Presseschau zum Guttenberg-Rücktritt "Wahnsystem und Allmachtsphantasien"

"Rückzug nach kurzem Gefecht" - der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg legte seine Ämter nieder, die deutsche Presse kommentiert. "Selber schuld" sagen die einen, andere bedauern "die traditionellen Regeln der Berliner Politik". Auch international erregt der Rücktritt Aufsehen.


Hamburg - Um 10.34 Uhr informierte das Verteidigungsministerium darüber, dass Karl-Theodor zu Guttenberg um 11.15 Uhr ein Pressestatement abgeben werde. Die Website der "Bild"-Zeitung hatte da bereits gemeldet, dass es nur um die Rücktrittserklärung gehen könne. Doch die kurze Rede des Ministers war nicht live im Fernsehen zu sehen - einzig der Nachrichtensender n-tv übertrug zumindest den Ton von Guttenbergs Erklärung, weil eine Reporterin ihr Handy hochhielt.

Die Online-Angebote der Zeitungen und Zeitschriften berichteten mit Live-Tickern von Guttenbergs Abschieds-Statement. Sueddeutsche.de fand für eine Chronologie der Ereignisse die Überschrift "Rückzug nach kurzem Gefecht".

Bild.de ließ es im Bericht aus dem Verteidigungsministerium menscheln: "Mitarbeiter des Ministeriums haben Tränen in den Augen, Guttenberg wirkt gefasst, sieht aber auch abgekämpft aus." Und weiter: "Guttenberg wendet sich nach seinem letzten Satz sofort ab, würdigt die Journalisten keines Blickes mehr. Geht die Treppe wieder hoch, von der er gekommen ist. Immer wieder sprechen Guttenberg Ministeriumsmitarbeiter an. Sie können offensichtlich kaum fassen, dass ihr Minister zurückgetreten ist."

Sueddeutsche.de ordnete das Geschehen im Liveticker in lokale Kategorien ein: "Jung (Guttenbergs Amtsvorgänger, Anm. d. Red.) war für die Regierung ungefähr so wichtig wie Andreas Ottl zuletzt für den FC Bayern München. Guttenberg aber war einer der wichtigsten Spieler in Merkels Mannschaft."

Um 12.27 Uhr hatte die Website der "Süddeutschen Zeitung" einen ersten Kommentar unter dem Titel "Adel verzichtet". Thorsten Denkler findet darin die Art und Weise von Guttenbergs Rücktritt respektabel und erinnert daran: "Auch ein Franz Josef Strauß ist in der SPIEGEL-Affäre spektakulär zurückgetreten - um dann wiederzukommen - und sehr, sehr lange zu bleiben. Guttenberg ist 39. Er hat reichlich Zeit für ein Comeback."

Malte Lehming vom "Tagesspiegel" hingegen meint: "Zu spät. Einen Abgang à la Margot Käßmann macht man gleich oder gar nicht", und sieht eine dunkle nähere Zukunft der Union: "Wer soll nun die Hallen füllen, Röttgen, Kauder, Pofalla?"

Thomas Schmid schreibt auf Welt Online: "Ein Stern ist verglüht. Man kann es drehen und wenden wie man will: Daran ist Karl-Theodor zu Guttenberg allein Schuld." Er habe zu spät erkannt, dass "auch in Zeiten gesunkener Moralstandards seine Doktorcausa" nicht zu einer Partei passt, die "in der Tradition deutscher Bürgerlichkeit wurzelt."

Ein hübsches Detail zur Nachfolgedebatte brachte FAZ.net: "Eine eventuelle Nachfolgeregelung mit dem bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) gälte (Regierungskreisen zufolge) als 'größte anzunehmende Strafe für die Bundeswehr'." Ansonsten berichtete das Internetangebot der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sehr zurückhaltend - und verzichtete in den ersten vier Stunden nach der Rücktrittserklärung auf einen kommentierenden Text.

