Privatjets Hollywoods Traum vom Fliegen

Die Terrorattacken vom 11. September haben das Misstrauen gegenüber Linienflügen geweckt. Immer mehr viel fliegende Hollywood-Stars steigen auf einen Privatjet um und genießen die Unabhängigkeit über den Wolken.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Big Business: Ein Sicherheitsbeamter bewacht eine charterbare Gulfstream IV auf dem Flughafen von Van Nuys, Kalifornien
AP

Big Business: Ein Sicherheitsbeamter bewacht eine charterbare Gulfstream IV auf dem Flughafen von Van Nuys, Kalifornien

Wieder so ein Tag, an dem der Reisende von Postkutschen träumt, vom gemächlichen Transport, vorbei an Wäldern und Wiesen. Wieder mal der Flugplatz evakuiert. Frust. Verspätung. Über Stunden hinweg war den Kontrolleuren am Flugplatz von L.A. entgangen, dass eine der Röntgenmaschinen im Sicherheitsbereich nicht unter Strom stand. Also kein Piepsen, keine Reaktion auf Gürtelschnalle oder Schlüsselbund. Ergebnis: 10.000 Passagiere evakuiert, 400 Maschinen verspätet. Warten, warten und wieder warten. 41 Flugplatz-Evakuierungen gab es in L.A. seit dem 11. September, Alarm war aber auch in Chicago, Boston, New York sowieso. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Hollywoodstars, Basketball-Profis, Golf-Größen, Unternehmer wie die Chefs von Universal Music und Warner Bros. oder Computer-Giganten wie Bill Gates haben es da schon leichter: In ihren "Private Jets" haben sie Stewardessen, die dem eigenen Geschmack angemessen sind, Abflugzeiten, die sich mit dem Golf-Termin vereinbaren lassen, Dinner nach Lust und Laune. Gebratenes Huhn, Kartoffelpüree und Sauce bevorzugt zum Beispiel der Box-Promoter Don King. 7000 Privatjets (von insgesamt mehr als 200.000 Privatflugzeugen) sind in den USA derzeit gemeldet. Tendenz steigend.

Business-Jet von Boeing, Innenraum: Viel bequemer als ein Linienflug

Business-Jet von Boeing, Innenraum: Viel bequemer als ein Linienflug

Die Selbstmord-Piloten vom 11. September haben das Selbstverständnis des Jet-Zeitalters nachhaltig verstört. So mancher Multimillionär stieg von der Linienmaschine in einen Privatjet um. In den nächsten zehn Jahren, so prophezeit die auf "Aviation Consulting" spezialisierte Beraterfirma Teal Group, werden wahrscheinlich noch einmal 7000 Privatjets verkauft. Der Gesamtumsatz: 95 Milliarden Dollar. Inzwischen sind die Jets sogar schon Gegenstand von Scheidungs-Verhandlungen: Nicole Kidman, so wollen Klatschreporter wissen, hat bei ihrem Ex-Mann Tom Cruise ein Nutzungsrecht für die Gulfstream für Reisen mit den Kindern erzwungen. Jude Green, die Frau des Aufsichtsratsvorsitzenden der Oper von Los Angeles, Leonard Green, will zur Scheidung nicht nur einige seiner Millionen, sondern die Gulfstream II auch gleich dazu.

"You can do that when you are rich", erklärte Hollywood-Schauspieler Jim Carrey ("The Truman Show"), nachdem er sich eine 42 Millionen Dollar teure Gulfstream zugelegt hatte, wie zuvor die Kollegen Arnold Schwarzenegger, Harrison Ford und eben Tom Cruise, der obendrein noch eine Beech F-90 und Pitt-S-B zu seiner Luftflotte zählt. John Travolta, Eigner einer ausgewachsenen Boeing 707, fliegt seine Maschinen häufig selbst, etwa zur australischen Premiere seines Films "Swordfish". Den Treibstoff ließ er sich von der Produktionsfirma Warner Bros. bezahlen.

Privatflieger Cruise, Freundin Cruz: Nachtflug über die Arktis
REUTERS

Privatflieger Cruise, Freundin Cruz: Nachtflug über die Arktis

Popstar Madonna charterte für ihre "Drowned World Tour" insgesamt vier Jets. Nicht nur für das Sound-Equipment und Gepäck, sondern vor allem für ihre Entourage: 200 Begleiter, darunter Freundin Gwyneth Paltrow. Auch Sportler setzen mehr und mehr auf den Komfort der eigenen Jets. Kaum einer der zwei dutzend Top-Golfer fliegt heute noch Linie - verdrängt, vergessen ist die unheimliche Geschichte um Payne Stewart, der, begleitet von Manager und Freunden, mit einem Learjet von Orlando nach Dallas fliegen wollte, aber auf einem Acker in South Dakota zu Tode kam. Die Piloten und Passagiere hatten kurz nach dem Start das Bewusstsein verloren, der Auto-Pilot hielt die Maschine über mehr als 2000 Kilometer hinweg auf Kurs.

