Pro Quote gestaltet "taz": "Die Quote ist das Miststück, das wir brauchen"

Von Karoline Kuhla

Der Berliner "tageszeitung" steht schon seit Jahren eine Chefredakteurin vor. Wohl der beste Ort also, an dem sich für mehr Frauen in den oberen Etagen der Medien demonstrieren lässt. Am Freitag gestalteten prominente Journalistinnen von Pro Quote eine "taz"-Wochenendausgabe.

dapd

"Liebe Gästinnen und Gäste, ich möchte Sie herzlich willkommen heißen." Gleichberechtigt begrüßt "taz"-Chefredakteurin Ines Pohl am Freitag in Berlin weibliche und männliche Besucher einer Diskussionsrunde. Gekommen sind allerdings hauptsächlich Frauen.

Für eine Wochenendausgabe hat die Initiative "Pro Quote" die "tageszeitung" übernommen und sich dabei vor allem auf das Thema konzentriert, das die Frauen verbindet: Anfang des Jahres hatten sich rund 350 Journalistinnen zusammengeschlossen, um für einen Frauenanteil von 30 Prozent auf den Führungspositionen in der Medienbranche zu kämpfen. In einem Brief an Chefredakteure, Intendanten und Verleger forderten sie diese dazu auf, die Quote auf allen Hierarchieebenen bis 2017 zu erfüllen.

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Pro Quote: Der Verein, den Chefredakteure fürchten
Zum Thema "Warum mehr Frauen in den Führungsetagen der Medien wichtig sind und wie das zu schaffen ist" haben hauptsächlich Journalistinnen, aber auch einige männliche Unterstützer - etwa Ranga Yogeshwar - die Sonderausgabe gefüllt. Vorgestellt werden darin Kriegsreporterinnen und internationale Chefredakteurinnen, außerdem geht es um Bier trinkende Volontäre und mutige Reporterinnen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) ist mit einem Interview vertreten, genauso wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der sich für eine 40-Prozent-Frauenquote in den Aufsichtsräten und Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen ausspricht.

Auf dem Titelblatt der Wochenendausgabe wird in Erpresserbrief-Ästhetik die Forderung "Hosen runter" stehen. Noch expliziter geht es im "Live-Ticker" zu, der auf der Homepage der "taz" die Entwicklung der Pro-Quoten-Ausgabe begleitet. "Die Vulva wandert nach innen", heißt es da in Anspielung auf einen ersten Titelentwurf. An anderer Stelle im Ticker steht: "Kleines Highlight im Layout: 'Hier ist der USB-Stick mit dem Pimmel für Seite 16.'" Klingt so, als ob auch Frauen sich aufs Aufsexen journalistischer Inhalte verstehen.

"Die vierte Gewalt darf keine Männergewalt sein"

Wo man sich am Freitagvormittag in der "taz"-Redaktion auch umschaut, sieht man prominente Gesichter: die Fernsehmoderatorinnen Anne Will, Dunja Hayali und Lisa Ortgies, die Politikerinnen Monika Grütters (CDU), Doris Schröder-Köpf (SPD) und Krista Sager (Grüne), sowie unter anderem die Journalistinnen Annette Bruhns (DER SPIEGEL), Dagmar Engels (Deutsche Welle) und Ines Pohl ("taz").

Quote - ja oder nein? Darüber wird hier gar nicht mehr diskutiert. Auf die Frage der Moderatorin Dagmar Engels, ob jemand da sei, der gegen die Quote sei, meldet sich niemand. Die meisten hier, so der Tenor, wünschten sich, es ginge ohne, aber die Erfahrung habe anderes gelehrt: "Es ist ein Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland", fasst Hayali zusammen, "aber die Quote ist das Miststück, das wir brauchen".

Für alle Anwesenden sind die Fakten klar: 98 Prozent der Tageszeitungen in Deutschland werden von männlichen Chefredakteuren geleitet - das muss sich ändern. "Die vierte Gewalt darf keine Männergewalt sein", lautet die Parole.

Niemand im Raum behauptet, dass Frauen die besseren Journalistinnen seien, aber würde es vielleicht anders werden, mit mehr Frauen in der Spitze? Das ist die Frage, die Anne Will interessiert: "Wird es eine andere Berichterstattung geben, wenn mehr Frauen das Sagen haben? Einen anderen Blick auf die Welt? Oder bleibt alles beim Alten?" Über diesen Einfluss gibt es in Europa bisher keine Erkenntnisse. Auch Schröder-Köpf, Ehefrau des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder, meint: "Erst muss die Quote eingeführt werden, dann wird sich der Rest von selbst entwickeln."

Dass die "taz" sich für die Initiative zur Verfügung stellt, überrascht nicht. Auch wenn das Thema Quote für das alternativ-ökonomische Flaggschiff ein alter Hut ist. Seit 1999 wird das Blatt mit Hauptsitz in Berlin von Frauen geführt, für zehn Jahre von Bascha Mika, nun von Pohl.

Ein wenig erinnert die Aktion am Freitag auch an den 8. März dieses Jahres in der "Bild"-Redaktion nur wenige Meter entfernt: Dort wurde die Ausgabe am Weltfrauentag von Männern gestaltet, während die Frauen an dem Tag freimachten. Bekanntestes Ergebnis dieser Männerrunde war die Verschiebung des nackten "Bild-Girls" von Seite 1 in den Innenteil.

Was wird nun von der "taz"-Sonderausgabe in Erinnerung bleiben? "Ziel der Quote ist es", meint Pro-Quote-Vorsitzende Annette Bruhns während der Diskussion, "dass sie sich eines Tages selbst überflüssig machen wird".

