Ausschreitungen in Heidenau Fotojournalist wird von Polizei in Gewahrsam genommen

Wegen eines angeblichen Porträtfotos wurde ein Fotojournalist in Heidenau kurzzeitig von Polizisten in Gewahrsam genommen. Der Vorfall ist pressefreiheitlich bedenklich - und zeigt: Vor Ort herrscht Chaos.

Fotograf Nick Jaussi: In Heidenau von Polizisten abgeführt
Christian Ditsch

Fotograf Nick Jaussi: In Heidenau von Polizisten abgeführt

Von Hannah Knuth


Mit rund 170 Beamten war die Polizei am vergangenen Samstag in Heidenau im Einsatz, und weil es bereits in der Nacht zuvor zu Ausschreitungen mit Tränengaseinsätzen kam, trugen die Polizisten auch am Samstag wieder Mehrzweckschusswaffen. Die wollte der Fotojournalist Nick Jaussi fotografieren - und sah sich kurze Zeit später in Gewahrsam der Polizei. Die Fotografenvereinigung Freelens machte auf ihrer Website auf den Vorfall aufmerksam.

Jaussi soll zunächst ungestört mit seiner professionellen Kamera Fotos geschossen haben, bevor er auch mit seinem Handy noch eine Nahaufnahme machte. "Ich wollte ein Bild auf Twitter posten, mit dem Vermerk, dass die Polizei für diesen Abend gut vorbereitet scheint", erzählt Jaussi SPIEGEL ONLINE.

Als der Polizist das bemerkte, forderte er nach Jaussis Aussage mehrmals die Einsicht des Handys. "Er warf mir vor, ich hätte ein Porträtfoto von ihm gemacht", sagt der Fotograf. "Als ich sagte, er habe kein Recht, mein Handy zu durchsuchen, wurde ich eingepackt und mitgenommen."

Ohne Vorwarnung soll er im Polizeigriff von mehreren Polizisten rund 30 Meter zum Polizeiwagen gezerrt worden sein, wo die Beamten seine Personalien aufnahmen. "Ich wäre ja freiwillig mitgelaufen, hätte man mich nach meinem Presse- oder Personalausweis gefragt", sagt Jaussi. "Aber dass sie mich im festen Polizeigriff abführen, war völlig unverhältnismäßig!"

Die Polizisten sollen zunächst mehrfach auf das Kunsturheberrechtsgesetz verwiesen haben, das allerdings lediglich die Veröffentlichung - und nicht die Aufnahme - von Porträtbildern von Polizisten untersagt. Rund zehn Minuten soll Jaussi am Polizeiwagen festgehalten worden sein, bevor er mit der Androhung einer Strafanzeige bei Veröffentlichung des Fotos wieder freigelassen wurde. Kurz nach seiner Freilassung veröffentlichte Jaussi das besagte Foto auf Twitter - eine Porträtaufnahme von Polizisten ist darauf nicht zu erkennen.

Nur einen Tag später soll ein Kollege von Jaussi Ähnliches erlebt haben: Dem Fotografen soll ebenfalls vorgeworfen worden sein, vor Ort Porträtfotos von Polizisten zu schießen. "Ich weiß nicht, ob das System hat", sagt Jaussi, "aber es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass das kein schlechter Weg ist, um Journalisten ein bisschen zu schikanieren."

Die Polizei wollte zum Vorfall zunächst keine Stellungnahme abgeben: Der Sachverhalt sei allerdings bekannt, man prüfe die Vorwürfe. Eine Strafanzeige gegen die Polizisten soll nicht vorliegen - darauf will auch Jaussi verzichten.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Abel Frühstück 26.08.2015
1.
Bedenklich, wenn die Polizisten die Rechtslage nicht kennen. Auf der anderen Seite darf vor Augen und Ohren der Einsatzkräfte volksverhetzend rumgebrüllt werden?
joes.world 26.08.2015
2. Da habe ich volles Verständnis für die Polizisten.
Denn wenn er einen Polizisten in der Großaufnahme einmal aufgenommen hat - kann der danach nichts mehr machen. Wird sein Foto einmal in den Sozialen Medien veröffentlicht. Das wird dann beliebig weitergereicht. Auch wennd er Journalist es dann löscht - ist es zu spät. Ich finde es unangebracht von dem - auf dem Foto der Festnahme etwas wirr aussehenden - Reporter, überhaupt so ein Foto zu machen. Und den Polizisten dann nicht in sein Handy sehen lassen.
deus-Lo-vult 26.08.2015
3.
Die Presse muss endlich einmal verstehen, dass sie eben nicht alles fotografieren, veröffentlichen, etc. können! Lob an die Polizisten, die den Mumm hatten, da durchzugreifen! Es wäre so einfach gewesen: Dem Polizisten das Bild zeigen. Wenn rechtlich unbedenklich, dann wäre alles ok gewesen. Aber nein, gegen die böse Polizei muss man sich ja wehren. Und tunlichst verschweigen, dass man zur Presse gehört muss natürlich auch sein. Tja, Herr Jaussi, Ihre Aktion war einfach nur dumm und Sie müssen die Konsequenzen tragen. Sie warden auch schon wissen, warum Sie auf einen Strafantrag verzichten.
a.totok 26.08.2015
4.
"Eine Strafanzeige gegen die Polizisten soll nicht vorliegen - darauf will auch Jaussi verzichten." wie soll sich blos etwas ändern, wenn er die mittel des rechtsstaates nicht einsetzen will um sich gegen willkür zu wehren?
grommeck 26.08.2015
5. Der Staat im Staat....so stellt sich die Polizei dar...
jeder Bürger darf fotografiert werden, sobald einer der Ordnungshüter abgelichtet wird gibt's Ärger. Warum wohl?? Die Dunkelziffer der Rechten in der Truppe wird wohl nicht gering sein, ist zu befürchten. Die Zeiten von " Dein Freund und Helfer" sind scheinbar vorüber. Der Schutz der Wirtschaft und die Durchsetzung der Anweisungen von oben, sind oberstes Gebot. Der Grundton bei der Exekutive zieht sich durch 80 Jahre Geschichte.... Schade eigentlich.
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