Das "Handelsblatt" überschreibt seinen Kommentar mit einem nicht kenntlich gemachten Zitat aus Guttenbergs Rücktrittserklärung: "Nur noch Minister der Selbstverteidigung". Daniel Goffart glaubt: "Für den Spross einer alten Adelsfamilie, der Werte wie Anstand, Traditionen und Ehrgefühl von Kindesbeinen an verinnerlicht hat, ist es nicht mehr hinnehmbar, wenn er von namhaften Rechtsprofessoren unwidersprochen als 'Betrüger' bezeichnet wird."

Hans-Peter Schütz rekonstruiert auf stern.de die Vorzeichen von Guttenbergs Rücktritt, die es in den vergangenen Tagen schon gegeben habe. Eine große Rolle habe dabei in der CDU/CSU die Sorge um die Landtagswahlen in Baden-Württemberg gespielt. Zum Bekenntnis der aus dem Land stammenden Bundesforschungsministerin Annette Schavan, sie schäme sich nicht nur heimlich für die Vorgänge um die Doktorarbeit, zitiert Schütz Spekulationen, dass die Kanzlerin Merkel ihre Vertraute Schavan vorgeschickt habe.

Focus-Online-Korrespondentin Martina Fietz findet, Guttenberg habe "die eigene Messlatte gerissen", die er mit seinen proklamierten Ansprüchen an die eigene Integrität hoch gelegt habe. Doch habe "das politische System insgesamt einen Verlust erlitten". Schließlich habe Guttenberg die Chance gehabt, breite Bevölkerungsteile wieder für das Geschäft von Regierung und Parlament zu interessieren - ein vergleichbares Talent sei nicht in Sicht.

Der Leiter des "Bild"-Hauptstadtbüros, Nikolaus Blome, der die Unterstützungslinie seines Blattes in den vergangenen Tagen offensiv nach außen vertreten hatte, sieht in Guttenbergs Rücktritt "eine tiefe Zäsur". Blome stellt den Zweifeln an Guttenbergs Charakter den Rückhalt bei vielen Wählern gegenüber, der aber nicht gezählt habe: "Die Karriere von Karl-Theodor zu Guttenberg endet nach den traditionellen Regeln der Berliner Politik." Diese stehe aber ohne Guttenberg unter dem Strich nicht besser da.

In einer Karikatur, die stern.de zeigte, fragte ein Kioskbesucher: "Haben Sie noch die 'Bild'? Oder ist die auch zurückgetreten?" Lutz Kinkel kommentiert auf der selben Seite das Verglühen des "Kometen" Guttenberg: "eine plötzliche Erscheinung, die enorme Strahlkraft entwickelt und ebenso plötzlich verlischt." Dafür die Schuld bei den Medien zu suchen, "diese Ausrede hätte sich ein Popstar wie Guttenberg wahrlich sparen können." Vielmehr sei er an sich selbst und seinem "überbordenden Ehrgeiz" gescheitert.

Für die "Frankfurter Rundschau" attestiert Hans-Martin Lohmann dem zurückgetretenen Verteidigungsminister, er bewege sich in einem "Wahnsystem" und habe "private Allmachtsphantasien". Der Grund: "Wer als Baron und Millionär zur Welt kommt und den Weg nach oben gar nicht erst zu suchen braucht, weil er immer schon oben ist, der gerät vielleicht unmerklich in die Lage, nicht mehr unterscheiden zu können zwischen dem, was er aus eigener Kraft und eigenem Verdienst zustande bringt, und dem, was andere für ihn leisten."

Auch ausländischen Medien war der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schnelle Schlagzeilen wert. Mehrfach wurde Guttenbergs Schritt als herber Schlag für Kanzlerin Angela Merkel gewertet.