Weder der tragische Tod von John F. Kennedy Jr., der mit der von ihm gesteuerten Privatmaschine 1999 vor der amerikanischen Ostküste ins Wasser stürzte, noch das Drama um die Pop-Schöne Aaliyah, die vor einigen Monaten in einem Charterjet auf den Bahamas tödlich verunglückte, haben Privatflieger dazu bringen können, auf "Linie" umzusteigen.

Mit dem Privatflieger auf Tournee: Popstar Madonna braucht gleich eine ganze Flotte
AP

Mit dem Privatflieger auf Tournee: Popstar Madonna braucht gleich eine ganze Flotte

Hoch im Norden der Arktis hört der Diensthabende der Flugkontrolle öfter mal das Erkennungszeichen des Piloten Tom Cruise, "November 555 KC". Der Hollywood-Schauspieler muss, wie die meisten Privatjet-Flieger, auf dem Flug von L.A. nach Europa im eisigen Nuvanut zwischenlanden, weil der Treibstoff nur für fünf bis sechs Stunden reicht. Rund 30 Privatmaschinen nutzen monatlich die Piste in der Eis-Welt - auch Arnold Schwarzenegger, der zu der deutschen Premiere seines Films "Collateral Damage" in seiner Gulfstream anreiste. Placido Domingo, Tenor, Opern-Dirigent und Künstlerischer Leiter der Opern in Washington und L.A., schafft seine amerikanischen Engagements nur, weil er die Nacht dazu nutzt, im Privatjet von Termin zu Termin zu hasten. Auf eigene Kosten, versteht sich.

Zum 30. Geburtstag seiner Jennifer Aniston charterte Brad Pitt, der 1986 mit 325 Dollar in der Hosentasche seiner Jeans und einem klapprigen Nissan von Missouri nach L.A. rollte und heute 20 Millionen Dollar Gage fordern kann, einen Jet zum Geburtstagstrip nach Acapulco.

Innenraum einer Gulfstream V: Luxus über den Wolken
AP

Innenraum einer Gulfstream V: Luxus über den Wolken

Nicht jeder Multimillionär, der seit dem 11. September mit Angstgefühlen im Linienjet sitzt und fortan lieber privat fliegen will, muss sich gleich an seinen Aktienbeständen vergreifen. "Time sharing" oder "fractional Ownership" heißen Finanzierungsmodelle, die inzwischen immer mehr zum Big Business werden. Im Gegensatz zu eBizJets, die keine eigenen Jets besitzen, sondern auch die Maschinen von Hollywood-Stars verchartern, bieten Unternehmen wie Flexjets, Netjets, Travelair, Citation Shares oder Flight Option ihre Maschinen mit einem "Time sharing"-Vertrag an.

Der Kunde, der sich beispielsweise für eine 18-sitzige Boeing entscheidet, zahlt 11.625.000 Dollar bei Vertragsabschluss (über fünf Jahre), überweist monatlich 82.960 Dollar Management-Honorar, sowie pro Flugstunde 4360 Dollar. Eine Hawker 800 ist günstiger zu haben: 813.375 Dollar down Payment, 7003 Dollar monatliche Gebühr, 1800 Dollar die Flugstunde. Alles eine Frage der Kosten/Nutzen-Rechnung. Für Geschäftsleute und Hollywood-Prominenz ist der Einsatz vom Privatjet ohnehin mehr Business als Luxus: keine Wartezeiten am Flughafen, keine Umsteigeprobleme, keine langen Transfers. Von den insgesamt 5000 öffentlichen Flugplätzen der USA fliegen die kommerziellen Airlines gerade eben 500 an.

Mysteriöser Unfall: Absturzstelle des Privatjets von Golf-Profi Payne Stewart im Oktober 1999
AP

Mysteriöser Unfall: Absturzstelle des Privatjets von Golf-Profi Payne Stewart im Oktober 1999

Schön bequem war's über Jahre für Woody Allen, das Manhattan-Genie. Seine ehemalige Vertraute Jean Doumanian hat einen Geliebten, der über Milliarden Dollar verfügt: Jacqui Safra. Der besitzt einen Jet, in dem auch Woody Allen mit Freunden mal die Karibik, mal Paris oder London ansteuerte. Die Rechnung für die Flüge und Hotels zahlte stets Mr. Safra, ein echter Freund. Nur: Woody und Jean haben sich inzwischen zerstritten wegen läppischer 15 Millionen, die der Cineast nun von seiner Ex-Freundin und Geschäftspartnerin einklagt. Wahrscheinlich muss Woody also wieder Linie fliegen. Oder bei Harrison Ford um einen Sitzplatz betteln. Der freilich versteht keinen Spaß, wenn's um seine Maschine geht. Einmal, bei einem Flug mit Freunden, schwappte einem Kumpel bei einem Luftloch der Kaffee auf den Flugzeugteppich. Mr. Ford war verstört. Aber der Star reagierte und versuchte höchstpersönlich, die Flecken aus dem Stoff zu waschen. Bis zur Landung soll er geputzt haben.



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