Prager Biennale: Wie Saddam reingelegt wurde

David Cerny ist immer gut für eine Provokation. Er malte Panzer rosa an, stellte Denkmäler auf den Kopf und hat jetzt, pünktlich zur Biennale in Prag, einen neuen Kunststreich ausgeheckt: einen eingelegten Diktator.

 Cerny-Werk "Saddam-Hussein-Hai": Trophäe für Kriegsherren?
DPA

Cerny-Werk "Saddam-Hussein-Hai": Trophäe für Kriegsherren?

Ob er wieder für einen Skandal sorgen wird wie 2001, als sein rosaroter Panzer für Furore sorgte? Damals hatte der tschechische Künstler David Cerny das legendäre Fahrzeug vom Typ T34 als Ehrenmal für die sowjetischen Befreier in Prag gestaltet, es sollte vor dem dortigen Justizpalast halb in die Erde versenkt werden.

Dann plötzlich hagelte es Proteste: Die russische Botschaft sah in der Installation eine Verhöhnung der im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten; Ministerpräsident Milos Zeman nannte das Projekt eine "arrogante, unüberlegte Aktion der Sprayer-Generation". Bereits 1990 hatte der heute 37-jährige Cerny den Panzer zum Kunstobjekt gemacht: Rosa angemalt sollte das angeblich erste Fahrzeug der Roten Armee, das Ende des Zweiten Weltkriegs in die tschechoslowakische Hauptstadt einfuhr, zum Zeichen einer friedlichen Revolution werden.

Der frühere Präsident Vaclav Havel war ebenfalls nicht amüsiert: Er befürchtete ein Verbleiben der sowjetischen Truppen in der damaligen Tschechoslowakei und ließ den Panzer umfärben. 1991 wurde das Fahrzeug dann endgültig vom Sockel gestoßen; es fristete von da an ein immobiles Schattendasein in einem Militärmuseum.

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Prager Biennale: Der Diktator als Hai

Jetzt hat sich Cerny die jüngste Geschichte vorgeknöpft und in Anlehnung an Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegten "Hai" den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein in grüner Füssigkeit verewigt. Mit auf den Rücken gefesselten Händen sieht der im letzten Jahr in einem Erdloch aufgespürte Iraker wie ein Stück aus der Sammlung eines perversen Forschers aus. Das Gesicht bleich und aufgedunsen, der Körper nackt und bloßgestellt, gibt Cernys Objekt Anlass zu unbequemen Fragen. Sehen so die Trophäen zukünftiger Kriegsherren aus? Werden politische Verbrecher demnächst auch postum gedemütigt - als Schaustücke für jedermann? Oder ist hier einfach nur gut konserviertes Anschauungsmaterial zu sehen, Begleitendes für den Geschichtsunterricht: Ach, so schaute der Saddam aus!

Der "Saddam-Hussein-Hai" ist aktuell bei der Biennale in Prag zu sehen, neben 200 weiteren Werken, die in der Prager Karlin-Halle einen Überblick über die zeitgenössische Kunst von Malerei und Bildhauerkunst vermitteln soll.

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