Heute in den Feuilletons: Ouvertüre zum Sirenengesang

Die "FAZ" besucht den Comic-Autor Art Spiegelman, der in nur drei Bildern ein ganzes Leben erzählen kann. Die "SZ" gibt die Filesharer-Jugend noch nicht verloren, und die "taz" nimmt linke Diskursunfähigkeit in den Blick.

Die Welt, 16.06.2012

Im Mai ist der algerische Autor Boualem Sansal nach Israel gereist, als Gast der Jerusalemer Buchmesse. Dafür ist ihm nun der Preis des arabischen Romans, der von den arabischen Botschaftern vergeben wird, wieder entzogen worden. In einem offenen Brief an seine Freunde verteidigt er in der Literarischen Welt seine Reise: "Ich sage es euch ganz offen, ich bin von dieser Reise glücklich und erfüllt zurückgekommen. Immer hatte ich die Überzeugung, dass es nicht das Schwierige ist, etwas zu unternehmen, sondern dass man sich so weit bringt, den ersten Schritt dafür zu tun. Man ist bereit für die Revolution, tief in einem weiß man, dass man sich bewegen, sich selbst verändern muss, um die Welt zu ändern. Den ersten Schritt zu tun, ist dabei sehr viel wichtiger als den letzten zu tun, der uns ans Ziel bringt. Ich begriff zudem, dass der Frieden hier vor allem eine Angelegenheit der Menschen ist, die zu ernst ist, um sie in den Händen der Regierungen und noch weniger in denen der Parteien zu lassen. " (Ein sehr interessantes Interview mit Sansal gibt es dazu auch auf Rue 89.)

Außerdem: Andreas Puff-Trojan unterhält sich mit Friedhelm Rathjen über die Schwierigkeit, Joyces "Ulysses" neu zu übersetzen. Tilman Krause reist auf den Spuren von Rousseau. Besprochen werden unter anderem Paul Bowles' Reiseberichte "Taufe der Einsamkeit" und Klaus Heinrich Kohrs' Buch "Hector Berlioz' Les Troyens".

Im Feuilleton mokiert sich Ulf Poschardt über die unpatriotische grüne Jugend. Michael Pilz spricht mit dem Komponisten der Winnetou-Melodie, Martin Böttcher, der morgen 85 wird. Cosima Lutz geht mit der Schauspielerin Alice Dwyer essen.

Weitere Medien, 16.06.2012

Entsetzt äußert sich der Urheberrechtsexperte Till Kreutzer auf irights.info über den von der Bundesregierung vorgelegten Referentenentwurf zu einem Leistungsschutzrecht: "Der Referentenentwurf suggeriert, dass sich im Prinzip nichts ändert, weil ja weiterhin Zitate und Links zulässig sind und es das Urheberrecht an den Inhalten ja ohnehin gibt. Doch wäre es so, bräuchte man das Leistungsschutzrecht nicht. Vielmehr geht es darum, diejenigen Bereiche zu monopolisieren, die das Urheberrecht bislang bewusst und gewollt freilässt. Das sind insbesondere kleine Ausschnitte aus Beiträgen (Snippets), die in Presseerzeugnissen erschienen sind."

Die Tageszeitung, 16.06.2012

Dass der Zug für die Linke momentan ziemlich abgefahren ist, während die Piratenpartei derzeit im Hoch im Kurs liegt, sieht Dirk Knipphals auch in linker Diskursverdrossenheit begründet, wohingegen die Piraten gerade das öffentliche Gespräch suchen: "Als das letzte Mal die Strukturen der Öffentlichkeit entscheidend erweitert wurden - in den neunziger Jahren bei der flächendeckenden Einführung der Talkshows war das -, beschrieben gerade linke Intellektuelle das vor allem als Verfalls- und Verdummungsprozess. Und eben keineswegs zumindest als Chance, nicht nur in Feuilletons und linken Zirkeln gesellschaftliche Grundfragen zu diskutieren und damit immer auch ein bisschen zu hinterfragen."

