Private Sicherheitsdienste Verlierer in Uniform

Mit Mütze, Taschenlampe und geborgter Autorität: Wenn staatliche Aufgaben an Privatfirmen weitergereicht werden, bewachen Menschen den Rand der Gesellschaft, die selbst am Abgrund stehen.

Sicherheitsmann im Einsatz: Vor einem Einbrecher wären wir alle geflüchtet
Corbis

Sicherheitsmann im Einsatz: Vor einem Einbrecher wären wir alle geflüchtet

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Vor einigen Jahren arbeitete ich für einen Sommer bei einem privaten Sicherheitsdienst. Eine Ausbildung in München ist teuer, das Unternehmen zahlte gut. Alle Schichten waren Nachtschichten. Das kam mir entgegen, weil ich tagsüber studierte und nachts mein eigener Herr sein konnte. Ich bekam eine eigene Uniform mit Mütze, einen gewaltigen Schlüsselbund und eine noch gewaltigere Taschenlampe. Meine Aufgabe bestand darin, zwischen Mitternacht und Morgengrauen zahlreiche "Objekte" in der Stadt abzufahren und auf ihre Unversehrtheit zu prüfen. Keine Menschen, nirgends. Nur Baustellen, Tiefgaragen, Wohnkomplexe, Versicherungstürme, Ämter, Autohäuser, Ruinen.

Meine Kollegen waren traurige Gestalten der Nacht. Ein bleicher Russe, der nicht ohne die speckige Ledertasche auf Tour gehen wollte, in der er zu Zeiten der UdSSR sein Equipment als "Prawda"-Fotograf transportiert hatte. Ein bleicher Schwabe, der den Kummer darüber, wegen der Schichten seine Familie nie zu Gesicht zu bekommen, allnächtlich in Mariacron ertränkte. Ein ehemaliger Polizist, eine Träne ins bleiche Gesicht tätowiert, der heimlich mit Gaspistole auf Patrouille ging. Weil das nämlich gefährlich sei mit "all den Irren da draußen". Wer bei dieser Firma anheuerte, um die toten Winkel der Gesellschaft zu überwachen, gehörte selbst zum Rand der Gesellschaft. Längst nicht alle, aber doch die meisten meiner Kollegen hatten die entscheidenden Niederlagen ihres Lebens längst erlitten.

Verantwortung in den Händen polizeibekannter Schlägertypen

Hier liegt das grundsätzliche Problem, wenn hoheitliche Aufgaben wie der Schutz von Asylbewerbern - vor sich selbst oder dem Mob vor der Tür - an private Unternehmen ausgelagert wird. Outsourcing wird zum Durchreichen der Verantwortung nach unten, bis sie endlich in den Händen polizeibekannter Schlägertypen liegt. In Burbach wurde vom Regierungspräsidium die, wie man hört, recht günstige Firma European Homecare bestellt. European Homecare wiederum beauftragte die Nürnberger Sicherheitsfirma SKI, die ihrerseits wiederum auf noch billigere Subunternehmer zurückgriff. Dass hier keine ausgebildeten Traumatherapeuten mit Zusatzqualifikation in ambulanter Deeskalation zum Einsatz kommen, liegt auf der Hand.

Es ist, als würde man eine gemietete Wohnung an einen Untermieter weitervermieten, der sie seinerseits an einen Unteruntermieter weiterreicht. Und ein solches System wird derzeit als wichtiger Pfeiler der inneren Sicherheit einer Gesellschaft bezeichnet, die die fortschreitende Privatisierung inzwischen als Naturgesetz hinzunehmen gelernt hat. In 20 Jahren hat sich die Zahl der Firmen auf 4000 verdoppelt, jüngste Erhebungen (2013) gehen von rund 185.000 Mitarbeitern aus. Trotz geringer Gewinnmargen macht die Branche einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro.

Ein wachsendes Segment ist die "Betreuung" von Objekten, in denen wie zufällig auch Menschen wohnen - allein zwischen Januar und August 2014 haben 99.592 solcher Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Kommunen sind überfordert, Geld ist dafür keines da, die Polizei wird nur dann hinzugezogen, wenn sie gerufen wird. In Burbach zumindest sorgten Leute für Ordnung, die weder einen Bildungsabschluss noch entsprechende Erfahrungen hatten. Dabei können die Übergriffe auch als logische Folge einer Stimmungsmache gelesen werden, wie sie neulich erst wieder die "Bild"-Zeitung betrieben hat. Demnach trügen Sanitäter in Bautzen "aus Angst vor Attacken im Asyl-Hotel" angeblich "schon Schutzwesten". Warum sollte, wer das für bare Münze nähme, sich nicht mit präventiven Folterspielchen den nötigen Respekt verschaffen?

