Premiere "Noras Baby" Ibsen auf dem Skateboard

Was kann uns ein 130 Jahre altes Drama heute noch bedeuten? Jede Menge. Und wenn ein Autor wie der Norweger Matias Faldbakken sich "Noras Babys" von Ibsen vorknöpft, sind Überraschungen vorprogrammiert. Schlimme - und sehenswerte.


Henrik Ibsens Drama "Nora" ist ein Stück über die Probleme einer modernen Frau; ein Emanzipationsdrama. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Werk fast 130 Jahre alt ist. Aber man kann Noras Geschichte ohne große Probleme in ein heutiges Großstadt-Loft der neuen, gerade wieder zerbröselnden bürgerlichen Mitte verlegen – der Regisseur Stephan Kimmig hat das 2002 sehr eindrucksvoll am Thalia Theater in Hamburg gezeigt, ebenso Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne.

Nora hat vor Jahren, als es ihrem Mann Torvald schlecht ging, für ihn gelogen. Jetzt, gerade, als er dabei ist, Karriere zu machen, droht die Sache aufzufliegen. Er hält in dieser Situation nicht zu ihr, sondern sieht nur seine Interessen – als sich die Sache einrenkt und alles doch noch gut zu werden scheint, ist Nora so ernüchtert, dass sie ihren Mann verlässt. Diesen Schluss hatte zumindest Ibsen so vorgesehen; im Norwegen vom Ende des 19. Jahrhundert war das schockierend.

Nun hat der Autor Matias Faldbakken, auch er ein Norweger, eine moderne Variante von "Nora" geschrieben, deren Schluss – wird hier natürlich nicht verraten – die Zuschauer fast ebenso verstören dürfte, wie der von Ibsens Original zu seiner Zeit. Ab heute ist Faldbakkens Stück, erstmals auf Deutsch, am Schauspielhaus Stuttgart zu sehen (Regie: Katja Wolff).

Nora ist bei Faldbakken keine Hausfrau mehr, sondern eine erfolgreiche Anwältin, ihr Mann arbeitet statt bei einer Bank bei einem Skateboard-Magazin, und sie haben auch nicht drei Kinder, sondern stehen kurz vor der Geburt des ersten – um dieses Kind entspinnt sich auch das Drama, weshalb das Stück nun "Noras Baby" heißt.

Die Rahmenbedingungen mögen also äußerlich andere sein, geblieben ist aber die Sprachlosigkeit zwischen den beiden, der Egoismus und die Unreife des Mannes – und die Verzweiflung von Nora, die schließlich radikale Folgen hat. Das neue Bürgertum ist dem alten erschreckend ähnlich.


Noras Baby. Premiere heute, 11.10., im Schauspielhaus Stuttgart, Tel. 0711/20 20 90



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