Polit-Komödie Dieses Theater mit der Demokratie!

Da hat sich das Thalia Theater was eingebrockt: Per Online-Voting ließ das Haus abstimmen, welche Stücke es inszenieren soll. Auf Platz eins landete "Die Ehe des Herrn Mississippi" - ein Stück, das bis dahin nicht mal die Regisseurin kannte, die es nun inszenieren muss.

Per Online-Voting auf die Bühne: "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt
Fabian Hammerl

Per Online-Voting auf die Bühne: "Die Ehe des Herrn Mississippi" von Friedrich Dürrenmatt

Von Johan Dehoust


Aha, eine Komödie von Friedrich Dürrenmatt. Als Christine Eder, 36, vom Thalia Theater den Auftrag bekam, "Die Ehe des Herrn Mississippi" zu inszenieren, war sie ratlos. Warum? Die Regisseurin hatte noch nie von dieser Komödie gehört - so wie vermutlich die Mehrheit der Erdbevölkerung. Eder musste das Stück aus den Fünfzigern erst einmal lesen, um zu wissen, auf was sie sich einlassen würde.

"Es hat mich anfangs nicht besonders gewundert, dass es in den Tiefen der Theaterliteratur verschollen gewesen ist", erzählt die Österreicherin. Ein wirres, in einem Biedermeier-Wohnzimmer angesiedeltes Stück, das vor dem Hintergrund eines längst vergangenen Machtkampfes zwischen Ost- und Westblock spielt? Die Regisseurin Eder war skeptisch, ob sich Besucher das heute anschauen sollten.

Das Thalia Theater aber hatte keine Wahl. Per Online-Voting hatte es darüber abstimmen lassen, welche Stücke auf der Bühne gezeigt werden sollten. Eine stärkere Einbindung der Zuschauer, das war das Ziel. Künstlerische Kapitulation gegenüber dem Massengeschmack, urteilten zahlreiche Kritiker. Die Theatermacher hatten sich jedoch für den Abstimmungsprozess entschieden - und an dessen Ende stand nun mal Dürrenmatts unbekanntes Stück auf Platz eins.

"Trickreich arrangiert"

Die Ideengeber hatten nicht bedacht, welche Dynamik im Internet entstehen kann. Bis dahin völlig unbekannte Autoren versuchten, die Chance zu nutzen, um ihre Stücke auf großer Bühne zu platzieren. Und Liebhaber abseitiger Theaterliteratur mobilisierten ihre Freunde, um ihren Fetisch endlich mal wieder öffentlich ausleben zu können. Auf Platz drei landete "Wir sind noch einmal davon gekommen" von Thornton Wilder, auf Platz zwei "Peers Heimkehr" von Gregor Hopf und der A-Capella-Metal-Band van Canto, auf Platz eins Dürrenmatts Komödie.

Angesichts dieses Ergebnisses beschlossen die Theatermacher nach langen Debatten, die Wahl nur eingeschränkt anzuerkennen. "Peers Heimkehr" wurde komplett ignoriert. Thornton Wilders Familiensatire sollte mit dem Stück "Kein Licht" der Schriftstellerin Elfriede Jelinek kombiniert werden, wurde nach einem Veto Jelineks aber dann doch alleine inszeniert. Das Einzige, auf das sich alle sofort einigen konnten, war Dürrenmatts Komödie - die nun am Samstag, 13. April, Premiere hat.

"Nachdem ich mich etwas länger mit dem Stück auseinandergesetzt habe, fand ich seine Konstruktion großartig", sagt Regisseurin Eder. "Ich kenne wenige Werke, die so trickreich arrangiert sind."

"Karikaturen dogmatischer Politiker"

Es geht um vier Männer, die vehement für ihre Ideale einstehen. Der erste will die Todesstrafe wieder einführen, um das Gesetz Moses wieder in die Welt zu tragen; der zweite will den Kommunismus auferstehen lassen; der dritte glaubt an die Liebe als den letzten großen Wert der Menschheit; der vierte ist ein überzeugter Egoist, der in allem nur seinen beruflichen Vorteil sucht. Eine Gemeinsamkeit der starrköpfigen Charaktere: Sie stehen im Laufe des Stückes alle in einem Liebesverhältnis zu Anastasia, der skrupellos lügenden weiblichen Hauptfigur.

Wie es Dürrenmatt gelungen sei, die großen politischen Gegenpole seiner Zeit in einem lockeren Salon-Spiel unterzubringen, das habe sie mehr und mehr fasziniert, sagt Eder. Der Inhalt sei nicht gegenwärtig realistisch zu verstehen. "Es geht um archetypische Figuren, Karikaturen von politischen Dogmatikern, die ihre Ideen um alles in der Welt umsetzen wollen und daran scheitern." Die von Dürrenmatt stark überzeichneten Überzeugungen dürften im Publikum heute eher lustig wirken. Die Grundmuster hinter ihnen, glaubt Eder, seien aber immer noch anzutreffen.

In dieser Spannung verbirgt sich ein satirisches Potential, das die Regisseurin entfalten möchte. Einen Theaterabend, der zwischen Boulevard-Komödien à la "Arsen und Spitzenhäubchen" und Monty-Python-Filmen schwanke, kündigt sie an.

Das löst ziemlich wilde Assoziationen aus - und passt gut zur Entstehungsgeschichte der Inszenierung.


Die Ehe des Herrn Mississippi. Thalia Theater Hamburg. Premiere am 13.4., weitere Aufführungen am 14., 16., 21.4. Karten unter Tel. 040/32 81 44 44.



insgesamt 4 Beiträge
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karlsiegfried 10.04.2013
1. Beste Wahl
Passt gut in die Zeit und Dürrenmatt ebenfalls. So sagte dieser bereits vor Jahren, es gibt nicht mehr genug Arbeitsplätze für alle Menschen. Die Folgen können wir jeden Tag erleben.
cobaea 10.04.2013
2. keine Ahnung?
Zitat von sysopFabian HammerlDa hat sich das Thalia Theater was eingebrockt: Per Online-Voting ließ das Haus abstimmen, welche Stücke es inszenieren soll. Auf Platz eins landete "Die Ehe des Herrn Mississippi" - ein Stück, das bis dahin nicht mal die Regisseurin kannte, die es nun inszenieren muss. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/premiere-von-die-ehe-des-herrn-mississippi-von-duerrenmatt-in-hamburg-a-893395.html
Dass die Regisseurin noch nie von diesem Stück gehört hatte, lässt mich doch so langsam an der Kompetenz Kulturschaffender zweifeln. Nächstens behauptet auch noch jemand, nie etwas von Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" oder Frischs "Don Juan" gehört zu haben - nur weil die nicht jeden zweiten Tag irgendwo auf die Bühne gebracht werden. Sollte sich eine Regisseurin nicht ein bisschen besser in der "Stücke-Literatur" auskennen? Da war das Publikum schlauer.
RonMaiden 10.04.2013
3. Van Canto
Auch wenn es vielen anscheinend nicht klar ist, Heavy Metal bedeutet mehr als schwarze Kleidung und lange Haare. Van Canto sind und bleiben Popmusiker, egal was die Plattenfirma erzählt
marcel2101 10.04.2013
4.
Zumindest in der deutschen Theaterlandschaft ist direkte Demokratie vorstellbar. Immerhin. Und ganz offensichtlich bereichert sie deren Vielfalt sogar noch. Denn wenn eine Regisseurin das Werk erst gar nicht kennt und dann sogar davon fasziniert ist, muss ja alles richtig gelaufen sein.
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