NSU als Theaterstück: Eine echte Farce

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Polizisten, die an Wahrsager glauben? "Fahrräder könnten eine Rolle spielen" erzählt von den seltsamen Ermittlungsmethoden beim Versuch, die Ceska-Morde aufzuklären. In dem Stück, das nun in Berlin uraufgeführt wird, geht es aber auch um alltäglichen Rassismus.

NSU als Theaterstück: Eine echte Farce Fotos
Esra Rotthoff

Vieles in diesem Stück wirkt zu dick aufgetragen. Wortkarge Verfassungsschützer, die ihre Erkenntnisse selbst vor der Polizei geheim halten, tumbe Ermittler, die sich an nichts erinnern - und Kriminal-Experten, die auf Wahrsager vertrauen: eine Farce.

Die Autoren Marianna Salzmann, 27, und Deniz Utlu, 29, die sich als Schreibduo Angry Birds nennen, haben ein Stück geschrieben über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), die rechtsextreme Terrorgruppe, der zur Last gelegt wird, in Deutschland zehn Menschen erschossen zu haben, Motiv in neun Fällen: Ausländerfeindlichkeit. Es beschäftigt sich auch damit, wie Deutschland diese "Katastrophe", wie Salzmann die Anschlagserie im Gespräch immer wieder nennt, aufarbeitet.

Das Krasse an "Fahrräder könnten eine Rolle spielen", dem Stück der Angry Birds, das unter der Regie von Lukas Langhoff am 23. November im Berliner Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt wird, ist: Die Stellen, die am dicksten aufgetragen wirken, stammen aus der Realität. Für die Szenen, die im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags spielen, haben die Autoren die Mitschriften der Journalistin Mely Kiyak verwendet, die regelmäßig im Ausschuss saß. "Ich habe beim Lesen dieser Aufzeichnungen oft gelacht, aber es war ein hysterisches Lachen", sagt Salzmann. "Die Sache mit dem Wahrsager habe ich ganz lange nicht geglaubt. Dass da auf Steuerkosten ein Wahrsager aus dem Iran eingeflogen wird, von dem sich die Ermittler allen Ernstes Erkenntnisse erhoffen, während sie die offensichtlichsten Spuren unbeachtet lassen, konnte ich einfach nicht glauben", sagt die Dramatikerin. "Als ich dann begriffen habe, dass Mely Kiyak nicht übertrieben hat, sondern ich immer noch zu illusioniert war, war das wie ein Schock."

Ein Privilegierter ohne Migrationshintergrund

Auch der Titel des Stücks ist eine ironische Hommage an die Leistungen der Ermittler: "Fahrräder könnten eine Rolle spielen" war nach jahrelanger Spurenauswertung eine der grundlegenden Erkenntnisse des Bundeskriminalamts zu der Mordserie an Menschen mit Migrationshintergrund.

Der Protagonist in "Fahrräder könnten eine Rolle spielen" heißt Andreas, ein junger Deutscher ohne Migrationshintergrund, also ein "Privilegierter", wie Salzmann sagt. Er jobbt bei einer Catering-Firma und wird als Servicekraft nicht nur im NSU-Ausschuss eingesetzt, sondern auch auf dem FDP-Parteitag oder im Fußballstadion. An solchen Orten erlebt er viel fremdenfeindlichen Alltag.

"Nicht die Neonazis sind unser Thema", sagt Salzmann, "sondern der strukturelle Rassismus in Deutschland." Sie habe Angst, wenn Freunde von ihr, denen man die nicht-deutsche Herkunft ansieht, zu Lesungen in den Osten fahren. "Es geht nicht nur um Beate Zschäpe und die beiden Uwes", sagt Salzmann, "es geht darum, dass Leute in Deutschland nicht mehr heil durch die Straßen gehen können. Als deutsche Staatsbürgerin macht mich das sprachlos." Zum strukturellen Rassismus gehört für die Autorin auch, dass nach der Entdeckung des NSU "die Opfer immer noch marginalisiert werden". Dass die Ermittler ihre Pannen immer noch als Fehler verharmlosten, "wo doch längst klar ist, dass da gezielt weggeguckt wurde", nennt Salzmann "eine Perversion".

In ihrem Stück spotten die Angry Birds auch über das große Verständnis für die Neonazis und ihre persönlichen Probleme: "Ach, der arme Woyzeck" ist Teil II überschrieben. Salzmann stellt im Gespräch klar, dass sie den "Woyzeck"-Autor Georg Büchner großartig findet - "er war der erste, der einen Kriminellen psychologisiert und erklärt hat, wie man kriminell wird". Das Interesse für die privaten Hintergründe der Täter dürfe aber nicht die politischen Zusammenhänge verdrängen: "Ich möchte über Verantwortung reden."

Andreas, der Protagonist in "Fahrräder könnten eine Rolle spielen", glaubt nicht ans Reden. Er wird selbst zum Täter. Ein dramatisch zugespitztes Ende, das neben der realen Farce kein bisschen übertrieben wirkt.


"Fahrräder könnten eine Rolle spielen". Uraufführung am 23.11. im Berliner Ballhaus Naunynstraße, auch am 25. bis 30.11., Tel. 030/75 45 37 25.

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