Märchenstunde im Pappelwald: Entdeck das Tier in Dir

Von Johan Dehoust

Märchenstunde im Pappelwald: Entdeck das Tier in Dir Fotos
Oliver Paul/ FFT Düsseldorf

Tausche Bürostress gegen Hirschleben: Die Gruppe Subbotnik inszeniert am FFT Düsseldorf ein Stück rund um den Traum, sich in ein wildes, sorgloses Tier zu verwandeln. Inspiration dazu lieferten Märchen aus dem ewigen Eis.

Es war einmal ein Mann, der zum Jagen in den Wald hinauszog. Er hatte sich gerade an eine Herde von sechs Hirschen herangepirscht, da verwandelte sich eines der Tiere in einen Menschen. "Willst du mit uns leben?", fragte er. "Ich will", antwortete der Jäger. Und schon zogen ihm die Hirsche seine Kleidung aus, und er erschien als einer von ihnen. Er müsse statt auf den Boden in die Sterne schauen, sonst gerate er ins Stolpern, rieten ihm seine Weggefährten noch, dann sprangen sie gemeinsam los.

Ach, welch schöne Vorstellung: Ritsch, Reißverschluss auf - und dann als Hirsch durch den Wald laufen, über einem nur Baumkronen und funkelnder Nachthimmel. Adé Steuererklärungen, adé Mobilfunkanbieter, adé Wecker! Sein hektisches, viel zu kompliziertes Menschenleben einfach gegen ein romantisches Wildtierdasein tauschen, wie herrlich. Wer hat noch nie davon geträumt zu dösen wie eine Ente, zu springen wie ein Luchs oder sich zu suhlen wie eine Wildsau? Nur: So einfach geht das in der Realität eben nicht.

Antesten, wie es sich anfühlt, das kann man aber schon: Gelegenheit dazu bietet das Forum Freies Theater in Düsseldorf an zwei Abenden - mit dem Stück "Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden" (14./16.2.). Das Werk, aus dem das Märchen vom verwandelten Jäger stammt, ist eine Produktion des Künstlerkollektivs Subbotnik. Unter diesem Namen haben sich der Regisseur Martin Kloepfer, der Musiker Kornelius Heidebrecht und der Schauspieler Oleg Zhukov erstmals zusammengetan.

Alltägliche Angst ist besser als Panik

Die Idee, ein Stück über den Traum vom sorglosen Leben der Tiere zu entwickeln, kam den drei Künstlern beim Lesen russischsprachiger Märchen. Heidebrecht, geboren in Kasachstan, entdeckte dabei zahlreiche Mythen der Inuit-Kultur, die von diesem Motiv handeln. Die im Eis lebenden, naturverbundenen Ureinwohner erzählen seit je von verwandelten Hunden, Bären oder Walen.

In "Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden" stellt die Gruppe Fragmente dieser uralten Mythen dar, verquirlt mit Monologen und Dialogen, die von den Problemen der Gegenwart handeln. Eine Figur, im Text mit dem Namen Brillenträger versehen, philosophiert etwa darüber, dass sie ständig vor irgendetwas in Panik gerate, für ein Tier dagegen sei Angst alltäglich und damit viel erträglicher. Der Brillenträger sagt: "Ich möchte kein Haustier mehr sein, ich möchte ein wildes Tier sein."

Damit die Besucher sich auch wirklich wie Hirsche im Wald fühlen, hat die Subbotnik-Crew im FFT Düsseldorf frisch gefällte Pappeln aufgestellt, auch im Zuschauerraum. Durch diesen Märchenwald hindurch also soll man sich von Oleg Zhukov und Gastschauspieler Olaf Helbing ins Reich der Tiere leiten lassen. Begleitet von sphärischen Klängen, die Heidebrecht und Kloepfer daneben auf der Bühne produzieren. Einen "zauberhaften Schwebezustand" nennt Regisseur Martin Kloepfer, 41, das.

Die eingesperrten Tiere freilassen

Mit diesem assoziativen Konzept fügt sich Subbotnik hervorragend ins Motto, das das FFT für Februar und März ausgerufen hat: Willkommen im Zoo. Das kleine freie Theater will damit sein Ziel verdeutlichen, sich vom gewohnten Bühnenzirkus abzusetzen. Die Besucher sollen nicht, wie in Manegen üblich, ein exotisches Wesen nach dem anderen vorgeführt bekommen, sondern angeleitet werden, sich selbst zu den Gehegen aufzumachen. Oder sogar, wie in der Subbotnik-Inszenierung: Die Gitter aufzustemmen und die wilden, bisher eingesperrten Tiere frei zu lassen.

Wobei: So ganz zügellos animalisch möchte es Regisseur Martin Kloepfer dann doch nicht. Auf die Frage, welches Tier er gerne sein würde, antwortet er zwar: "Ich möchte im kalten Wasser leben, vielleicht als Robbe." Er schiebt aber gleich hinterher, dass er eigentlich doch ganz gerne ein Mensch sei. Vielleicht hat er Angst, dass das Leben als Robbe dann doch nicht so ist, wie er sich das ausgemalt hat und der Reißverschluss klemmt, mit dem er wieder seine menschliche Haut überziehen kann. Gut, dass man das erst mal im Theater testen kann.


"Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden". Premiere am 14.2. an den Kammerspielen des FFT Düsseldorf. WeitereAufführung am 16.2.; Karten: Tel. 0211/87 67 87 18. Außerdem am 22. und 23.2. im Ringlokschuppen in Mülheim/Ruhr, Karten: Tel. 0208/99 31 60.

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