Von Werner Theurich
Einen Moment lang steht die Zeit still an diesem Theaterabend. Es ist der Moment, als sich die Brüder Aljoscha und Iwan Karamasow auf der weiten, düsteren Bühne des Thalia Theaters gegenüber sitzen und Iwan zu seiner großen Klage über die Moral, die Religion, die Freiheit des Menschen und seine uferlose Gewalttätigkeit anhebt.
Wie Thalia-Star Jens Harzer Iwans berühmtes Gleichnis vom spanischen Großinquisitor darstellt, der Jesus für das Leiden der Menschen auf der Erde verantwortlich macht und den vom Gottessohn gebrachten freien ethischen Willen buchstäblich verteufelt, diese Tirade sprengt gedanklich beinahe die Grenzen des Erträglichen. So weh kann Philosophie tun.
"Die Brüder Karamasow", Fjodor M. Dostojewskis letzter Roman, verhandelt nichts weniger als die Bedingungen des menschlichen Leben, und das kann keine leichte Kost sein. Luk Perceval, der Regisseur dieses Unternehmens, packte selbstbewusst zu und gewann. Und für diesen Sieg waren vier Theater-Stunden nicht zu lang.
Die Geschichte der drei Brüder Karamasow, ihres verschlagenen Vaters und des geheimnisvollen Smerdjakow umfasst bei Dostojewski rund 1100 Buchseiten. Darin werden ein Mord, sexuelle Abhängigkeiten und Triebe, Religion, Gier und Herrschsucht, Streben nach Erlösung und Vollkommenheit abgehandelt. Fast naheliegend also, diese Handlungs- und Gedankenballungen auf eine scheinbar schlichte Bühne zu stellen, wie sie sich Anette Kurz ausgedacht hat.
Mit Kreide beschriebene Bretter, herumliegende Bücher, einfache Hocker und als visuelles und gedankliches Zentrum eine imposante Klangröhren-Installation, die eine ganze Welt repräsentiert und wunderbar wechselnd ausgeleuchtet werden kann. Die Röhren tönen wie Glocken, erinnern an den russischen Birkenwald, täuschen eine scheinbar luftige Freiheit vor, die Raum lässt, aber durch das freie Schwingen immer wieder überraschend eingeengt wird. Man kann die Gebilde, die übermenschlich groß von der Decke hängen, bewegen, aber sie schwingen zurück.
Keine Handlung bleibt in diesem Rahmen ohne Wirkung, auch wenn es zunächst so aussieht. Es spricht für diese geniale Konstruktion, dass sie ständig an Intensität gewinnt. Von welcher Bühne kann man das schon sagen?
Geniale Klanginstallation
Inmitten dieses Klangwaldes entwickelt Regisseur Perceval die Geschichte nicht linear nach dem Buch, sondern klammert immer wieder Zeitebenen neu, lässt den Kloster-Bruder Aljoscha (mit stiller Größe und Suggestion von Alexander Simon gespielt) erzählerische Rahmen setzen, wenn der atheistische Intellektuelle Iwan Karamasow und sein triebhaft-sinnlicher Gegenspieler Dmitrij Karamasow (eruptiv, komisch und temperamentvoll: Bernd Grawert) um die Frauen ringen, die ein ständiges Rätsel bleiben.
Patrycia Ziolkowska als selbstbewusst-lustvoll-ziellose Gruschenka füllt die Bühne mit ihren hilflosen Exzessen, während die cool-überirdische Alicia Aumüller als Katerina Iwanowna den Gegensatz gibt - doch beide sind Verliererinnen. In allen Szenen entfaltet Luk Perceval seine entscheidende Idee: Er bringt bewegliche, offene Menschen auf die Bühne, hetzt sie durch scheinbare Freiräume und lässt sie an Grenzen zerschellen, die sie sich selbst geschaffen haben, sei es aus mentaler oder intellektueller Trägheit.
Die Konstellationen zwischen ihnen sind in jeder Szene visuell so penibel und treffend arrangiert, dass sich eine bezwingende Einheit von Text und Bild ergibt - so selbstverständlich und fließend, dass man nur Wirkung, kaum ihre Ursache wahrnimmt: bestes Regie-Handwerk.
Inmitten dieser Schauspieler-Vulkane agiert - obwohl er die dankbare Rolle des fiesen, skrupellosen Vaters spielt - der Thalia-Gaststar Burghart Klaußner ("Das weiße Band") beinahe dezent und in seiner überlegenen Expressivität wie ein ruhender Pol, den die Zerwürfnisse und die Qualen seiner Kinder eher anwidern. Dass ihn schließlich der Familien-Underdog Smerdjakow (dämonisch: Rafael Stachowiak) ermordet, wofür der arme Dmitrij fälschlich verurteilt wird, erscheint fast schon wieder logisch.
Mehrere Rollen für den Gaststar
Eine smarte Regie-Idee war es, Burghart Klaußner gleich zwei weitere Rollen, den Ankläger und Verteidiger Dmitrij Karamasows spielen zu lassen. Eine Entwicklung aus dem Vater-Charakter, zwei Seiten der gleichen Bigotterie, aalglatt, arrogant und überzeugend: Klaußner ganz in seinem Element als bürgerliches Ungeheuer der Selbstgewissheit, das am Ende nur Rat- und Hilflosigkeit produziert.
Schuldig wird Dmitrij nach kurzem Prozess gesprochen - ein Fehlurteil. Jens Harzer als illusionsloser Iwan sammelt am Ende die existentiellen Brocken auf und setzt seiner Verzweiflung über das irdische Dasein noch halb ironisch, aber traurig einen drauf: "Das ist das Paradies! Wir leben im Paradies." So also ist das alles gemeint hier. Man könnte abermals verzweifeln.
Großer Beifall für alle Beteiligten von einem leicht erschöpften, aber trotz aller Depressionsanlässe dennoch glücklichen Publikums.
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