"Postmigrantisches Theater" Frau Lehrerin schießt scharf

Es war ein Überraschungshit, den leider kaum einer sehen konnte. Im Spätsommer zeigten die Berliner Theatermacher Nurkan Erpulat und Jens Hillje "Verrücktes Blut" - nun wird die so lustige wie clevere Aufführung wieder auf den Spielplan gesetzt.


Das Rezept klingt einfach: Man nehme einen reißerischen, aber humorlosen Kinofilm über eine im Klassenzimmer durchdrehende französische Lehrerin, man verlagere die Geschichte nach Berlin-Kreuzberg, würze sie mit akrobatischen und humoristischen Einlagen und pflanze diesen Mix mitten in die Migrations-Debatte. Fertig ist der Überraschungserfolg der Theatersaison. Und tatsächlich macht "Verrücktes Blut", das von Montag an wieder im Ballhaus Naunynstraße auf dem Spielplan steht, auch noch höllisch Spaß!

Vermutlich war es aber doch erstmal harte Arbeit, bis der Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje, bis vor kurzem einer der Chefs der Berliner Schaubühne, aus dem Film "La journée de la jupe", der unter dem deutschen Titel "Heute trage ich Rock" auch auf Arte lief, eine wilde Komödie voller überraschender Wendungen und greller Scherze gezimmert hatten. Im Film, der 2009 herauskam, spielt Isabelle Adjani eine Lehrerin, die erst von ihren Schülern gedemütigt wird und dann plötzlich eine Pistole in der Hand hält. Im Theaterstück ist die Schauspielerin Sesede Terziyan die Pädagogin. Die zierliche und noch junge, aber vom Frust schon leicht buckelige Frau will Friedrich Schillers "Räuber" durchnehmen, um jeden Preis, das sieht man ihren funkelnden Augen an und ihrer zitternden Oberlippe.

"Willst du sterben, oder was?"

In ihrem Klassenzimmer, das hier ein metallglänzendes Bühnenpodest ist, spielt sich das tägliche Grauen ab. Ihre Theater-AG aus sieben Türken- und Araberkindern, fünf Jungs und zwei Mädchen, ist ein Sauhaufen. Die ungebärdigen Kinder nennen sich selbst Kanaken. Sie knutschen und sie schlagen sich, sie kratzen mitten im Unterricht ihre Genitalien und daddeln auf ihren Handys, und wenn ihnen einer blöd kommt oder auch nur um ein paar Sekunden Ruhe bittet, dann fragen sie: "Willst du sterben, oder was?"

Bis ihre Lehrerin plötzlich eine Knarre in der Hand hält, die einem der Schüler aus dem Rucksack gefallen ist, und den Respekt einfordert, den ihre Schützlinge stets großkotzig im Mund führen. "Ihr haltet jetzt mal die Fresse!", zischt sie. Und bald darauf schießt sie einem der Jungs ein Loch in die Hand.

Der offensichtlichste Witz des Stücks liegt in der Kombination dieses Tumults ausgerechnet mit Schillers Sturm-und-Drang-Drama "Die Räuber". Als Frau Lehrerin den Migrantenkindern erklärt, dass sich ihre Wut im Jahr 2010 und die des Schillerschen Räubers Karl Moor mehr als 220 Jahre zuvor gegen eine ganz ähnliche Gleichgültigkeit richte. "Pfui, pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert", lautet die berühmte "Räuber"-Losung. "Die spucken wie ihr auf den Staat und alle Autoritäten", erfahren die Ghetto-Kids von heute.

Der Regisseur lockert die Lehrstunde nicht nur durch Action-Stunts und HipHop-Akrobatik auf, er lässt auch singen. Am liebsten deutsches Liedergut, das die bewaffnete Lehrkraft und ihre Geiseln gemeinsam anstimmen. "Ich hab' mich ergeben / mit Herz und mit Hand / dir Land voll Lieb' und Leben / mein deutsches Vaterland."

Das Aggro-Ensemble schafft ein Theaterwunder

"Verrücktes Blut" ist sehr lustig und sehr clever. Auf der Bühne stehen lauter junge Profis mit Fernseh-, Film- oder Theatererfahrung, wobei die Klassenrüpel Tamer Arslan und Sohel Altan G. aus dem Aggro-Ensemble herausragen.

Als die Berliner Produktion im Spätsommer erst bei der Ruhrtriennale in Duisburg Premiere feierte und dann zu Hause in Kreuzberg, war die Begeisterung groß und der Andrang auch. Der Berliner Anwalt Peter Raue, eine republikweit bekannte Hauptstadtkulturbetriebsnudel, nannte die Show "ein Theaterwunder".

Umso verwunderlicher ist es, dass die Amok-Komödie vom Zusammenprall der Kulturen lange nicht auf dem Spielplan des 2008 gegründeten "Postmigrantischen Theaters" in der Naunynstraße stand. Zeugt es nicht ein bisschen von der Unbeweglichkeit des Theatergeschäfts, wenn die Nachfrage derart ignoriert wird und das Angebot so verknappt bleibt? Im Ballhaus haben nur 102 Zuschauer Platz. Man kann darauf wetten, dass es dort von Montag an ein ziemliches Gedränge gibt.


"Verrücktes Blut". Von Nurkan Erpulat und Jens Hillje. Frei nach dem Film La Journée de la Jupe, Drehbuch und Regie Jean-Paul Lilienfeld. Regie: Nurkan Erpulat. Berlin. Ballhaus Naunynstraße. Wiederaufnahme 9.-11. und 13.-15. sowie 17.-19.12.2010, 20 Uhr.



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