Premiere am Thalia Theater Wenn's kracht wie geschmiert

"Der Raub der Sabinerinnen" ist Komödienstoff nach Maß für einen spaßverliebten Regisseur wie Herbert Fritsch. Seine neue Inszenierung des Stückes am Hamburger Thalia Theater tappte aber in klassische Klamotten-Fallen.

Von

"Der Raub der Sabinerinnen": Slapstick beherrschte die großzügig geöffnete Bühne
Angerer, Krafft

"Der Raub der Sabinerinnen": Slapstick beherrschte die großzügig geöffnete Bühne


Hamburg - Am Schluss schnurrt die Drehbühne wie eine Spieluhr, auf der alle Figuren ihren Platz gefunden haben: Durchs Chaos zum Happy End, wie es sich für eine Remmidemmi-Komödie gehört, die unter der Hand einer Regie-Frohnatur wie Herbert Fritsch in dieser Inszenierung noch einmal unter Adrenalinstößen erbebte.

Was soll man auch mit einem Stück wie dem Klamauk-Klassiker "Raub der Sabinerinnen" machen? Das Hamburger Thalia Theater stand Kopf, das Publikum zappelte berauscht mit den Händen, das rasende Ensemble hatte sich durchs erbarmungslose Nummernprogramm des Dramas gewühlt. Florett oder Keule, das war hier nicht die Frage. Himmel, die Schmiere hatte soeben zugeschlagen, das Urtheater, das fröhlich-traurige Thema der "Sabinerinnen" kochte über. Wenn das Theater ganz dick aufträgt, keine Geste, keinen Effekt auslässt, dann regiert die "Schmiere". Es rührte nicht Seele an diesem Abend, es würgte an der Gurgel. Nach einer Premiere außer Atem zu sein, ist nicht die schlechteste Theatererfahrung. Dennoch fühlte man sich nach diesem "Raub" seltsam satt und mental entleert.

Die Geschichte des reisenden, rastlosen Theaterdirektoren Emanuel Striese - hier als Emanuela Striese zur Prinzipalin mutiert - und des verhinderten Autors Gollwitz, der das Römerdrama vom Raub der "Sabinerinnen" verfasst hatte, ist griffig: Ein durchreisender Theaterfuchs entdeckt die literarische Jugendsünde eines Kleinstadt-Beamten und bringt sie in dessen Ort auf die Bühne - Schadenfreude und Skandal sind programmiert.

In der Unruhe liegt die Kraft

Die großen Bühnen- und Film-Strieses des letzten Jahrhunderts, von Werner Krauss bis Gustav Knuth, hatten sich jede Mühe gegeben, die Würde des Theateridealisten und die Tragikomik seines Lebenskampfes empathieheischend auszubreiten. "Striese" reimt sich für Franz und Paul von Schönthan, die Autoren des Stücks, nicht zufällig auf "Riese".

Wenig davon zeigt sich in der Inszenierung von Herbert Fritsch. Der Mann, bei dem auch "Hamlet" und "Nora" hampeln, lässt hier natürlich nichts anbrennen. Seine Striesin ruht mit bauernschlauem Sarkasmus als Fels in der Brandung des kleinstädtischen Theatersturmes. Der Regisseur konnte sich dabei voll auf Karin Neuhäuser verlassen, die zu den herausragenden Kräften des derzeitigen Thalia-Ensembles gehört. Ihrem Spiel gehorchten alle, sie zentrierte das entfesselte Ensemble mit ihren Akzenten, ihren Gesten ihrer mal brüchigen, mal stentorhaften Stimme, dem perfekt entfalteten praktischen Intellekt ihrer Figur, man hing an ihren Lippen: eine großartige Darstellerin, die selbst im Slapstick noch erfolgreich nach Zwischentönen schürfte.

Denn Slapstick beherrschte die großzügig geöffnete Bühne über weite Strecken. Von Beginn an, als sich alle Akteure stets konvulsivisch zuckend durch die Szenen und Text robbten, denkt man an Stummfilme, an grelle Gesten und rollende Augen - das überdehnte Gefühl, die peinliche Situation, der Schmerz, den man einfach nach außen stülpen muss. Fertig ist die Komik. In der Unruhe liegt die Kraft, jedenfalls für Herbert Fritsch, der seine Bürger und Bohemiens bis zum sozialen Urknall aufeinander hetzt.

Dazu sind fast keine Requisiten nötig. Mitten auf der Bühne (ebenfalls vom Regisseur konzipiert) steht ein riesiges, knallrotes Sofa, auf und über dem sich das Leben austoben kann. Es wird gedreht, gewendet, gehoben, ein ebenso einfaches wie effizientes Instrument zur Strukturierung der Szenen und zur Personenführung. Ebenso nutzt Fritsch die gute alte Drehbühne zur Tempo-Maximierung und schwindelerregenden Perspektiven-Verzerrung: auch das eine Reverenz an alte Theatertechniken.

Die Luft rausgelassen

Um Striesin/Neuhäuser herum tänzelt das übrige Ensemble in rauschender Endlos-Choreografie. Matthias Lejas (Gollwitz) als von Eitelkeit und Angst zerrissener Dramenautor, Viktoria Trautmannsdorff, Cathérine Seifert und Marina Galic als wunderbar hysterisches Damentrio des Hauses Gollwitz, das herumkullernde Dienstmädchen Rosa (brillant: Gabriela Maria Schmeide). Als sportlicher Gag wirkt ein hinter dem Supersofa installiertes Trampolin, das himmelhohe Posen ermöglicht, Lacher garantiert.

Natürlich darf die dramatische Zäsur des berühmten Striese-Monologes, der Hymne auf die "Schmiere" nicht fehlen: Karin Neuhäuser zelebriert diese mit Spotlight und im Frack gegebene Shownummer als Kunst-Stück in klassischem Sinne. Nicht einmal Herbert Fritsch wollte gegen dies Highlight anrennen, das ginge nun wirklich zu weit, selbst im größten Gag-Beschuss braucht es ab und an eine Feuerpause.

Von dieser Pause erholt sich die Inszenierung allerdings nicht mehr: Als hätte jemand die Luft herausgelassen, verliert die Handlung an Fahrt, muss sich an Erklärungen, Lösungen, Zielführungen abarbeiten. Eine klassische Falle vieler Komödientexte, die auf einmal zum Ende, zum irgend glücklichen, finden müssen. Eine halbe Stunde zu lang das Ganze. Schade am Schluss. Dennoch überbordender Beifall für alle Beteiligten, aber auch eine sanfte Erleichterung im Publikum, dass es nun mal gut war mit der Schmiere. Auch wenn's noch so schön gekracht hat.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.