Foto-Shooting in Tschernobyl Die Schönen und das Biest

Models posieren lassen, wo Menschen verseucht wurden - darf man das? Der Fotograf Marc Erwin Babej sagt ja und erklärt seine spektakuläre Fotoserie "Chernogirls", die im Frühjahr 2014 durch Galerien in Europa und den USA tourt.

Marc E. Babej

Marc Erwin Babej, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebt heute in New York City. Er studierte Geschichte an der Brown University in Providence (Rhode Island) und absolvierte einen Masterstudiengang in Journalismus an der Columbia School of Journalism. Er war unter anderem in Burma, dem südlichen Afrika und Rio de Janeiro für Fotoprojekte unterwegs. Für SPIEGEL ONLINE erklärt er im Folgenden sein provokantes Projekt "Chernogirls".

Eine ganz traurige Existenz ist das. Ein Leben in der Sperrzone. Einmal pro Woche werden im Sommer Lebensmittel geliefert. Im Winter sind die Ansiedler monatelang sich selbst überlassen. Sie leben an einem Unort, sie leben im Sperrgebiet von Tschernobyl. Im Niemandsland. Wo gibt es hier noch Schönheit? Wo gibt es hier noch Hoffnung? Sie liegt in der neuen Generation, die sich von ihrer schweren Vergangenheit zu befreien versucht.

Die jungen Frauen, die hierher gekommen sind, müssen sich an Regeln halten. Sie müssen lange Hosen tragen, langärmelige Jacken. Sie sollten nicht auf Wiesen laufen, nicht auf Moos treten. Dort nämlich steckt die unsichtbare Gefahr, die Tschernobyl hinterlassen hat. Svetlana Karabin und Katia Sivtsova sind in die Sperrzone gereist, um Fotos von sich machen zu lassen. Ein Shooting an einem verlassenen, geschundenen Ort. Es ist ein Projekt, das eines zeigen soll: Diese Frauen haben sich von ihrer Vergangenheit emanzipiert.

Sie schauen verführerisch in die Kamera, posieren vor einem alten Riesenrad, drücken sich an Wände, von denen der Putz abbröckelt, lassen sich in einem alten, leeren Schwimmbecken ablichten. Die Frauen, allesamt stilvoll geschminkt, kommen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Sie sind in den Jahren nach dem Unglück und in der Zeit vor dem Zerfall der UdSSR geboren.

Unbehagliche Wortschöpfung

Die Schauplätze, an denen sie fotografiert wurden, bezaubern nicht durch Spielbudenplatz-Romantik, sie stehen für eine der größten Umweltkatastrophen der Menschheit. Bringt man Models, die aus der Region stammen, dorthin und macht Fotos von ihnen, hat das einen Beigeschmack. Vielleicht beweist ein solches Projekt aber auch, dass die Nachkommen der Opfer die Kluft überwunden haben.

Sie begründen die erste Generation, die gegen veraltete Rollenbilder und Denkmuster rebelliert. Sie stammen aus Kiew oder, wie Anastasya Kuchinskaya und Anastasya Tarasava, aus Minsk - aber sie studieren, arbeiten oder leben gar in den Hauptstädten der Mode New York, Mailand, London, Hongkong oder Paris.

Man könnte sie Chernogirls nennen - eine Wortschöpfung, die den Untergang der Sowjetunion mit westlicher Popkultur verbindet. Chernogirls - das könnte auch der Name einer Comic Serie von Marvel sein. Zugleich aber klingt das Wort unbehaglich, unbequem. Ebenso wie die Fotos aussehen. Diese Frauen sind Erben des alten Sowjetreichs - und könnten doch gleichzeitig nicht weiter davon entfernt sein.


"Chernogirls: Minsk and Chernobyl" wird im Frühjahr von der Pashmin Gallery in Hamburg, der AB Gallery in Zürich, der Adamson Gallery in Washington, DC, und der Amstel Gallery in Amsterdam auf dem Kunstmarkt vorgestellt.



insgesamt 24 Beiträge
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enfanterrible 17.12.2013
1. Schwach
Naja, die Fotos sind allesamt eher schwach und die Models sehen wie müde entführte Aliens aus. Tschernobyl hat als spektakulärer Ort auch ausgedient...
darkangel_ger 17.12.2013
2. also
also der umwelt geht es prächtig in und um tschernobyl. und warum ? weil der mensch weg ist und keinen schädlichen einfluß nehmen kann. also eine umweltkatastrophe würde ich tschernobyl nicht bezeichnen, wenn man den mensch aussen vor lässt.
Thomas C. 17.12.2013
3. optional
Ist jetzt nicht böse gemeint, aber die Fotos sind in meinen Augen wirklich ein bisschen einfallslos. All diese Motive hat man gefühlt schon 1000 Mal gesehen und der Schwarz-Weiß-Filter reisst da auch nichts mehr.
sangerman 17.12.2013
4. auf Kosten
einer Katastrophe Bekanntheitsbonus zu erwerben ist einfach nur arm.
digitalesradiergummi 17.12.2013
5. Alternative hier
Zitat von Thomas C.Ist jetzt nicht böse gemeint, aber die Fotos sind in meinen Augen wirklich ein bisschen einfallslos. All diese Motive hat man gefühlt schon 1000 Mal gesehen und der Schwarz-Weiß-Filter reisst da auch nichts mehr.
Das ist der Miss Kontest unter den russichen AKW-Angestelltinnen, auch wenn sei nur zu diesem Zweck eingestellt wurden. http://miss2011.nuclear.ru/ru/contesttotals/ Etwas seriöser, dei Photogalerien des WIN (Woman in Nuclear) http://www.win-global.org/ Shooting Star ist Weltgrößter Atomkonzern: Areva-Chefin Lauvergeon muss gehen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/weltgroesster-atomkonzern-areva-chefin-lauvergeon-muss-gehen-a-768883.html) Areva heisst eigentlich nur Areva, weill ein es der Frau Lauvergeon bekannter Ort ist, und sie den toll fand.
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