Festival von Avignon: Protest mit Paradiesvogel-Potential

Von Laura Hamdorf

Der Theatersommer feiert die Protestkultur: In Avignon hat Thomas Ostermeiers Inszenierung von Ibsens "Ein Volksfeind" Premiere. Die Titelrolle spielt Nachwuchstalent Stefan Stern. Er verkörpert einen historischen Wutbürger - klug, bunt und immer ein bisschen drüber.

Die Protestkultur boomt, keine Frage: Ob nun gegen Stuttgart 21, gegen den Castortransport oder gegen die Wall Street - Wutbürger brüllen, schneidersitzen und campen gegen die Mächtigen. Sie wollen Wahrheit.

Auch Thomas Stockmann will Wahrheit, jedoch lebt er nicht im Heute, sondern in einer norwegischen Küstenstadt vor rund 150 Jahren. Er ist eine Figur in Henrik Ibsens gesellschaftskritischem Drama "Ein Volksfeind" - und kämpft denselben Kampf wie die Wutbürger des 21. Jahrhunderts. Beim Festival in Avignon inszeniert nun Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier den Stoff.

Die Geschichte geht so: Thomas Stockmann ist Badearzt in einem Kurort, ein angesehener Bürger. Das ändert sich, als er herausfindet, dass die Seebäder vergiftet sind; einige Badegeäste sind bereits an Typhus erkrankt. Er will den Skandal publik machen, um weitere Katastrophen zu verhindern, doch er trifft auf Widerstand, denn jeder Bewohner profitiert finanziell von den Seebädern. Statt aufzugeben, kämpft Stockmann immer verbissener für die Wahrheit, während Freunde, Familienmitglieder und Journalisten sie ebenso verbissen ausblenden.

Fachmann für Abgründe

Die Titelrolle spielt ein Jungspund mit Paradiesvogel-Monopol: Stefan Stern, 30 Jahre alt. In der Rolle des Lucio in Shakespeares "Maß für Maß" stolziert er als metrosexueller Lustmolch über die Bühne; als Edward II. kauert er fiebrig, machtsüchtig und nackt in einer Zelle; sein Jago in Shakespeares "Othello" ist ein hyperaktiver Workaholic mit Totschlägerhumor.

Sterns Spiel ist immer ein bisschen drüber, suggeriert eine oberflächliche Sucht seiner Figuren nach Radikalität und Spektakel - genau dadurch lässt er ihren verborgenen Kern durchschimmern. Stern ist Fachmann für Charakterrollen mit Abgründen.

Auch die Rolle des Thomas Stockmann hat Paradiesvogel-Potential, denn im Kampf um die Wahrheit verschwimmen die Grenzen zwischen Heldentum und Fanatismus: Wahrheit wäre schon nett, netter aber wäre ein triumphales Selbstbild, denn er hat es satt, als Hitzkopf belächelt zu werden. "Ich kann es emotional gut verstehen, dass er ein Gefühl von Triumph auskosten möchte gegenüber allen, die ihn für einen Spinner halten", sagt Stern, "aber ein Taktiker ist er wirklich nicht".

Sterns Stockmann wird ein naiver Tollpatsch sein, der fest an ein Happy End glaubt und dabei an den kleinen Realitäten des Alltags scheitert - das ist

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Festival von Avignon: Immer ein bisschen drüber
eine Färbung, die der Schauspieler selbst angestoßen hat: "Es macht einen Riesenspaß, Thomas zu überraschen, indem man mal einen Slapstick oder einen schrägen Moment anbietet", sagt er über die Proben mit Ostermeier. Ist er privat denn auch gern schräger Vogel? "Oh, da würde man mich wohl eher als zurückhaltende Persönlichkeit bezeichnen. Es ist für mich ein Heidenspaß, auf der Bühne das Gegenteil ausleben zu können."

"Handbuch des Terrorismus"

Mit Bühnen-Energiebündel Stefan Stern ist die Entstaubung des mehr als 100 Jahre alten Stoffes garantiert. Trotzdem kam bei ihm und dem ganzen Team während der Proben Unzufriedenheit auf: "Wir hatten das Gefühl, dass das Stück zu klar und zu durchsichtig ist. Wir wollten also einen Mehrwert erreichen, der die Gesellschaft noch direkter angreift und noch direkter einen zeitgenössischen Text daraus macht", sagt er. Die Idee: Stockmann wurden Worte aus einem französischen Pamphlet von 2008 in den Mund gelegt - "Der kommende Aufstand" von einer anonymen Gruppe, genannt "Unsichtbares Komitee". Das Buch ruft anlässlich von Finanzkrise und vermehrten Gesellschaftsprotesten zum Widerstand gegen Konsum auf und beschreibt die Ästhetik des Widerstands. Die französische Regierung titulierte es als "Handbuch des Terrorismus".

Der Text schlug Wellen in ganz Europa. Gut möglich, dass er nun auch Ostermeiers Inszenierung noch radikaler werden lässt als die jüngsten "Volksfeind"-Inszenierungen anderer Theater. In Basel etwa ließ Regisseur Simon Solberg "Made in China" in ein Schwimmbecken meißeln, in Bonn hielt Lukas Langhoff ein fett aufgepinseltes "Hartz IV" auf der Rückwand bereit.

In Avignon muss Stefan Stern als Thomas Stockmann eine Balance finden zwischen Sozialkritik und Satire - und dabei vor allem eine Frage beantworten: Was ist eigentlich ein Volksfeind im Jahr 2012?


"Ein Volksfeind". Regie: Thomas Ostermeier. Premiere am 18.7. beim Festival in Avignon, am 8.9. Premiere an der Schaubühne Berlin .

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