Preis der Nationalgalerie Schau mal, da wächst ein Container!

Wer sind die Kunststars von morgen? Um die wichtigste deutsche Auszeichnung für junge Künstler konkurrieren in Berlin vier Nachwuchstalente mit verblüffenden Arbeiten - darunter eine Hecke in Containerform und einem Handyfilm-Kunstwerk aus dem Irak.


Baustellen, überall Baustellen. Reale Baustellen, Baustellen der Phantasie, der Erinnerung, der Gesellschaft. Wenn man möchte, kann man sich die Berliner Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie entlang dieses Leitfadens erschließen. Er ist in die Arbeiten verwoben, mit denen sich die vier nominierten Künstler um die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung bewerben, den wichtigsten Preis für junge Kunst in Deutschland.

An Baustellen mangelt es in Berlin, wo alle vier Kandidaten derzeit leben, zwar ohnehin nicht. Trotzdem bezeugt dieses untergründig geteilte Motiv, in welchem Maße sich derzeit künstlerische Imagination an der gebauten Umwelt und den konkreten Formen des urbanen Alltags entzündet, dort wo derzeit auch die meisten politischen Protestbewegungen ansetzen.

So steht man etwa, noch im Hof vor dem Ausstellungsgebäude des Hamburger Bahnhofs, vor einem Schuttcontainer. Die schwedische Künstlerin Klara Lidén hat das so charakteristische Element der Berliner Stadtmöblierung hier aufgepflanzt. Und zwar wortwörtlich. Denn sie hat eine Eibengruppe in den Garten gesetzt, sie in Container-Form zurechtgestutzt und im Inneren mit Unkraut bepflanzt. So hat sie die profane Schuttschütte umdefiniert: Ihr Container ist kein Entsorgungsbehältnis, sondern gleicht einem Beet, umhegt von einer Hecke, die dem Wildwuchs Raum gibt - eine augenzwinkernde Reflexion auf das alte Thema von Form und Inhalt und zugleich ein Memorial für die Brach- und Freiflächen der Städte, die unter immer neuen Bauten verschwinden.

Begleitet von einer zehnköpfigen Schutztruppe

Der Franzose Cyprien Gaillard, der kürzlich durch seine in den Berliner Kunstwerken errichtete Pyramide aus 72.000 Bierflaschen Furore machte, trägt die aufwändigste Arbeit bei. Gaillard reiste Ende Juni für zehn Tage in den Irak, um dort mit seiner Handykamera zu filmen. Das war nur möglich nach Interventionen durch das Pariser Centre Pompidou und die französische Botschaft, nur in einem gepanzerten Wagen und unter Begleitung einer zehnköpfigen, bewaffneten Schutztruppe. Die Bilder kopierte Gaillard auf das 35-mm-Kinoformat um und unterlegte sie mit Klängen des David-Gray-Songs "Babylon", den US-Soldaten zum Foltern von Gefangenen benutzt haben sollen.

Entstanden ist ein verstörendes Filmpoem aus Aufnahmen von Baustellen in Bagdad, von den babylonischen Ruinen, von dem nach Berlin verfrachteten Ischtar-Tor und von dem gigantischen Palast, den Saddam Hussein direkt neben dem Ruinenfeld hochzog.

Gleich nebenan reaktiviert Andro Wekua seinen bereits in Wien und Kassel gezeigten Film "Never Sleep with a Strawberry in Your Mouth". Der Film zeigt ein Haus am Meer, durchströmt von Sonnenuntergangslicht. Eine jugendliche Hauptfigur schlägt an einem weißen Flügel Töne an, die maskierte, totenblasse Wesen als hochartifizielle und beklemmende Schemen heraufbeschwören. Ein Doppelgänger des Jungen taucht in Gestalt einer hyperrealistischen Wachsfigur im Ausstellungsraum auf: Er liegt auf einem Brett, das in einem baustellenartigen Arrangement auf Böcken ruht. Sein Kopf scheint in einen Sockel einbetoniert, auf dem sich das Modell eines Hauses erhebt - das Ganze ein Bild für das Feststecken in Vergangenheit, für die ewige Baustelle der Erinnerung, auf der sich, wie im gezeigten Film, Traum und Traumata treffen.

Wilde, ruckartige Kapriolen

Konturiert wird diese Arbeit von der persönlichen Geschichte des Künstlers. Wekua ist im in der völkerrechtlich umstrittenen Schwarzmeer-Republik Abchasien gelegenen Sochumi aufgewachsen, von wo er, seine Familie und nahezu alle Georgier seit den brutalen Massakern und Vertreibungen Anfang der neunziger Jahre verbannt wurden.

Auf unterschwelligere gesellschaftliche Gehalte verweisen die minimalistischen Arbeiten von Kitty Kraus. Sie hat eine lange Glasscheibe bis kurz vor dem Zersplittern aufgebogen und lose auf ein senkrecht stehendes Glas aufgelegt. Entstanden ist ein Bild für Spannungen, die bis zum Limit gehen und ein prekäres Gleichgewicht bedrohen.

Alle vier Kandidaten sind Jungstars, die im internationalen Ausstellungsgetriebe längst mitrotieren. Allein drei von ihnen - Wekua, Lidén und Gaillard - sind bei der derzeitigen Biennale in Venedig dabei. Und die beiden Künstlerinnen werden von derselben Galerie, der Berliner Galerie Neu, vertreten. Beides kann man problematisch finden. Die Qualität der gezeigten Arbeiten aber - und diese und nicht das Gesamtwerk der Künstler ist für den Preis entscheidend - versöhnt mit der Wahl der ersten Jury.

Die zweite Jury, in der mit Bice Curiger auch die aktuelle Kuratorin der Venedig-Biennale vertreten ist, wird es nicht leicht haben. Sie wird am Nachmittag des 28. September entscheiden. Den leichteren Part haben dann am Abend Iris Berben und Bruno Ganz. Sie übergeben den Preis, bevor dann die schon traditionelle Party steigt. Sie lässt gewöhnlich, zumindest für eine Nacht, alle Baustellen vergessen.


Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011, 9. September bis 8. Januar 2012 im Hamburger Bahnhof, Berlin.



insgesamt 1 Beitrag
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stubborn 10.09.2011
1. Novum sub luna:
Diese Hecke erinnert doch sehr stark an Rosemarie Trockels "Less Sauvage Than Others"; deren Hecke in Münster war: aus Eibe. Genau. Plagiate sind in der Kunst die Normalität - da habe ich gar kein Problem mit. Aber fahrradzertrümmernde Jungkünstler, einmal entdeckt, können sich halt alles erlauben. Die Galeristen werdens schon richten....
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