Das "Wall Street Journal" schreibt: "Guttenbergs Rücktritt bedeutet ernsthaften Ärger für Merkel, deren Partei von Guttenbergs Popularität unter den deutschen Wählern profitiert hat. Ihre Christdemokraten stehen am 27. März vor schweren Wahlen in Baden-Württemberg und Guttenberg, Mitglied der verbündeten Christsozialen im benachbarten Bayern, war ein wichtiger Aktivposten."

Ähnlich sieht es die "New York Times": "Sein Rücktritt ist ein herber Rückschlag für Kanzlerin Angela Merkel, für die Guttenberg in sechs wichtigen Regionalwahlen eine tragende Rolle spielen sollte. Angesichts der vernichtenden Niederlage der Christdemokraten bei der Wahl in Hamburg vor zehn Tagen verließ sich die Partei darauf, dass Guttenberg Wahlkampf macht, sobald sich der Skandal einmal beruhigt hat."

Aus NZZ-Online: "Der Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs ist richtig, doch er kommt viel zu spät. Jetzt muss er nicht nur die Notbremse ziehen, sondern den Rückwärtsgang einlegen. Indem er aber auf Feld eins zurückkehrt, tut er sich und Deutschland den größten Gefallen."

Die englische "Daily Mail" schreibt: "Dr. Googleberg tritt als Verteidigungsminister zurück" und "Der kampfbereite einstige 'golden boy' der konservativen Politik legte heute Morgen sein Amt nieder." Die Landsleute vom "Daily Telegraph" kommentieren: "Die Deutschen haben Recht, wenn sie die akademischen Ehren ernst nehmen" - daher sei "die Nachricht des Rücktritts zu begrüßen."

feb/dpa



Forum - Guttenberg - Rücktritt zur rechten Zeit?
insgesamt 4616 Beiträge
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Seite 1
yubi 01.03.2011
1.
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
nein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Habenichts, 01.03.2011
2. Er hat großen Schaden angerichtet!
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Eindeutig nein! Dieser Schritt war längst fällig! Das Verhalten des Herrn zu Guttenberg schadet dem bürgerlichen Wertesystem unserer Gesellschaft! Auch die Kanzlerin ist beschädigt! Ihm gelang es viele menschen zu blenden!
Kurt G, 01.03.2011
3. spät
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Bei einem früheren Rücktritt wäre dies einfacher gewesen.
panda 01.03.2011
4.
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Ob er jemals noch eine Chance in der Politik erhält, kommt wohl auf seine Begründung an. Wenn er wieder Ausflüchte sucht, seine Angelegenheit verniedlicht und die Schuld bei anderen sucht, dann wird Guttenberg politisch wohl erledigt sein. Wichtig ist, dass Guttenberg selbst zurücktritt - eine Entlassung durch Fr. Merkel hätte ihn in bestimmten Kreisen auch noch zum Märtyrer gemacht. Ein Positives hat das Ganze, Guttenberg sei Dank. Es wird endlich wieder über Werte in unserer Gesellschaft diskutiert. Der ganze Vorfall könnte der Beginn eines fortlaufenden urdemokratischen Selbstreinigungsprozesses sein. Die Bürger haben Mittel und Wege gefunden Blender und Betrüger aufzudecken. Zu beackernde Felder gäbe es, nicht nur in der Politik, mehr als genug - man denke nur an die Bankenbonilandschaft oder an die maßlosen Selbstbedienungen von Vorständen in Aktiengesellschaften. Mit dem gerne verwendeten Begriff Leistung hat die horrende Bezahlung oft gar nichts mehr zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Bürger auch hier endlich geeignete Mittel und Wege finden. Mein Fazit: Der Fall Guttenberg hat mitten ins Schwarze getroffen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
ogg00 01.03.2011
5. Endlich!!!
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Das finde ich aber legitim. Dann kann der Wähler ja entscheiden, ob er lieber auf Gel als auf Ehrlichkeit setzen möchte. Ansonsten kann ich das Glück ja kaum fassen, aber warten wir ab.
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