Salzburger Festspiele: Der Fluch des Kurfürsten

Von Johan Dehoust

Vernunft oder Trieb? In Kleists Stück "Prinz Friedrich von Homburg" droht dem Protagonisten der Tod, weil er seinem Vorgesetzten den Gehorsam verweigert. Auch abseits der Bühne mussten Schauspieler und Theatermacher in Salzburg mit einem großen Verlust kämpfen.

"Prinz Friedrich von Homburg": Trieb versus Vernunft Fotos
Bernd Uhlig

In diesem Stück müssen böse Geister wohnen: Noch bevor es erstmals auf einer Bühne inszeniert wurde, nahm sich sein Verfasser Heinrich von Kleist das Leben. Und nun, rund 200 Jahre später, ist mit Wolfgang Wiens kurz nach Probenbeginn der Mann gestorben, der es als Dramaturg für die Salzburger Festspiele neu bearbeitete. Da ist man geneigt, Verschwörungstheorien zu spinnen und den im Drama "Prinz Friedrich von Homburg" nicht gut wegkommenden Adligen einen bis heute reichenden Rachefeldzug anzulasten. Aber das ist nur ein quatschiger Versuch, der bitteren Realität zu entkommen. Der Tod des großartigen Theatermachers Wolfgang Wiens Mitte Mai ist letztlich vor allem eines: traurig. Und die Tatsache, dass er bis Mai gemeinsam mit der Regisseurin Andrea Breth ausgerechnet an Kleists letztem Werk arbeitete, ist wohl kaum übersinnlichen Kräften zuzuschreiben.

Aber es sind doch diese tragischen Begleitumstände, die mit dafür sorgen, dass die Neuinszenierung des Theaterstückes "Prinz Friedrich von Homburg" bei den Salzburger Festspielen besonders eindrucksvoll werden dürfte. Premiere ist am Samstagabend im Landestheater. "Wolfgang Wiens' Tod war für uns alle ein Schock, er ging plötzlich ins Krankenhaus und kam einfach nicht wieder raus", sagt Pauline Knof, die die Natalie spielt. Es werde natürlich noch viel über ihn gesprochen. Viele der Beteiligten hätten oft mit ihm gearbeitet und wüssten, wie er gedacht hat, was für einen künstlerischen Anspruch er hatte. "Es gibt daher schon den Gedanken, alles in seinem Geiste zu machen und zu hoffen, dass er von oben zuschauen kann, wenn es denn diese berühmte Wolke gibt", sagt die Schauspielerin.

Sinnlich oder sittlich?

Es habe viel Kraft gekostet, die Probenzeit zu durchstehen, da die ohnehin vorhandene Emotionalität durch den Tod von Wolfgang Wiens noch gesteigert worden sei, erzählt Pauline Knof. In Kleists Stück ist der Tod omnipräsent. Der Prinz von Homburg wird durch den Kurfürsten zum Tode verurteilt, da er seine Truppen ohne Befehl von oben auf den Kriegsgegner hat stürmen lassen. Obwohl dieser Zug den Sieg eingebracht hat, verzeiht ihm der große Kurfürst diese Disziplinlosigkeit nicht. Schuld am strategisch falschen, aber instinktiv richtigen Verhalten ist jedoch der Kurfürst selbst: Als der Prinz ihm schlafwandelnd begegnete, erlaubte er sich einen Scherz und ließ ihn um die Hand seiner Nichte, der Prinzessin Natalie von Oranien, anhalten. Aus seiner Traumwandlerei erwacht, ist der Prinz so verwirrt, dass er sämtliche militärischen Anweisungen ignoriert.

In der berühmten "Todesfurchtszene" bettelt der Prinz von Homburg um sein Leben. Er ist bereit, dafür alles, was ihm lieb ist, aufzugeben. Der Kurfürst bietet ihm an, ihn zu begnadigen - allerdings nur wenn der Prinz seine Strafe wirklich als ungerecht empfindet. In dem Prinzen und dem Kurfürsten stehen sich Vernunft und Trieb, Sittlichkeit und Sinnlichkeit gegenüber - urmenschliche Antagonismen also. Wie lassen sich in einer streng hierarchischen Befehlsstruktur individuelle Entscheidungen treffen? Ist es möglich, in einer militärisch gedrillten Gesellschaft rein emotional zu handeln?

Nach vielen Tiefen wieder an die Oberfläche

Für die Salzburger Inszenierung, die in Kooperation mit dem Burgtheater Wien entstanden ist, haben die Regisseurin Breth und Dramaturg Wiens das Stück stark gekürzt. "Viele Gefühligkeiten sind raus", sagt Darstellerin Pauline Knof. Knapp zweieinhalb Stunden dauert die reduzierte Aufführung. Die Figuren treten in einem hellen Raum mit wenigen Requisiten auf, ihre Kostüme sind überwiegend in Schwarz und Weiß gehalten. Verantwortlich für das Bühnenbild ist Martin Zehetgruber, der in diesem Jahr von der Fachzeitschrift "Opernwelt" zum Bühnenbildner des Jahres gewählt wurde.

Außer der Natalie sind auch die anderen Rollen mit herausragenden Schauspielern besetzt: Peter Simonischek, der von 2002 bis 2009 in Salzburg den "Jedermann" darstellte, spielt etwa den Kurfürsten. Und August Diehl, bekannt aus zahlreichen Theaterrollen und zuletzt in "Wer wenn nicht wir" im Kino zu sehen, gibt als Prinz von Homburg sein Debüt in Salzburg. Sollte Wolfgang Wiens also tatsächlich hoch oben in seiner Wolken-Loge sitzen und zuschauen, wird er ganz bestimmt kräftig applaudieren.


"Prinz Friedrich von Homburg". Regie: Andrea Breth. Premiere am 28.7. bei den Salzburger Festspielen. Weitere Aufführungen u.a. am 30. und 3107., 1. und 03.08.
In der Spielzeit 2012/13 am Burgtheater in Wien zu sehen.

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