Offenbar allzumenschlicher Sadismus

Die Szenen in Burbach erinnern an das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment: 1971 teilten US-Psychologen eine Gruppe aus 24 Studenten per Losverfahren in "Gefangene" und "Wärter", die mit Befugnissen, Uniformen, Knüppeln und Sonnenbrillen ausgerüstet wurden. Nach nur drei Tagen musste das Experiment abgebrochen werden, weil sich bei den "Wärtern" ein offenbar allzumenschlicher Sadismus vor allem dann Bahn brach, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Eine vernünftige Betreuung von Flüchtlingen, nein, das können wir uns als eine der reichsten Nationen der Erde nicht leisten. Was wir uns leisten können, ist ein Stanford-Prison-Experiment in bundesweitem Maßstab. Indem wir Verlierer in Uniformen stecken, damit sie auf Menschen aufpassen, die alles verloren haben.

Nun werden Zustände wie die in Burbach in Leitartikeln reflexhaft als "unhaltbar" bezeichnet, als handele sich um Fehler im System. Ist nicht das System der Fehler? Ein System, das Bedürftige erst abweist, dann einpfercht und in diesem Pferch einem armseligen Wiedergänger eben jener sadistischen Obrigkeit ausliefert, vor der sie einst geflohen sind? Die Zustände sind eben nicht "unhaltbar", sie sind durchaus tragfähig und gewollt. Sie herrschen, die Zustände. Und daran wird auch ein Korrigieren irgendwelcher "Standards" kaum etwas ändern.

Dabei haben private Wachleute nicht mehr Rechte als andere Bürger auch. Vor einem Einbrecher auf frischer Tat wären wir damals alle geflüchtet. Deshalb zogen manche Kollegen gerade im Zwielicht gern ihre Mütze auf, damit man sie wenigstens in Umrissen für einen Polizisten halten könnte. Es herrschte eine allgemeine Ohnmacht gegenüber realen Gefahren der Nacht. Unsere Autorität war geborgt, unsere Anwesenheit in den Gebäuden eine symbolische. Es herrschte Verunsicherung immer dann, wenn wir "auf Streife" echten Menschen begegneten. Klassisches Feindbild war der aufgeschreckte Obdachlose, der es sich in einem Rohbau auf einem Stapel trockener Rigips-Platten unter ein paar Schichten Steinwolle gemütlich gemacht haben könnte.

Gleich in meiner ersten Nacht wurde mir beigebracht, die Taschenlampe im Dunkeln wie einen Speer neben dem Kopf zu halten. Um eventuell in flüssiger Bewegung mit dem schwereren Teil - dort, wo die Batterien sitzen - effektiv zuschlagen zu können. "Nach unten schlagen", hieß es: "Immer nach unten!"