Weiteres: Anna Huzol von der feministischen Gruppe Femen, deren Protestaktionen gegen die Europameisterschaft in der Ukraine derzeit für viel Aufsehen sorgen, verrät Irina Serdyuk im Gespräch, dass die Aktivistinnen nicht nur den Busen befreien wollen, sondern gerade auch daran arbeiten, an den Körper des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch "heranzukommen". Meike Laaf und Daniel Schulz unterhalten sich mit dem Netzaktivisten Stephan Urbach über Hacker-Depressionen. Das Hamburger Schwabinggrad Ballett beobachtet vor Ort den Wahlkampf in Athen. Fatma Aydemir war von A$APs Konzert in Berlin eher unterwältigt. Tobias Schwartz empfiehlt zwei Bücher zum heutigen Bloomsday. Anke Leweke schaut sich im Berliner Zeughauskino Kostümfilme an.

Besprochen werden das neue Album von Phantom/Ghost und Bücher, darunter das neu übersetzte Werk von Jane Bowles (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 16.06.2012

Den heutigen Bloomsday verbringt Christian Thomas gebannt vor seinem Radiogerät: Bereits seit acht Uhr und noch bis morgen um 6 Uhr in der Früh überträgt der SWR2 die aufwändige Hörspieladaption von James Joyce' "Ulysses" (hier der Livestream). Diese nutze den "Resonanzraum des Radios" voll aus und werde zum "musikalischen Ereignis ... wenn Wolfram Koch und Milan Peschel den Jargon der Straße hineinrufen in den Gang der Handlung. Wenn Jens Harzer sich von einem inneren Monolog traumverloren treiben lässt. Wenn der Besuch in der grellen Ormand Bar, Ouvertüre zum Sirenengesangkapitel, zur rotzigen Kunstliedtravestie wird. Wenn Jaqueline Macaulay, honigsüß oder heiser, mal Hexe ist, mal Hure." Der audiophilen Großereignisse damit nicht genug: Auch das Kulturradio des RBB strahlt täglich "Ulysses"-Häppchen aus (hier die Sendungen der letzten Tage zum Nachhören) und im Deutschlandfunk gibt es abends die ersten Kapitel des Hörspiels in der Wiederholung, weiß Christian Thomas zu berichten.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von "Der Geizige" an der Volksbühne in Berlin und Alvis Hermanis' Stück "Schwarze Milch" am Staatstheater in Wiesbaden.

Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2012

Bei der Ausstellung der italienischen Modeschöpferinnen Elsa Schiaparelli und Miuccia Prada im Metropolitan Museum of Art in New York fragt sich Andrea Köhler: "Ist chic gleich schön?" Patricia Grzonka berichtet von einer Ausstellung der Performancekünstlerin Gina Pane im Mart in Rovereto, deren sogenannte Body-Art "den Charakter peinvoller Kammerstücke" hat. Besprochen wird Bernard-Henri Levys "Le Serment de Tobrouk", ein "'Dokumentar'-Film von BHL über BHL und mit BHL".

In Literatur und Kunst porträtiert Marta Kijowska anlässlich des 100. Todestages Boleslaw Prus, einen "der ganz Großen unter den Schriftstellern des polnischen Positivismus". André Bideau beleuchtet die auf "die Spitze getriebenen gegensätzlichen architekturhistorischen Referenzen" in Rem Koolhaas' Neubau der Milstein Hall für die Cornell University in Ithaca. Besprochen werden eine "exquisite" Neuübersetzung von Iwan Gontscharows "Oblomow" sowie eine von Felix Philipp Ingold zusammengestellte Sammlung russischer Lyrik (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 16.06.2012

Niklas Hofmann mag nicht vorbehaltlos daran glauben, dass heutige Filesharer-Jugendliche dem Kulturgütermarkt als zahlende Kunden für immer verloren zu gehen drohen: Einige Jahre später und im Berufsleben angekommen schätzen diese "womöglich dennoch den unkomplizierten Bezahldienst. ... Alle, die glaube, derzeit im Netz etwas zu verlieren zu haben, sind gut beraten, nicht in allzu festgefügten Bildern zu denken. Das Netz als Pandoras Büchse zu sehen, die, einmal geöffnet, nie wieder zu schließen ist, geht an der Realität vorbei."

