Prägender Medientheoretiker: Friedrich Kittler ist tot

"Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften": So hieß ein Band, den Friedrich Kittler 1980 herausgab. Er interessierte sich vor allem für die technischen und medialen Bedingungen des Denkens. Seine Theorien brachten ihm weltweites Ansehen. Nun ist er im Alter von 68 Jahren gestorben.

Friedrich Kittler im ZDF-"Nachtstudio", 2008: "Man ist so halb Klassiker geworden" Zur Großansicht
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Friedrich Kittler im ZDF-"Nachtstudio", 2008: "Man ist so halb Klassiker geworden"

Friedrich Kittler hatte vorgesorgt: Ende 2010 überließ er seinen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Darunter befinden sich neben ungedruckten Manuskripten, Vorarbeiten zu veröffentlichten Werken und ausgewählten Exemplaren seiner Bibliothek auch Briefwechsel zwischen Kittler und befreundeten Wissenschaftlern wie Michel Foucault oder Jacques Derrida. "Ich habe das tröstliche Gefühl, dass jemand, der wissen will, wie meine ungeschriebenen Bücher aussehen könnten, das ganz gut rekonstruieren könnte, falls ich plötzlich umfalle", sagte er der "Welt am Sonntag" dazu.

Am Dienstagmorgen ist Friedrich Kittler nun in Berlin gestorben. Der Kulturwissenschaftler, der vor allem für seine Medientheorie Mitte der achtziger Jahre bekannt geworden ist, wurde 68 Jahre alt.

Kittler war von Haus aus Literaturwissenschaftler, doch seine Habilitationsschrift wurde 1984 an der Universität Freiburg erst nach dem 13. (statt der üblichen drei) Gutachten anerkannt. Aber das Werk mit dem Titel "Aufschreibesysteme 1800/1900" wurde prägend für eine Schule in den Geisteswissenschaften, die die technische Umsetzung des Denkens in den Mittelpunkt rückte. Kittlers These war, dass die Techniken und Institutionen, mit deren Hilfe Kulturen Daten adressieren, verarbeiten und speichern, auch das Denken selbst prägen - Kulturwandel gehe deshalb immer mit medientechnischen Veränderungen einher.

Musik, Liebe und Mathematik

In seinem zweiten großen Werk, "Grammophon, Film, Typewriter" beschrieb er, wie Kriege entscheidende Impulse bei der Entwicklung neuer Medien brachten, zum Beispiel bei der Erfindung des Telegrafen während der Napoleonischen Kriege. Umgekehrt bezeichnete er den Irak-Krieg 2003 in einem Interview als "technischen Quantensprung."

Der 1943 in Rochlitz (Sachsen) geborene Wissenschaftler studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie, später war er Professor in Bochum und Berlin; in Yale und an der Columbia University wurde er für sein Schaffen geehrt. In einem SPIEGEL-Artikel von 1989 sagte er mit leiser Verwunderung: "Man ist so halb Klassiker geworden."

Es gebe in Deutschland wohl niemanden, der so sehr dem Klischee des verrückten Professors entspreche, hieß es in der "Welt am Sonntag" über Kittlers "schlohweißen Haarschopf und den üppigen Schnurrbart". In der "taz" erzählte er 2008 die schöne Geschichte, wie das ZDF einen bekennenden Raucher suchte. Nachdem Helmut Schmidt abgelehnt habe, weil ihm das "Morgenmagazin" zu popelig sei (und drei andere Sozialdemokraten sich nicht outen wollten), wurde Kittler eingeladen.

Mit 33 Jahren habe er in seinem Zettelkasten die Themen angesehen, über die er noch schreiben wolle, erzählte Kittler anlässlich der Übergabe seines Nachlasses. Zuletzt waren "Musik und Mathematik", sowie die Liebe Gegenstände, mit denen er sich befasste. Aber seine Prognose bewahrheitete sich dennoch: "Dieses Leben reicht dafür nicht."

feb/dpa

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