments. "Ich nenne das Fotzen-Bonus", beschrieb etwa die Rapperin, die sich wegen ihrer soliden akademische Ausbildung gerne Frau Doktor Bitch Ray titulieren lässt, ihren über das Internet genährten Ruhm: "Die einen finden meine Titten geil, die anderen meine Musik, und wieder andere schätzen mich als Linguistin." May konnte damit wenig anfangen: "Was klagen Sie an?" Die Germanistik-Bitch musste nicht lange überlegen: "Ich bin für die vaginale Selbstbestimmung. Frauen werden immer noch als Opfer erzogen." Doch Sister Michaela May wollte da nicht folgen und fragte bang: "Ist Ihre Fotze Ihre Seele?"

Männlich dominierte Sexualmoral

Sex bleibt also, das zeigte dieser Maischberger-Talk mehr als alle Gender-Debatten im Universitätsrahmen, das größte Politikum unter der Sonne. Und das größte Missverständnis. Man kann so explizit und exaltiert reden wie man will, am Ende besetzt das Thema immer wieder jeder mit den eigenen Ängsten und Ideen, mit den eigenen Sehnsüchten und politischen Interessen. Denn worüber reden wir, wenn wir über Sex reden? Über Befreiung und Machtmissbrauch, über körperlichen Genuss und geistige Verwahrlosung. Und einige meinen sogar Liebe, wenn sie das Wort Sex in den Mund nehmen.

All diese Aspekte der gelegentlich anstrengendsten Sache der Welt kamen jedenfalls zur Sprache, als Maischberger sich später in der Nacht noch drei männliche Gäste dazuholte: Darunter befand sich auch Deutschlands oberster Sexualkundelehrer Oswalt Kolle, der erst über die eigene Initiation sprach ("Ich war 14, das erste Mal war mit einem Jungen") und dann gegen die 68er und deren männlich dominierte Sexualmoral wetterte: "Das waren Tübinger Arschlöcher. Pastorensöhne, die einfach ein bisschen mehr ficken wollten." Und die Jugend von heute? Zu prüde, befand der alte Aufklärer.

Damit könnte er jenen 22-Jährigen gemeint haben, der ihm gegenüber platziert wurde: Nathanael Liminski hat zur Formulierung der eigenen Sexualvorstellung und zur Huldigung des Papstes das Buch "Generation Benedikt" geschrieben, in dem es unter anderem darum geht, wie schön und erfüllend es sein kann, mit dem ersten Beischlaf bis zur Ehe zu warten. Der junge Mann dozierte also über Verzicht und Zärtlichkeit - und Lady Bitch Ray beschwerte sich derweil vehement, dass man ja gar nicht sehen könne, ob der Jünger Benedikts denn über einen knackigen Po verfüge, weil er doch so beutelige Hosen trage. Nicht ohne Humor und irgendwie auch zu Recht verbot sich der Katholik darauf hin, vor den Kameras zum sexuellen Objekt degradiert zu werden. Kurz: Man redete weiter heißen Herzens aneinander vorbei.

"Ich führe Ihr Werk fort, Herr Kolle"

Was durchaus unterhaltsam war, aber tragische Züge annahm, als der fünfte Gast ins Studio gebeten wurde und ein wirklich dringliches Thema ansprach: Wolfgang Büscher, Sprecher des Berliner Kinderhilfswerks "Die Arche", berichtete über die sexuelle Verwahrlosung von Teilen der Jugend. Die Schuld sah er auch bei sexistischen Rappern wie Sido oder Frauenarzt. Dass dem Sozialarbeiter nun ausgerechnet Lady Bitch Ray als Gegenpart entgegengesetzt wurde, zeigte ein weiteres Mal, wie schwer es ist, beim Debattenthema Sex die Frontverläufe klar zu zeichnen. Denn man muss die Texte der Porno-Dichterin nicht lieben, um ihr zu attestieren, dass die so rigoros vorgetragene weibliche Selbstermächtigung in ihren Songs als Gegenwehr zu den Vergewaltigungs-Raps ihrer Berliner Kollegen durchaus Berechtigung besitzt.

Das Thema sexuelle Verwahrlosung verlor sich also im hormonell aufgewallten Talk-Tohuwabohu. Dabei wäre eine geschlossene gesellschaftliche Strategie zur libidinösen Überstimulierung in Zeiten des Internets eine wichtige Sache. Immerhin einigten sich die Kontrahenten, die inhaltlich oft gar nicht so weit auseinander lagen wie ihre unterschiedlichen Sprechweisen suggerierten, dass eine Medienerziehung unbedingt von Nöten sei.

Dabei schien Deutschlands erster Aufklärer sogar bereit, das Staffelholz an die junge weibliche Generation weiterzugeben. "Ich führe Ihr Werk fort, Herr Kolle", versprach Sexdozentin Lady Bitch Ray mit leicht drohendem Timbre am Ende dieses Hardcore-Talks.

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