Weiteres: Larissa Beham besucht das internationale James-Joyce-Symposium in Dublin. Mit "sensationeller Pünktlichkeit" hat der HipHopper A$AP sein Berliner Konzert begonnen, stellt Jan Kedves beim strengen Blick auf die Uhr erstaunt fest. Till Briegleb erklärt den Begriff der "Commons", den die am Dienstag verstorbene Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom geprägt hat. Jens-Christian Rabe gratuliert Paul McCartney zum 70. Geburtstag, Joseph Hanimann nimmt Abschied von dem Philosophen Roger Garaudy. Dazu gibt es eine zweiseitige Beilage zu den Münchner Opernfestspielen.

Besprochen werden zwei Molière-Inszenierungen mit Martin Wuttke an der Volksbühne in Berlin, die Culture-Clash-Komödie "West is West", die Ausstellung "L'Architecture Engagée" im Architekturmuseum der TU München und Julia Fischers Buch "Affengesellschaft" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Für die SZ am Wochenende erzählt Frederik Obermaier die Geschichte von David Rouiller, der vor zehn Jahren sein Elternhaus verließ, um sich dem Kampf der PKK anzuschließen. Miriam Stein mischt sich unter Beth Dittos Party-Entourage in Berlins Nachtleben. Willi Winkler erinnert an den Watergate-Skandal vor 40 Jahren. Catrin Lorch plaudert mit Jeff Koons unter anderem über die Beschwerlichkeiten, die allein ein Koons-Prototyp mit sich bringt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2012

Art Spiegelman ist der erste Comic-Autor, der einen namhaften deutschen Literaturpreis verliehen bekommt - und der erste Siegfried-Unseld-Preisträger, der kein Suhrkamp-Autor ist. Für Bilder und Zeiten besucht Andreas Platthaus den New Yorker Künstler in München bei der Arbeit an seinem aktuellen Projekt, einem großformatigen Comic-Fenster für die High School of Art and Design in Manhattan: "Der Comiczeichner ist der Erzähler unter den bildenden Künstlern. Sein diesbezüglich besonders ausgeprägtes Können hat Spiegelman den Siegfried-Unseld-Preis eingebracht. Es wird aber selbst die Juroren überraschen, dass ihr Preisträger in der Lage ist, in nur drei Bildern ein ganzes Leben zu erzählen, das Ideal künstlerischer Arbeit zu feiern und sogar noch die Geschichte einer Bildungsanstalt darzustellen."

Jüngere Forschungsergebnisse zeigen, dass Napoleons Russlandfeldzug nicht allein am Winter scheiterte, sondern auch an den logistischen und strategischen Fähigkeiten der russischen Armee, erläutert Thomas Speckmann. Jeff Koons plaudert über Genetik, Narzissmus und den Kunstmarkt.

Die Aktivistin Auma Obama, Schwester von Barack, hat 16 Jahre in Deutschland gelebt. Im Feuilleton spricht sie über Entwicklungsarbeit und das Verhältnis zwischen erster und dritter Welt: "Der Westen muss bescheidener werden. Und ehrlicher, das sage ich immer. Und manchmal bereit sein, draußen vor der Tür zu stehen und nicht reinkommen zu dürfen, weil er nichts zu sagen hat. Und wenn er was zu sagen hat, heißt das noch lange nicht, dass er alles weiß."

Weiteres: Jürgen Kaube polemisiert gegen ARD und ZDF, die sich bei der Fußball-Europameisterschaft manipuliertes Bildmaterial unterjubeln lassen. Norbert Kuls beschreibt, wie der Hochfrequenzhandel das Börsengeschäft verändert. Jürgen Dollase erlebt im Pariser Hotel "Le Bristol" ein "Wunderwerk an Sensorik". Besprochen werden außerdem Robert Wilsons Stück "Life an Death of Marina Abramovic" im Basler Theater, die, so Martin Halter, "grandios verkitschte Himmelfahrt einer Schmerzensmadonna"; Frank Castorfs Inszenierung von Molières "Geizigem", die sich, in Irene Bazingers Worten, "verzweifelt anstrengt, leicht und locker und fidel zu wirken - und sich dabei verkrampft und verbiegt und verläppert"; sowie Bücher, darunter Angelika Meiers "postpostpostmoderner" Roman "Heimlich, heimlich mich vergiss" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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