Pressekrieg "Focus" legt sich mit chinesischer Nachrichtenagentur an

Kampf der Pressekulturen: Der "Focus" veröffentlichte einen chinakritischen Bericht. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua bezichtigte daraufhin den Autor des Textes, er sympathisiere mit Falun Gong. Dagegen geht das Münchner Magazin jetzt juristisch vor.


München/Berlin - Den Anfang machte ein kontroverses Interview mit der Deutsche-Welle-Journalistin Danhong Zhang. Und nun, rund einen Monat später, sieht sich das Münchner Magazin "Focus" gezwungen, Beschwerde beim Berliner Büro der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua und dem chinesischen Botschafter in Deutschland einzulegen.

Die Redaktion fordert den Widerruf eines Xinhua-Artikels, in dem einem "Focus"-Redakteur unterstellt wird, er habe einen "Falun-Gong-Hintergrund". Die Religions- und Meditationsbewegung ist in China verboten.

Wie es zu dem Streit kam? Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking gab die stellvertretende Redaktionsleiterin des chinesischen Programms der Deutschen Welle, Danhong Zhang, ein auffallend chinafreundliches Interview.

Die KP habe "mehr als jede politische Kraft auf der Welt" zur "Verwirklichung des Artikels 3 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beigetragen", sagte sie beispielweise. Und weil sich internationale Pressevertreter über Internet-Zensur beschwert hatten, rechtfertigte Zhang die Sperrung kritischer Web-Seiten von Organisationen wie Falun Gong oder Free Tibet indirekt mit dem Hinweis, in Deutschland könne man "auch nicht Seiten zu Kinderpornografie oder Rechtsextremismus aufmachen".

In China wurde Zhang für ihre Aussagen gefeiert, in Deutschland stießen sie hingegen weder bei ihrem Sender noch bei Kollegen auf Verständnis. So berichtete zum Beispiel "Focus" am 11. August unter der Überschrift "Deutsche Welle – Expertin lobt Chinas KP" über Zhangs Interview. Der Autor des Artikels befragte den SPD-Bundestagsabgeordneten Dieter Wiefelspütz zu Zhangs Äußerungen - ein normaler journalistischer Vorgang. Wiefelspütz stellte fest: Die Aussagen der Journalistin seien eine "einzige Katastrophe".

Diese kurze Meldung erregte die Nachrichtenagentur Xinhua aber dermaßen, dass sie die Vermutung anstellte, die verbotene Religionsgemeinschaft stecke dahinter. "Ein Journalist des deutschen Magazins 'Focus', der einen Falun-Gong-Hintergrund hat, (hat) einen Artikel geschrieben, in dem der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Dieter Wiefelspütz beim Interview Zhang scharf kritisiert hat", heißt es in einem Xinhua-Artikel. Und weiter: "(...) dieser Zusammenangriff von Medien und Politikern erinnert an das oftmals benutzte Angriffsmittel von Nazis gegen Menschen mit anderen Meinungen."

Die "Focus"-Redaktion fordert nun von Xinhua Unterlassung und Widerruf. Chefredakteur Helmut Markwort sagte: "Die möglicherweise staatlich verordneten Schmähungen gegen 'Focus' durch diese sogenannte 'Nachrichten'-Agentur sind einfach absurd. Unser Redakteur hat mit Falun-Gong nicht das Geringste zu tun."

chc/AP



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