Oxford Dictionaries "Postfaktisch" ist internationales Wort des Jahres

Wir leben im postfaktischen Zeitalter, sagte schon Angela Merkel. Findet auch die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries, die den Begriff zum internationalen Wort des Jahres kürte.

Postfaktisch: Menschen lassen sich von ihren Gefühlen leiten, etwa bei der US-Wahl
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Postfaktisch: Menschen lassen sich von ihren Gefühlen leiten, etwa bei der US-Wahl


Die britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries hat am Mittwoch auf ihrer Webseite ihr internationales Wort des Jahres bekannt gegeben. Es handelt sich um den Begriff "post-truth", auf Deutsch übersetzt mit "postfaktisch". Das Redaktionsteam wähle immer ein Wort aus, das das vergangene Jahr am besten reflektiere, heißt es in der Begründung. Untersuchungen der Redakteure hätten ergeben, dass die Verwendung des Begriffs "postfaktisch" seit 2015 um ungefähr 2000 Prozent zugenommen habe.

"Post-truth" kann im Englischen sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv verwendet werden. Oxford Dictionaries definieren den Begriff als Beschreibung von "Umständen, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Bezüge zu Gefühlen und persönlichem Glauben".

Die Verwendung des Begriffs habe dieses Jahr im Zusammenhang mit dem Brexit-Votum der Briten im Juni deutlich zugenommen "und dann wieder im Juli, als Donald Trump sich die Nominierung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten sicherte".

In den USA ist das Wort schon seit 2012 ein Begriff, in Deutschland kam es wesentlich später an. Die Onlineausgabe des Duden listet es noch immer nicht. Angela Merkel benutzte es am 19. September bei einem Auftritt nach der für die CDU verlorenen Berlin-Wahl. Sie sagte damals: "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen."

kae/afp



insgesamt 55 Beiträge
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dantheman77 16.11.2016
1. Gute Wahl!
Die zunehmende Tendenz zur postfaktischen Wahrnehmung lässt mich zusehens fassungslos zurück. Zugleich erweisen sich Anhänger postfaktischer Weltsichten als absolut faktenresistent und nicht im mindesten zu einer Diskussion fähig oder bereit. Mir graut vor einem erstarken der Populisten auch hier in D...
wardawas? 16.11.2016
2. es gibt solche und solche Fakten
In Deutschland muss niemand verhungern. Fakt. Es gibt aber viele Tausend die bei den Tafeln essen (müssen). auch Fakt. Die Betroffenen haben das GEFÜHL arm zu sein und das ist für sie FAKT, und leider habe sie Recht, ihre Armut ist FAKT. Die heute in Mini Jobs und ähnlichem arbeiten, werden spätestens im Rentenalter auch zur Tafel müssen. Ist das nur ein Gefühl oder Fakt ? Was heute tatsächlich immer mehr zunimmt ist, dem Menschen geht zunehmend der Glaube verloren dass die Eliten und Experten ihr Wohl im Auge haben. Den Sonntagsreden wird heute nicht mehr so leicht vertraut, zu oft wurde das Vertrauen nicht belohnt. Ist das auch nur ein Gefühl. Wie arrogant ist es, z.B. einem H4 Empfänger zu sagen: Fakt ist, dass du versorgt wirst, du musst nicht hungern, es geht dir noch immer 100 mal besser als vielen Armen auf der Erde, du bist nur leider nicht klug genug all diese Fakten zu erkennen,, deshalb fühlst du dich arm.
_Mitspieler 16.11.2016
3. Post-faktisch
korreliert positiv mit Post-rational. Die Abwesenheit von Rationalität und Intelligenz führt zu Alternativlosigkeit. Das faktenignorierende Ersetzen von Wissen durch Glauben oder in seiner reduziertesten Form durch nihilistischen Politklamauk der Kategorie Trump, Farage oder Johnson ist im Mainstream angelangt.
ditta 16.11.2016
4. Denken - sagen - tun
Es ist bezeichnend für diese Zeit, daß "post-truth" zum internationaen Wort des Jahre gekürt wurde. Man sollte aufmerksam beiben, wer es wann , wie , wo, warum und mit welchem Ziel verwendet! Es hat eine starke manipulative Konnotation, durch welche sich das "Post-Faktische" eher als Unwort des Jahres charakterisiert.
cdrb 16.11.2016
5.
Zitat von dantheman77Die zunehmende Tendenz zur postfaktischen Wahrnehmung lässt mich zusehens fassungslos zurück. Zugleich erweisen sich Anhänger postfaktischer Weltsichten als absolut faktenresistent und nicht im mindesten zu einer Diskussion fähig oder bereit. Mir graut vor einem erstarken der Populisten auch hier in D...
Die Populisten sind hier schon seit Jahrzehnten am Werke und haben das "postfaktische" Zeitalter schon weit vorangetrieben. Genau deshalb merken Sie deren Tun schon gar nicht mehr. Haben Sie über diese Möglichkeit schon einmal nachgedacht, und was sie bedeuten würde?
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