Liebeskomödie "Wie es euch gefällt": Verwirrt im Plüschwald

Von Johan Dehoust

Er oder sie? Das Theater Heidelberg hat sich einen neuen, holzvertäfelten Saal geleistet, den es nun mit Shakespeares Geschlechter-Verwirrspiel eröffnet. Besonders treffend: die Besetzung des Melancholikers Jacques.

Liebeskomödie "Wie es euch gefällt": Verwirrt im Plüschwald Fotos
Florian Merdes

Wundervoll, wunderbar, wunderschön: Es gibt eine ganze Reihe von Adjektiven, die einen dazu verleiten, von Übernatürlichem zu erzählen. Selbst wenn es eigentlich gar nicht zutrifft. Auch wenn man momentan über das Theater Heidelberg spricht, kommt man um diesen Gedanken nicht herum. Hier allerdings ausnahmsweise mal zu Recht: Während ansonsten überall in der Theaterszene gekürzt und fusioniert wird, hat man es sich in der Stadt am Neckar einfach mal geleistet, eine neue, dreimal so große Spielstätte zu erbauen.

Das traditionsreiche Haus in der Altstadt ist frisch saniert und um einen modernen Saal erweitert. Und damit nicht genug: Im Gegensatz zu den Bauvorhaben anderer Städte ist das neue Theater pünktlich fertig geworden. Alles genau nach Plan. Seht her, Berliner Staatsoper und Hamburger Elbphilharmonie! 60 Millionen Euro, bestehend aus Spenden und Staatsgeld, sollte der Neubau von Anfang an kosten - und dabei blieb es auch. Wundervoll, oder?

An diesem Freitag, 14. Dezember, nun wird der neue, 512 Zuschauer fassende Saal schauspielerisch eingeweiht. Das Heidelberger Theaterensemble hat Premiere mit "Wie es euch gefällt" - jener Komödie von William Shakespeare, aus der folgender Satz stammt: "Die ganze Welt ist eine Bühne. Und alle Frauen und Männer bloße Spieler." Viel passender als mit diesen Worten des Melancholikers Jacques kann man ein frisch aufgemöbeltes Theater wohl kaum eröffnen. Die Welt zu Gast in Heidelberg.

Heidelberger Uffizien

Vor zwei Wochen konnten sich erstmals Besucher ein Bild von dem alten neuen Gebäude machen, entworfen vom Darmstädter Architekturbüro Waechter und Waechter. Das ehemals verschachtelte Haus aus dem Jahr 1853 ist nun durch ein Glasdach mit der neuen Spielfläche verbunden. Vor einem hellen, holzvertäfelten Zuschauerraum liegt eine große, fahrbare Bühne. Am Tag der offenen Tür seien etwa 20.000 Besucher gekommen, berichtet Intendant Holger Schultze: "Die Schlangen waren so lang, das kennt man sonst nur von italienischen Museen wie den Uffizien." Der Neubau habe einen "richtigen Run" ausgelöst, sagt er.

In dem Mitte des 16. Jahrhunderts geschriebenen Stück "Wie es euch gefällt" flieht der Herzog mit einigen Getreuen in einen Wald, weil er von seinem Bruder entmachtet worden ist. Seine Tochter Rosalind bleibt zunächst am Hof, wo sie sich in Orlando verliebt. Auch er fällt jedoch in Ungnade und folgt dem alten Herzog. Also kann Rosalind nicht anders, als sich auch aufzumachen. Als Mann verkleidet zieht die Herzogstochter durch den Wald und entdeckt unterwegs immer wieder kleine, an den Bäumen heftende Liebeszettel, auf denen Orlando sie anschmachtet. Rosalind, sie nennt sich nun Ganymede, trifft ihren Geliebten wieder, gibt sich aber zunächst nicht zu erkennen: Sie testet seine Liebe zu ihr, indem sie ihn bittet, sie (in seinen Augen: ihn) so zu umschwärmen, wie er es mit seiner verehrten Rosalind täte. Das alles bleibt nicht ohne Folgen.

"Frauen, Männer und alles dazwischen"

Der Wald, in den die Schauspieler auf der neuen Bühne fliehen, ist nicht finster und unheimlich, sondern plüschig und rot. "Es wird eine sehr sinnliche Umsetzung", sagt Elias Perrig, der Regisseur der Inszenierung. Der Inhalt von Shakespeares Stück werde nur verständlich, wenn eine besondere Atmosphäre geschaffen werde, glaubt er. Dafür lässt der schweizerische Regisseur seine Darsteller viel singen, begleitet von Livemusikern im neuen Orchestergraben.

"In der Komödie geht es um Frauen, Männer und alles dazwischen", sagt Perrig. Für ihn sei "Wie es euch gefällt" vor allem ein tief sehnsüchtiges Stück. Deshalb sei es ihm besonders wichtig gewesen, die Rolle des Melancholikers Jacques, ein getreuer Lord des Herzogs, passend zu besetzen.

Das ist ihm gelungen: Georgette Dee verkörpert Jacques. Der Künstler tritt seit den frühen Achtzigern als Chansonsängerin und Kabarettistin auf - am Anfang gemeinsam mit Lilo Wanders und Gunter Schmidt vom Duo Herrchens Frauchen, später auch in zahlreichen Theater-Inszenierungen, etwa am Wiener Burgtheater oder an den Münchner Kammerspielen. Eine großartige Diseuse, deren tiefe Stimme man zuletzt immer seltener vernommen hat.

Sagt man sie oder er, wenn man über Georgette Dee spricht? Mit dieser Frage, berichtet Perrig, hätte sich zu Beginn der Probezeit auch das Heidelberger Ensemble beschäftigt - und war so gleich mitten drin in Shakespeares Verwirrspiel.


"Wie es euch gefällt". Theater Heidelberg. Premiere (ausverkauft) am 19.12., weitere Aufführungen u.a. am 16., 18. und 21.12. Karten: Tel. 06221/582 00 00.

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