"Aladdin"-Premiere in Hamburg Immer schön auf dem Teppich bleiben

"Aladdin", das amerikanische Erfolgmusical aus der Disney-Werkstatt, hat in Hamburg Europapremiere gefeiert. Das Ensemble begeisterte mit Bühnentricks und pausenloser Action - nur die Musik konnte leider nicht mithalten.

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Deen van Meer/ Stage Entertainment

Am Ende hebt er dann tatsächlich ab. Auf einem fliegenden Teppich entschwebt Aladdin mit seiner Prinzessin Jasmin in die Hochzeitsreise, und das Publikum in der Hamburger Musicalhalle Neue Flora steht auf, als wollten sie dem Märchenheld und seiner Holden zum Abschied besonders laut hinterherapplaudieren.

Die finale Flugeinlage ist nur einer von vielen gelungenen Bühnentricks, man bemerkt die nahezu unsichtbaren Schnüre nur von der Seite. Aber die Illusion funktioniert - wie fast alles beim Musical "Aladdin", das in den USA bereits Erfolge feierte und nun in Hamburg seine Europapremiere hatte.

Nach der Olympia-Pleite darf Hamburg wohl zumindest den Titel der Musical-Metropole in Europa behalten, wenn man auch mit dem neuen "Aladdin" - ein Werk von Alan Menken (Musik) und Tim Rice/Howard Ashman (Texte) - stilistisch nicht gerade auf Risiko spielt.

Aber wozu auch: Mit dem jugendlichen Essener Folkwang-Absolventen Richard-Salvador Wolff stützt sich die Produktion auf einen sympathischen, obendrein stimmlich bestens gerüsteten Darsteller, der den naiven Zauber der Märchenwelt glaubhaft, wenn auch nicht gerade doppelbödig durchlebt. Für die altbekannte Geschichte des armen Schlitzohres, dem durch Witz und Charme die anspruchsvolle Prinzessin Jasmin (überzeugend und selbstbewusst: Myrthes Monteiro) zufliegt, ist er schon der Richtige. Und er hat das nötige Standing, auch dem eigentlichen Star des Abend Paroli zu bieten: den gibt der umwerfende Enrico de Pieri als allmächtiger Flaschengeist.

Kurze Scherze über den Musical-König Webber

Anfangs glaubt man sich fast noch in einer zeitbezogenen Comedy-Variante des "Aladdin"-Stoffes. Dschinni de Pieri marschiert da inmitten des Balletts an die Rampe, macht Scherze in Sachen Andrew Lloyd Webber und dem "Phantom der Oper II". Aber das ist nur ein Intro: Die sanft angedeutete, zweite inhaltliche Fahrspur wird gleich wieder gesperrt. Denn es muss nun getanzt werden, gehandelt und das Ensemble für die Intrigen am Sultanshof in Stellung gebracht werden.

Die Szenen allerdings werden trotz inhaltlicher Schlichtheit optimal verkauft. Lichtwechsel, schnell beweglicher Deko- und Farbenrausch bei den Kostümen verbreiten optische Reize, die über manche dramaturgische Banalität hinweghelfen. Die "Höhle der Wunder", in der Aladdin die Lampe mit dem Dschinni drin findet, hat eine raffinierte Optik - sie ist brillant und abwechslungsreich beleuchtet. Es macht Spaß, die Augen wandern zu lassen und die Artistik der Akteure zu besichtigen. Vor allem deshalb, weil die Regie das Kunststück vollbringt, die Geschichte immer noch ein Stück opulenter, aufwendiger und druckvoller voranzutreiben. Leider kann die eher routinierte Musik des mehrfachen Oscar-Preisträgers Alan Menken mit dieser grellen Visualität nicht ganz mithalten.

