"Stallerhof" am Deutschen Theater: Echt behindert

Von Johan Dehoust

"Stallerhof" am Deutschen Theater: Wenn richtig falsch ist Fotos
Arno Declair

Wie geht die Gesellschaft mit Behinderten um? Der Regisseur Frank Abt konfrontiert das Publikum in seiner Inszenierung der Kroetz-Tragödie "Stallerhof" direkt mit dieser Frage. Die Antwort liegt in der Reaktion auf seine zentrale Darstellerin Mereika Schulz.

Wer spielt die Hauptrolle? Eigentlich eine ziemlich oberflächliche Frage. Bei "Stallerhof" ist man mit ihr aber gleich mittendrin. In dem Theaterstück von Franz Xaver Kroetz geht es um das Schicksal der geistig zurückgebliebenen Bauerntochter Beppi, die von ihren eigenen Eltern so lange schikaniert wird, bis sie es nicht mehr aushält. Eine Tragödie von 1971, die den gesellschaftlichen Umgang mit behinderten Menschen beanstandet. Logisch, dass da bereits die Besetzung der Protagonistin zum Politikum wird: Kann man Andersartigkeit heute noch thematisieren, indem man sie für die Bühne nur spielt?

Der Regisseur Frank Abt hat sich lange mit dieser Frage beschäftigt, bevor er damit begann, "Stallerhof" am Deutschen Theater Berlin einzustudieren (Premiere: 23. Februar). "Ich habe viel darüber nachgedacht, wie es gelingen kann, die Figur Beppi darzustellen, ohne naheliegenden Klischees zu verfallen", sagt er. Seine Antwort: Indem man sie von einer Schauspielerin spielen lässt, die tatsächlich "anders" ist.

Mereika Schulz also spielt die Beppi. Die 28-Jährige gehört zum Ensemble des Theaters Thikwa, einer kleinen, freien Bühne in Berlin-Kreuzberg, die behinderte Darsteller integriert. Durch ihren Gastauftritt am Deutschen Theater sei mit Probenbeginn für alle Beteiligten sofort zu spüren gewesen, was ihn an "Stallerhof" interessiere, erzählt Abt. "Wir haben uns so permanent damit auseinandergesetzt, was es bedeutet, wenn jemand eine andere Realität hat als man selbst und wie wir uns demgegenüber verhalten."

Unterschwelliger, gesellschaftlicher Druck

Diesen Denkprozess will Abt auch bei den Zuschauern auslösen. Die behinderte Mereika Schulz soll ihnen das Schicksal der behinderten Beppi nahebringen. Die Eltern in der Geschichte von Franz Xaver Kroetz empfinden es als Schande, eine "Schwachsinnige" als Tochter zu haben. Nur der kurz vor der Rente stehende Knecht Sepp nimmt sich der 14-Jährigen an. Zwischen dem Außenseiter und Beppi entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die zwischen schüchterner Zärtlichkeit und brutalem Sex schwankt.

Als die Stallers erfahren, dass ihre Tochter schwanger ist, verjagen sie Sepp vom Hof. Sie überlegen sogar, ihre Tochter samt ungeborenem Kind zu töten - schaffen es dann aber doch nicht. Trotzdem: Kurz nach der Geburt ihres Sohnes flieht Beppi zu Sepp, der nun in der Stadt lebt. Sie, die ständig Unterdrückte, wagt es, die sie umgebende Grundordnung in Frage zu stellen. Für einen kurzen Moment flackert nach ihrem Aufbegehren so etwas wie Familienidylle auf - dann aber nehmen die Ereignisse einen unheilvollen Verlauf.

Natürlich, sagt Abt, habe sich seit den Siebzigern im Umgang mit behinderten Menschen vieles zum Guten verändert. Vor allem hin zu mehr Toleranz. Der Grundkonflikt aus Kroetz' drastischer Milieustudie sei aber noch aktuell: "Die Stallers handeln unter einem gesellschaftlichen Druck, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Sie schaffen es nicht, ihren eigenen Sehnsüchten zu folgen, sie funktionieren, versuchen, Dinge nach außen hin möglichst richtig zu machen." Diese diffuse Last geben die hilflosen Eltern an ihre Tochter weiter.

Der Wunsch, allen Menschen offen und herzlich zu begegnen und unterschwellig leitende Konventionen stünden sich auch heute häufig im Wege, sagt Abt. Diesen Gegensatz zu abstrahieren, das sei eines seiner zentralen Anliegen: Der Regisseur löst die Tragödie in seiner Inszenierung daher aus dem bayerisch-bäuerlichen Umfeld. Der Unterschied zwischen Land und Stadt spiele keine Rolle mehr. Ein klar strukturierter, kalter Bühnenraum ersetzt den dörflich-trutschigen Morast. Das Publikum soll sich so leichter in Beppis bedrückende Welt hineindenken können. Allein die Kostüme erinnern noch an die verdruckste Trachtengesellschaft, die Kroetz ursprünglich beschrieb.

Ob wir dabei sind, diese alten, miefigen Kleider endlich abzustreifen, das wird sich anhand der Zuschauerreaktionen auf die Hauptdarstellerin des Abends ablesen lassen.


"Stallerhof". Premiere am 23.2. an den Kammerspielen desDeutschen Theaters Berlin. Weitere Aufführungen am 27.2. sowie am 2. und 26.3., Karten: Tel. 030/28 44 12 25.

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1. wirklich mehr toleranz??
evamueller1 20.02.2013
tun wir nicht alles dazu um uns vor behinderten kindern zu bewahren?? pid sei hier als beispiel genannt. abtreibung ist, wenn ein problem festgestellt wird, das erste mittel der wahl. werdende eltern haben große probleme überhaupt einen arzt zu finden der sie durch eine schwangerschaft mit einem nachweislich behinderten kind begleitet.. so tolerant sind wir heute!
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