Von Tobias Becker
In dem Land, in dem Niclas und Maria-Lara aufwachsen, gibt es keine Handys, keine Fernseher, keine Spielwaren aus Plastik, keine Urlaubsflüge, keine Zigaretten. Und Kaffee gibt es nur ab und zu. In dem Land, in dem Niclas und Maria-Lara aufwachsen, trinken die Menschen lieber einen Saft aus Heimatfrüchten, frisch zubereitet mit einem hölzernen Handkurbelmixer. In dem Land, in dem Niclas und Maria-Lara aufwachsen, sind alle schrecklich glücklich, und alle haben sich furchtbar lieb. Zumindest sagen sie sich das ständig.
Das Land, in dem Niclas und Maria-Lara aufwachsen, heißt Deutschland. Es ist nicht das heutige Deutschland, aber auch nicht ein Deutschland irgendwann, es ist ein Deutschland nur "einige Jahre in der Zukunft", schreibt Benjamin Lauterbach in der Regieanweisung zu seiner Theaterfarce "Der Chinese". Die Uraufführung der durchgeknallten Dystopie besorgt die Regisseurin Andrea Thiesen am Donnerstag im Staatstheater Darmstadt.
Mit Schimmelpfennig ins Geschäft
Lauterbach, 37, hat in Frankfurt und München Germanistik und Philosophie studiert sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Eigentlich konzentrierte er sich dort auf Prosawerke, doch dann belegte er ein Seminar bei Roland Schimmelpfennig, dem bekanntesten lebenden Dramatiker Deutschlands. Schimmelpfennig ermutigte ihn, eine Übungsszene zu einem Stück auszubauen - und so entstand "Beziehungs-Weise". Für die Groteske, uraufgeführt im Frühjahr 2011 im Studio der Landesbühne Sachsen in Dresden-Radebeul, bekam er den Autorenförderpreis der 23 deutschen Landesbühnen, dotiert mit 5000 Euro. Ebenfalls im Frühjahr 2011 war Lauterbach mit "Der Chinese" zum Dramatiker-Workshop des Theatertreffen-Stückemarktes eingeladen. Es ist nun sein zweites Stück, das uraufgeführt wird.
Die Grundannahme: In "einigen Jahren in der Zukunft" ist Deutschland eine Ökodiktatur. Nicht weil ein Tyrann die Macht übernommen hätte, sondern weil die Deutschen ihre Freiheitsrechte freiwillig aufgegeben haben. Das oberste Gesetz heißt Gesundheit, denn "nur als gesunde Deutsche können wir einem Land nützlich sein, das so viel für seine Menschen tut", wie die Eltern Alex und Gwen ihrem chinesischen Gast, Herrn Ting, erklären. Er ist als Gesandter seiner Regierung gekommen, um vom Glück der Deutschen zu lernen. Eine seltene Chance, denn in "einigen Jahren in der Zukunft" hat Deutschland sich eigentlich von der Welt abgeschottet.
"Früher, als noch alle Menschen zu uns nach Deutschland kommen durften", so erklärt es Gwen ihren Kindern Niclas und Maria-Lara, "war das manchmal sehr schwierig mit den Besuchern". Weil diese Menschen "von uns gar nichts lernen wollten", erklärt sie weiter. Niclas, der ältere der beiden, versteht das sofort: Es soll sogar Deutsche gegeben haben, sagt er naseweis, die gar kein Deutsch konnten. "Hab ich in der Schule gelernt."
Dieser Niclas, keine zehn Jahre alt, sagt auch Sätze wie: "Bio-Sushi ist mein Lieblingsessen." Und bedankt sich, gemeinsam mit den anderen Familienmitgliedern, artig vor dem Essen - nicht etwa bei Gott, sondern beim Essen: "Danke Aal. Danke Makrele. Danke Krebse. Danke Gurke. Danke Ingwer. Danke Algenblatt. Danke Sojabohnensaft."
Das Wort Kita kennen die Kinder nicht
Die Figuren in "Der Chinese" sind lachhaft, natürlich sind sie das, aber sie sind so weit nicht weg von der Realität: vom deutschen Hang zu Gutmenschentum und Missionseifer (Stichwort nachhaltiger Konsum), zu Regelhaftigkeit und Obrigkeitsgehorsam (Stichwort Rauch- und Trinkverbote). Und vom zeitgenössischen Hang zum Konservatismus (Stichwort Betreuungsgeld) natürlich. Niclas und Maria-Lara jedenfalls haben das Wort Kindertagesstätte noch nie gehört, und so müssen ihre Eltern ihnen das Konzept erklären wie eine Technik aus der Steinzeit: "Die Kinder in China werden morgens in große Häuser gebracht. Zusammen mit vielen anderen Kindern. Sie bleiben dort am Tag, wenn ihre Eltern arbeiten. Chinesische Frauen passen auf die Kinder auf, sie arbeiten für die Kinder." Es ist schon verrückt.
Der Chinese greift kaum ein in diese Welt, er macht nichts, und dennoch bringt er diese Welt ins Wanken. Allein durch seine Anwesenheit. Das ist hochkomisch - und alleine dadurch hochinteressant: Nur wenige Nachwuchsautoren versorgen die deutschen Bühnen zurzeit mit Komödienstoff.
Dabei beschränkt sich Lauterbach, der lange als Fernsehredakteur der HR-Show "Alle Wetter" arbeitete, gar nicht mal aufs Dialogeschreiben. In einem halben Jahr soll sein erster Roman fertig sein: eine Charakterstudie eines Großkonzern-Managers, verkleidet im Gewand eines Wirtschaftskrimis.
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