Premiere in Bayreuth Holpriger Walkürenritt

Musik glänzend, Inszenierung unentschlossen: Auch die "Walküre", das zweite Werk in Tankred Dorsts Bayreuther Neuinszenierung des "Ring der Nibelungen"-Zyklus, hing dramaturgisch arg in den Seilen. Ein Hörfest mit Längen.

Von


Regie und Musik bleiben in Bayreuths neuem "Ring" weiterhin zwei Welten: Solider Gesang (mit gelegentlichen Schwachstellen) und ein perfekter Sound aus dem Orchestergraben gleichen immer wieder Inszenierungsmängel aus. Wiederum erntete Star-Dirigent Christian Thielemann Riesenapplaus samt frenetischem Trampeln für sein "Walküre"-Dirigat, doch wie bereits am Vortag beim "Rheingold" brauste das Orchester auch durch die opulentere und melodienseligere "Walküre"-Partitur mit dezent gebremstem Schaum.

So sehr disziplinierte der Chef die Mannschaft, dass man beim Abräumer "Walkürenritt" zu Beginn des letzten Aufzuges fast schon fürchtete, Thielemann setze den Hit mit zu viel Understatement in den Sand. Das geschah aber keineswegs. Wie bisher überall galt: Transparenz, Durchhörbarkeit der komplexen Partitur, hohe Genauigkeit im Detail und perfekte Kontrolle der Dynamik gehen über alles. Stringente Führung und Homogenität machten diese "Walküre" vor allem zu einem Hörerlebnis. Auf der Bühne hingegen ging's eher gemächlich zu.

Offenbar hatte Regisseur Tankred Dorst von vornherein vor den engen zeitlichen Vorgaben und musikalischen Begrenzungen kapituliert und den Part Personenregie in manchen Szenen gleich abgeschrieben. Die Protagonisten gehen unmotiviert von rechts nach links, wieder zurück, oder sie stehen einfach posierend herum - wie schon im "Rheingold". Charmanter gelang die Bewegung bei den Ensembleparts wie bei den Walküren-Auftritten, aber da müssen auch acht bis neun Personen sinnvoll arrangiert werden. Die Walküren - Wotans weibliche Spezialtruppe zur Einsammlung der in Schlachten gefallenen Helden für die Ruhmeshalle in Walhall - sind als muntere, feuerrote gewandete Designer-Amazonen ausgestattet, nicht als verbissene Speer-Kämpferinnen.

Grenzen göttlicher Macht

Am besten funktioniert die Inszenierung in den menschlichen Sphären, wenn die Folgen von Wotans Wirken auf Erden zu bestaunen sind: bei der Schilderung der inzestuösen Liebesgeschichte zwischen dem Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde, beide einst von Wotan mit einer irdischen Frau gezeugt. Nach der Geburt getrennt, treffen sie zufällig neu aufeinander und verlieben sich in Unkenntnis ihrer Herkunft. Die kraftvolle Liebe des Paares - gefährdet von Beginn an sowohl durch sexuellen Tabu- und traditionellen Ehebruch (Sieglinde ist inzwischen verheiratet), führt schließlich Wotan wieder an die Grenzen seiner Macht.

Der von ihm als rettender, reiner Held und Kämpfer gegen das Böse auserkorene Siegmund kann nicht vor den moralischen Ansprüchen von Wotans Gattin Fricka bestehen, deren Argumente er nicht zu entkräften vermag. Denn Wotan ist kein Herrscher ohne Gewissen. Fricka fordert Siegmunds Tod im Kampf gegen den betrogenen Ehemann. Oberwalküre Brünnhilde soll dies erledigen, doch sie widersetzt sich dem Vater. So muss Wotan selbst zum Mörder an seinem Sohn werden und obendrein die Tochter Brünnhilde für den Ungehorsam hart mit Verbannung bestrafen. Kein leichtes Los für einen Gott.

Für diese meist diskursiven und dramaturgisch ohnehin heiklen Parts findet Regisseur Dorst nur wenige kraftvolle Bilder. Zwar kann Siegmund aus einem umgestürzten Strommast (brachliegende Energie!) seine versprochene Wunderklinge Nothung ziehen ("Ein Schwert verhieß mir der Vater"). Die Freude am nächsten Morgen ("Winterstürme wichen dem Wonnemond") aber wird mit einer schmerzhaft realistischen Mond-Projektion konterkariert, die narbig, grau und kalt dräut, ein Vorbote kommenden Unheils. Wotan selbst steht in der ersten Walhalla-Szene des zweiten Aufzuges stolz und selbstgefällig schwadronierend auf einem Felsen, der sich langsam dreht und sich dabei nach und nach als sein eigener, Kopf entpuppt, der aussieht, als sei er von seinem Denkmal gestürzt worden. Eine weitere Vorausdeutung des programmierten Scheiterns.

Verlöschende Bilder

Schriller Kontrast: Überschäumend vor launiger Kriegsbegeisterung hatten sich die Walküren unterdessen in einer Art gesprengten Felsenburg getroffen, wo das Motto "Ihr liebt das Leben, wir leben den Tod" als Projektion auf Stein prangte. Die Verwendung dieses Zitats aus dem Bekennerschreiben zum islamistischen Terroranschlag von Madrid, ist eine arg bemühte Brechung des Heldenmythos mittels aktuellen Bezuges, die Dorst ohne weitere Einordnung im Raum stehen lässt. Ein Bild von vielen, das folgenlos verlöscht, wie auch die zeitgenössisch gekleideten Menschen, die von Fall zu Fall über die Bühne huschen und die Götter und ihren Kampf nicht wahrnehmen: Göttliche Macht verlischt im Alltag, die weitergeführte Idee aus dem "Rheingold".

Standing Ovations gab es kurz vor Beginn des dritten Aufzuges für den Startenor Placido Domingo, der in der Prominenten-Loge bemerkt wurde. Den Siegmund der "Walküre" hatte er einst im Herbst seiner Karriere unter dem Dirigat Daniel Barenboims auf CD eingesungen. Seine Liebe und sein Ehrgeiz fürs Wagner-Fach dokumentierte er jüngst abermals durch seinen ebenfalls auf CD veröffentlichten "Tristan" an der Seite von Nina Stemme (dieses Jahr wieder in Bayreuth in der Rolle der Isolde zu hören). Bayreuths Wagnerianer jedenfalls huldigten ihm freudig.

Domingo selbst dürfte einige Freude an seinen Sängerkollegen gehabt haben: Falk Struckmann blieb als Wotan (diesmal im Gegensatz zum "Rheingold" ganz in Schwarz) der stimmliche Fels in der Brandung, seine Gattin Fricka (Michelle Breedt) hatte Stimme und Standing, ihrem Gatten in den wichtigen Szenen Paroli zu bieten. Linda Watson als knallrot gewandete Brünnhilde mit schickem Plexiglasschild schlug sich wacker.

Siegerin des Abends bei den starken Frauen wurde jedoch Adrianne Pieczonka als Sieglinde, deren perlend klarer, kraftvoller Sopran ideale Töne für die reine Liebe zu Siegmund fand. Zu Recht erntete sie dafür lautstarken Applaus und zahlreiche Bravos. Ihr Geliebter Siegmund jedoch enttäuschte: Zu eng tönte Endrik Wottrichs Tenor, der sich bei der schweren Partie anscheinend an seinem stimmlichen Limit bewegte. Am dramaturgischen Limit bewegt sich auch Tankred Dorst mit seinem unentschiedenen "Ring der Nibelungen". Morgen geht es mit "Siegfried" weiter.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.