Der Swing von Benny Goodman und Cab Calloway lässt trotz teilweise orientalisch angehauchter, eher derber Rhythmik ständig grüßen - wenn nicht gerade einer der Solisten zu den romantischen Drama-Songs anhebt. Diese bilden stets die Klammer der Handlung. Solide Schule. Liebesschmachten, allein und im Duett: das ist die typische Musicalmusik, die Fans in aller Welt goutieren. Sie ist jedoch auch austauschbar, ohne markante Songs und wirkt eher wie eine weitere Farbe in der Gesamtatmosphäre. Bei "Aladdin" bleiben die Verantwortlichen arg vorsichtig und auf dem Teppich, ein wenig mehr zeitgenössisch-östliche Popmusik hätte da schon für Würze sorgen können.

Famoses Orchester

Mehr als die Solosongs überzeugen die in bester Las-Vegas-Manier präsentierten Ballett-Nummern. Ausgestattet mit glitzernden, fantasievollen Kostümen, perfekten Tänzerinnen und Tänzern, die zum großen Teil auch über exzellente Stimmen verfügen, schwingt sich die Produktion in diesen Momenten tatsächlich zu der Klasse auf, die US-Kritiker so lobten. Und man kann verstehen, dass dieser "Aladdin" am New Yorker Broadway nach seiner Premiere 2014 für fünf Tony-Awards nominiert wurde.

Das im Vorfeld viel beschworene "1001 Nacht"-Feeling kommt hier tatsächlich auf, und der aus dem Zeichentrickfilm von 1992 übernommene Disney-Kitsch wird durch die überragende Bühnenpräsenz und die Professionalität gerade in den vielen Nebenrollen abgefedert. Und immer, wenn der Dschinni inmitten des Trubels als Maitre de Plaisir agiert, kommt sogar so etwas wie Ironie auf.

Apropos Professionalität: Großes Sonderlob an das ganz famose Orchester, das unter der Leitung von Klaus Wilhelm alle Register von Swing bis Theatralik ziehen kann, ohne je nachzulassen. Dynamik, Präzision, Akzente: der ideale Teppich, auf dem die Solisten fliegen können. Ganz ohne Schnüre und Sicherheitsgurte.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
sermon orakel 06.12.2015
1. Immer das gleiche….trärä trärä
….demnächst kommt noch das Aldi-Musical, die tun mittlerweile auch alles vermarkten und die Leute für dumm verkaufen…..wers zahlt ist dämlich!
821943 06.12.2015
2. banaler Trash!
Ach, wär es doch ein glanzvoller Musicalabend geworden! Stattdessen eine kitschige Ausstattungsrevue, schmalzige Musik und keine Figuren, die Sympathie und Interesse für die dürftige Handlung erwecken. Bonbonfarbene Oberflächlichkeit, die schnell ermüdet. Und dann auch noch horrende Eintrittspreise! Wofür eigentlich? Für einen technisierten Overkill?
Hardisch 06.12.2015
3. Klingt gut ...
aber nach den sehr enttäuschenden gesangsleistungen beim "König der Löwen " bin ich sehr skeptisch, ob ich nochmal so viel Geld in Hamburg lasse und mir nicht lieber gleich die (weitaus besseren) Originale in London oder New York anschaue.
naklar261 06.12.2015
4. Spass gehabt...
...na da hat aber jemand Spass gehabt beim Musical. Schoen zu lesen das sich Leute an etwas so erfreuen koennen.
JaK38 07.12.2015
5.
Zitat von sermon orakel….demnächst kommt noch das Aldi-Musical, die tun mittlerweile auch alles vermarkten und die Leute für dumm verkaufen…..wers zahlt ist dämlich!
Kultur in Form von jeglichem Entertainment, egal ob Musik, Theater, Musical, Ballett etc. ist immer Geschmacksache. Man sollte schon soviel Toleranz haben, dass man jedem "seinen" Geschmack zugesteht und sich gerade solche unqualifizierten Beiträge im Zusammenhang mit dämlich verkneift.
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