Pottermania Monothematik unterm Weihnachtsbaum

Erfolgreicher Marketing-Feldzug: Nicht nur die profitorientierte Autorin J.K. Rowling, sogar die Medien haben ganz freiwillig ihre uneingeschränkte Solidarität mit dem Harry-Potter-Film erklärt. Die jugendliche Zielgruppe wird unterdessen mit einer Merchandising-Offensive in Schach gehalten.

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Hogwarts zum Selberbauen: Potter-Merchandise von Lego

Hogwarts zum Selberbauen: Potter-Merchandise von Lego

Unser täglich Harry gib uns heute. Was früher als passabler Werbespruch eines bundesdeutschen Großbäckers durchgegangen wäre, steht offenbar längst als Leitsatz in den Unterhaltungsredaktionen vieler Zeitungen. Knappe drei Wochen vor dem Start des Films "Harry Potter und der Stein der Weisen" läuft die Berichterstattung auf Hochtouren, dabei haben den vermeintlichen Blockbuster bisher nur eine Hand voll Journalisten zu Gesicht bekommen.

Macht ja auch nichts, denn was uns der Unterhaltungskonzern AOL Time Warner durch seinen verlängerten Arm, die Film- und Verleihfirma Warner Bros. seit Wochen in die Gehörgänge träufelt, hat seine Wirkung nicht verfehlt: "Harry Potter und der Stein der Weisen" ist der Film des Jahres, besser, größer, emotionaler als "Titanic", spannender als "Star Wars - Episode II" und beeindruckender als "Der Herr der Ringe" - nicht zufällig übrigens sind die letztgenannten Filme direkte Konkurrenten von Warner im Gerangel um den Titel des erfolgreichsten Blockbusters der Weihnachtssaison. Indirekter Werbeclaim der Warner-Brüder: Wenn Harry kommt, können Jedis und Hobbits einpacken.

Schauspieler Radcliffe als Harry Potter: Viel zu gutaussehend?
Warner Bros.

Schauspieler Radcliffe als Harry Potter: Viel zu gutaussehend?

Das, so demokratisch geht es an der Kinokasse immerhin noch zu, werden allerdings die Kinder entscheiden, die zu Scharen und am besten mehrfach ins Kino strömen sollen, um eine Figur, die es bisher nur in ihrer Phantasie gab, personifiziert durch einen naseweisen britischen Zwölfjährigen auf der Leinwand zu bewundern. Hier, das sollten auch die Warner-Strategen wissen, liegt die Schwachstelle in der ansonsten ausgeklügelten Vermarktungskette. Denn Schauspieler Daniel Radcliffe, der eigentlich viel zu gut aussieht und sich viel zu smart gibt, um den Underdog Potter zu verkörpern, muss überzeugen. Basta!

Zur prophylaktischen Schadensbegrenzung, sollte der bereits als Kinderstar gehypte Radcliffe als Identifikationsfigur versagen, hat man sich die Solidarität der Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling gesichert, die bei der Uraufführung des Films in London so herzhaft mit den jugendlichen Darstellern knuddelte, dass es eine wahre Freude war. Dieselbe Schriftstellerin, die sich nicht zu schade war, ihren erfolgreichen Zauberlehrling an einen Brause-Hersteller zu verkaufen, versäumte es dann auch nicht, den Hollywood-Routinier Chris Columbus ("Kevin - Allein zu Haus", "Mrs. Doubtfire") über den grünen Klee für seine sorgfältige Behandlung ihres Buches zu loben. Einbezogen sei sie gewesen und penibel auf die Einhaltung der Originaldialoge habe sie geachtet, beteuerte sie und zeigte sich "glücklich und erleichtert" über das offensichtliche Wohlwollen der Premierengäste nach der Vorführung.

Potter-Kappe: Monothematik unterm Weihnachtsbaum

Potter-Kappe: Monothematik unterm Weihnachtsbaum

Abseits der Segnung durch Potter-Mami Rowling werden die Kids natürlich auch noch materiell bestochen. Der Aufwand an Merchandising-Artikeln spottet jeder Beschreibung. Gleich drei Spielwaren-Spezialisten haben sich Lizenzen bei Warner besorgt, um für Monothematik unterm Weihnachtsbaum zu sorgen. Eichborn-Verlag, Achterbahn AG und Lego ließen ihre Kreativzellen toben und entwarfen T-Shirts, Socken, Kappen, Brettspiele und Bausätze im Harry-Potter-Design, dass es eine wahre Produkt-Pracht ist. Dazu kommen Zauberkostüme, magische Runen, Federmäppchen, Schlüsselanhänger, Puzzles, Kalender und selbstredend auch die obligatorischen Actionfiguren, deren Verwandtschaft mit Harry, Hermine, Hagrid und Co. man wie üblich nur erahnen kann. Fehlt nur noch die Original-Harry-Potter-Christbaumkerze: Advent, Advent, ein Harry brennt...

Potter-Socke: Tobende Kreativzellen

Potter-Socke: Tobende Kreativzellen

Die britische Boulevardpresse, allen voran der "Daily Telegraph", die "Sun" und die "Daily Mail", übte sich nach der Premiere schon einmal in uneingeschränkter Solidarität und jubelte aus allen Schlagzeilen, wie gelungen der Film sei, wie gut getroffen die Charaktere seien und wie trefflich man die 150 Millionen Euro Produktionskosten umgesetzt habe. Nun gut, dass "Harry Potter und der Stein der Weisen" ein handwerklich perfektes Produkt, ja geradezu eine Nummer sicher sein würde, davon war auszugehen. Auch mangelnde Sorgfalt und unsensiblen Umgang mit den empfindlichen Kindergemütern mag man den erfahrenen Filmemachern aus der Traumfabrik nicht unterstellen.

Potter-Erfinderin Rowling: uneingeschränkte Solidarität
EPA/DPA

Potter-Erfinderin Rowling: uneingeschränkte Solidarität

Und doch stellt sich die Frage, ob der Potter-Hype nicht doch noch nach hinten losgehen kann, denn der Erfolg des sympathischen Nachwuchszauberers basiert noch immer auf der Magie gedruckter Wörter. Das weiß auch der elfjährige Tim Schwarzmaier aus München, Potter-Fan und deutsche Synchronstimme von Daniel Radcliffe. In einem Fernsehinterview zeigte sich der Angehörige der Hauptzielgruppe wenig enthusiastisch, was den Film betrifft. Er könne sich nicht vorstellen, den Film mehrmals anzusehen. Ihm genüge es völlig, "alle Bücher zu lesen".



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