Posse um GEZ-Parodie Herr Heidenreich vom NDR

Eigentlich wollte Holger Kreymeier nur Werbung für seine fernsehkritische Internetseite machen. Doch der Spot gefiel seinem Arbeitgeber nicht. Nun habe der NDR seine Aufträge gestrichen, sagt der freie Journalist. Der Sender schmunzelt über die Anschuldigung.

Von Christoph Cadenbach


Berlin - Der Clip des Anstoßes ist gerade einmal 18 Sekunden lang und zeigt einen kalkigen jungen Mann in grauer Trainingsjacke. "Zu Hause habe ich Fernsehen und Radio", sagt der junge Mann, und dass er dafür natürlich zahlen würde, "sonst kommen die Schnüffler von der GEZ. Aber doofes Fernsehen kriege ich woanders kostenlos." Dann reißt sich der junge Mann die Trainingsjacke auf und der Zuschauer bekommt den Spruch auf seinem T-Shirt zu lesen: "Dafür zahl' ich nicht".

Kreymeier-Kampagne "Dafür zahl' ich nicht": Kein Boykott, nur Kritik
Alsterfilm

Kreymeier-Kampagne "Dafür zahl' ich nicht": Kein Boykott, nur Kritik

Das Filmchen ist eine Parodie der aktuellen Kampagne der Gebühreneinzugszentrale. Die GEZ hat den Job, das Geld einzusammeln, mit denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert wird. Doch das System krankt, gerade junge Menschen sehen es immer seltener ein, für frei empfangbare Inhalte wie Fernsehen oder Radio Gebühren zu entrichten. Um die Abtrünnigen wieder einzufangen, wirbt die GEZ jetzt mit großstädtischen Twentysomethings, die lässig in die Kamera bekunden: "Natürlich zahl' ich" - und diesen Spruch auch auf ihren T-Shirts tragen.

"Natürlich zahl' ich", "Dafür zahl' ich nicht" - die Verbindung ist klar.

Nun hätte die GEZ-Parodie wahrscheinlich keine große Beachtung gefunden. Der Spot ist nur online zu sehen und wird in einigen wenigen Kinos in Deutschland gezeigt. Er soll Werbung machen für die Internetseite "fernsehkritik.tv", einer von vielen Medienblogs. Betrieben wird er vom freien Journalisten Holger Kreymeier, der auf seiner Website als Moderator eines Online-TV-Magazins augenzwinkernd über miese TV-Formate, schlechte Talkshow-Gäste und den alltäglichen Gameshow-Irrsinn herzieht.

Neben seiner Tätigkeit als Fernsehkritiker arbeitet Kreymeier aber auch als freier Mitarbeiter beim NDR. Dort sitzt er in der Multimedia-Abteilung und schreibt zum Beispiel Videotext-Untertitel für Gehörlose. Nun teilte ihm nach eigener Aussage sein Arbeitgeber mit, dass er nicht mehr wiederkommen brauche.

"Ich komme mir wie die Elke Heidenreich des NDR vor"

"Am Dienstag rief mich meine direkte Vorgesetzte vom NDR an", sagte Kreymeier SPIEGEL ONLINE. "Sie sagte mir, dass alle meine Märztermine, für die ich schon gebucht war, gestrichen worden seien". Der Grund: sein Werbespot, mit dem er zum GEZ-Boykott aufriefe. Doch Kreymeier wehrt sich gegen diese Kritik: "Das ist keine Kampagne gegen GEZ-Gebühren." Ganz im Gegenteil, die Kampagne werbe für inhaltlich ansprechendes Fernsehen, "und zwar so, wie es durch den Rundfunkstaatsvertrag formuliert ist. Ich komme mir ein bisschen wie die Elke Heidenreich des Norddeutschen Rundfunks vor."

Der NDR sieht die Sache etwas anders. Man habe keineswegs eine Beendigung der bisherigen Zusammenarbeit festgestellt, sagte Sendersprecher Martin Gartzke SPIEGEL ONLINE. "Herrn Kreymeier wurde lediglich mitgeteilt, dass - vor dem Hintergrund seiner Initiative 'Dafür zahl' ich nicht' - eine Fortsetzung der Zusammenarbeit überprüft werden müsse." Ein klärendes Gespräch habe er aber abgelehnt. Hämisch kommentiert NDR-Sprecher Martin Gartzke: "Nicht ohne Schmunzeln haben wir zur Kenntnis genommen, dass sich Herr Kreymeier offenbar als die Elke Heidenreich des NDR sieht. Soweit wir wissen, hat Frau Heidenreich nie Videotext-Untertitel für ZDF-Sendungen geschrieben."

Ob Kreymeier nun gegangen wurde oder selbst gegangen ist - bei einem freien Mitarbeiter ohne Vertrag spielt das keine große Rolle. Fest steht nur: Der NDR hat seinen Spaß ziemlich ernst genommen - und Holger Kreymeier wird in Zukunft ein bisschen mehr Zeit zur Produktion von kostenfreien, fernsehkritischen Inhalten haben.

chc



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