insgesamt 53 Beiträge
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der-denker 01.10.2014
1. Outsourcing
Man muss hier nicht die Security-Leute pauschal verunglimpfen, und nebenher allgemein auf "Unterschicht" herumhacken. Ich habe eher das Gefühl dass auch genau diese Überheblichkeit der Verantwortlichen erheblich zu der Problemlage beitrug. Herr Frank versäumt ja auch nicht zu bemerken dass er studierte, was ihn aus der "Versagertruppe" hervor hob. Die scheinbare Smartness, und die unausrottbare neoliberale Überzeugung dass Private alles besser und billiger machen, führte hier zu Problemen. Ausserdem natürlich Konzeptlosigkeit und Durchwurschteln, von ganz oben zu verantworten. Weniger die menschlichen Defizite der Wachleute.
sh69.spam 01.10.2014
2. Frechheit
Herr Frank, ihre Erfahrungen, die mir noch dazu übertrieben erscheinen, vor allem die blumigen Beschreibungen Ihrer damaligen Kollegen, in allen Ehren, aber Sie sollten sich einfach nur schämen, einen ganzen Berufsstand über einen Kamm zu scheren und in den Dreck zu ziehen. Ich habe mehrere abgeschlossene Berufsausbildungen, darunter auch eine Ausbildung zur Servicekraft für Schutz und Sicherheit. Diese Ausbildung dauert 2 Jahre und beinhaltet 2 Tage schriftliche Prüfung vor der IHK und eine abschließende mündliche Prüfung. Ich kenne etliche Leute, die im Sicherheitsgewerbe tätig sind, sicher findet sich hier und da ein schwarzes Schaf, Fakt ist aber, dass die meisten Leute ihren Job sehr gut machen. Bei den Geschehnissen in Burbach wird auch gerne unter den Tisch gekehrt, dass in diesem Wohnheim Großeinsätze der Polizei an der Tagesordnung waren. Warum? Weil die Asylanten sich ständig untereinander Massenschlägereien liefern und dabei auch nicht vor den Sicherheitsmitarbeitern halt machen. Der jetzt abgesägten Sicherheitsfirma SKI sind reihenweise die Mitarbeiter weggelaufen, weil der Job schlicht und einfach zu gefährlich war. Wer lässt sich schon gerne für 8,50 oder 9 Euro je Stunde den Schädel einschlagen? Noch vor nicht allzu langer Zeit sind einige Asylanten mit abgebrochenen Stuhlbeinen und sonstigen Waffen auf die Sicherheitsmitarbeiter losgegangen. Ende vom Lied war mal wieder ein Großeinsatz der Polizei. Diverse Sicherheitsmitarbeiter aus diesem Wohnheim mussten schon nach Angriffen ins Krankenhaus. Die Firma SKI wird mit Sicherheit Probleme gehabt haben, überhaupt noch vernünftige Mitarbeiter zu finden. Es scheint aber nicht in Ihr Weltbild zu passen, dass auch Sicherheitsleute sich schlicht und einfach natürlich selbst verteidigen dürfen und auch müssen. Ebenso wie andere Leute auch, darf sich natürlich auch ein Sicherheitsmitarbeiter mittels Notwehr verteidigen. Und da ist ein Hinweis, dass man z.B. eine Handlampe, von Ihnen fälschlicherweise als Taschenlampe bezeichnet, eben auch so halten kann, dass man sich auch in einer überraschenden Situation eben damit verteidigen kann, durchaus hilfreich. Selbst Polizisten halten die Lampen häufig genauso. Aber Sie hätten sich wahrscheinlich lieber nachts irgendwo kampflos niederknüppeln lassen. Auch wären Sie sicher lammfromm gewesen, wenn Sie ständigen Angriffen von Asylanten ausgesetzt gewesen wären, ist klar. Mit Steinen werfen kann man schnell. Aber Ihre Vorurteile scheinen mir so verankert, dass man mit Argumentation bei Ihnen eh nichts mehr errreichen kann. Ok, kann ich akzeptieren, aber einen ganzen Berufsstand abzustempeln als gescheiterte, am besten noch rechtsradikale Existenzen geht eindeutig zu weit. Denken Sie mal darüber nach, wer für Ordnung sorgt, wenn Sie demnächst auf ein Konzert oder eine sonstige Großveranstaltung gehen.
zenmaster3 01.10.2014
3. Tatsachen völlig verdreht
Ich bin IHK Dozent und Prüfer der IHK für die Sicherheitsausbildung. So einen Schwachsinn kann man sich kaum anhören. Solche Gestalten wie der Verfasser des Artikel ziehen die ganze Branche in den Dreck. Selbst nicht qualifiziert für den Job will da jemand "Kenntnis" der Branche haben. Nein das ist nicht die Sicherheitsbranche. Qualifikationen werden gefördert und eine Überprüfung durch die Ordnungsbehörde. Die schwarzen Schafe haben längst keine Berechtigung mehr auf dem Markt zu sein und sollten verschwinden. Das Dilemma der Asylheime ist hausgemacht weil nicht due Qualität des ausgebildeten Sicherheitspersonal gefragt ist sondern nur der billigste Preis....
cpt.z 01.10.2014
4. Genau so
Ich hab während des Studiums auch zwei Jahre im Sicherheitsdienst gearbeitet. Rockfestivals, Fussballstadien, Aktionärstagungen, Konzerte, Formel 1 Rennen, Messen - also keine nächtlichen Wachschutzeinsätze. Aber meine Erfahrungen sind die selben. Für 6 EUR die Stunde wurden da Leute beschäftigt, die nichtmal im Ansatz dafür ausgebildet waren. Weder Vorerfahrung noch Ausbildung war in irgendeiner Art und Weise wichtig. Die Masse der Leute waren entweder älteren Semesters, die irgendwo durchs Raster gefallen waren und nun dringend Kohle brauchten, Migranten ohne Schulabschluss oder eben Studenten/Berufsschüler, wie ich selbst. Damit kann man den Job aber nicht anständig machen. Es ist reines Glück, dass da nicht schon mehr passiert ist - das sag ich auch jedes Mal, wenn wieder ein Ordner im Stadion versagt. Die Leute sind ganz arme Schweine und ich würde den Job niemals niemals wieder machen.
spon-1210952588424 01.10.2014
5. Das Polizeigehabe fäng früher an.
Nämlich genau dort wo die Firmen ihre Uniformen (sic!), ihre "Einsatzfahrzeuge" und nicht zuletzt ihre Emblemen designen. Da wird von vornherein auf ein polizeiähnliches Erscheinungsbild wert gelegt. Da werden dunkelblaue Uniformen gewählt deren Aussehen nicht nur zufällig den neuen Polizeiuniformen ähnelt und da werden Embleme verwendet die in der Dunkelheit gerne wie Hoheitszeichen aussehen. Dass dann die Menschen die mit diesen Insignien ausgestattet sind sich auch gerne mal verhalten wollen als wären sie selbst von der Polizei ist eigentlich nur eine logische Folge. Hier müsste generell viel früher angesetzt werden. Keine polizeiähnlichen Uniformen, ein psychologisches Auswahlverfahren und eine richtige Schulung. Nur leider verlangen Menschen die diese Kriterien erfüllen dann deutlich mehr als die wahrscheinlich gezahlten 5€ pro Stunde.
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