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1.
kelnor 16.11.2012
Zitat von sysopdapdDer Berliner "tageszeitung" steht schon seit Jahren eine Chefredakteurin vor. Wohl der beste Ort also, an dem sich für mehr Frauen in den Medien demonstrieren lässt. Am Freitag gestalteten prominente Journalistinnen von Pro Quote eine "taz"-Wochenendausgabe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pro-quote-gestaltet-taz-fuer-30-prozent-frauen-in-chefsesseln-a-867698.html
Ich bin mal wieder erstaunt wie viele Frauen sich finden, die sich auch noch vor eine so eklatant frauenverachtende Maßnahme stellen und etwas beklatschen, das langfristig nur Schaden anrichtet. Es stellt sich mir die Frage wie groß der Frauenanteil in der Medienbranche eigentlich ist - wohlgemerkt an den Beschäftigten, die überhaupt für Führungspositionen in Frage kommen. Danach wäre interessant zu wissen, wie viele von diesen Frauen überhaupt eine Führungsposition anstreben. Mit allen daraus resultierenden Nachteilen wohlgemerkt - lange Arbeitstage, Dienstreisen, Personalverantwortung, Streß. Ich möchte mit dieser Aussage um Gottes Willen nicht implizieren das Frauen nicht für solchen Positionen geeignet sind. Jedoch ist es in meinen Augen so das sich in Deutschland eine Frau immer noch entscheiden muss: Kind oder Karriere? Die mangelhafte Verbreitung von Ganztagskindergärten/schulen, kombiniert mit dem Stigma der "Rabenmutter", welche ihre Kinder nicht zu Hause betreut, macht vielen Frauen eine bewusste und selbstbestimmte Lebensweise schwer. Hier sollten Politik und Wirtschaft den Hebel ansetzen, hier sollten sich Interessensverbände einsetzen. Stattdessen werden weiterhin dusselige Quoten gefordert, die einfach nur Neid, Missgunst und Antipathien erzeugen und für ein schlechtes Arbeitsklima sorgen.
2. Super!
vevi 16.11.2012
Zitat von sysopdapdDer Berliner "tageszeitung" steht schon seit Jahren eine Chefredakteurin vor. Wohl der beste Ort also, an dem sich für mehr Frauen in den Medien demonstrieren lässt. Am Freitag gestalteten prominente Journalistinnen von Pro Quote eine "taz"-Wochenendausgabe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pro-quote-gestaltet-taz-fuer-30-prozent-frauen-in-chefsesseln-a-867698.html
Klasse Aktion! Dann werde ich 'mal ausnahmsweise meiner ... untreu werden und mir die taz holen :-) Ist zwar traurig, dass das Theme "Gleichberechtigung" auch im 21. Jahrhundert noch eines sein muss, aber vielleicht ist es dann wenigstens in zehn oder zwanzig Jahren dann soweit, dass auch der letzte Depp kapiert hat, dass Frauen keine Menschen zweiter Klasse sind.
3. Dialektik
retmar 16.11.2012
Zitat von veviKlasse Aktion! Dann werde ich 'mal ausnahmsweise meiner ... untreu werden und mir die taz holen :-) Ist zwar traurig, dass das Theme "Gleichberechtigung" auch im 21. Jahrhundert noch eines sein muss, aber vielleicht ist es dann wenigstens in zehn oder zwanzig Jahren dann soweit, dass auch der letzte Depp kapiert hat, dass Frauen keine Menschen zweiter Klasse sind.
Vielleicht wird auch Ihnen schon eher als in in zehn oder zwanzig Jahren klar, dass gerade diese Quote die Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht. Fragen Sie die vielen Frauen in Spitzenpositionen, die ihren Erfolg ohne eine Quote geschafft haben, was davon zu halten ist. . Gleichberechtigung ist etwas völlig anderes, als diktierte Ergebnisgleichheit.
4. Hose runter und
chris4you 16.11.2012
die Frauenquote, den Zusammenhang habe ich noch nicht verstanden, oder ist es der Beweis fuer den Verfolgungswahn (vielleicht hat sich ja doch ein Mann eingeschlichen?)... Oder muss ich jetzt wegen sexueller Belaestigung mit der Frauen- aeh Gleichstellungsbeautragten reden :o)... Nach der Bildung noch die Presse/oeffentlich Meinung, da hat Frau doch alles was es so brauch um eine anstaendige Gorgina Orwell zu werden...
5.
lord.helmchen 17.11.2012
Zitat von retmarVielleicht wird auch Ihnen schon eher als in in zehn oder zwanzig Jahren klar, dass gerade diese Quote die Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht. Fragen Sie die vielen Frauen in Spitzenpositionen, die ihren Erfolg ohne eine Quote geschafft haben, was davon zu halten ist. . Gleichberechtigung ist etwas völlig anderes, als diktierte Ergebnisgleichheit.
Üblicherweise sind bei den heutigen Verhältnissen die "vielen Frauen in Spitzenpositionen, die ihren Erfolg ohne eine Quote geschafft haben", Frauen, die entweder um so vieles erheblich besser sind als jeder Mann, der den Job genau so gut hätte kriegen können, dass gar keine andere Wahl mehr blieb, ohne aufzufallen - und es sind Frauen, die sich vollkommen dem Männerbild der Führungspersönlichkeit angepasst haben. Wer sich einmal ansieht, wie eine erdrückende Mehrheit von Frauen im Fernsehen politische Talkshows sehr gut, politisch intelligent und selbstsicher moderieren (und regelmäßig beispielsweise in SPON-Foren von Männern angegiftet werden, die ihnen nicht mal in der Grammatik und Rechtschreibung das Wasser reichen können, während die Männerwelt in diesem Bereich doch hauptsächlich aus lächerlichen Dampfplauderern besteht), kann diese Verteilung der Chefredakteursposten der Tageszeitungen (98 % Männer) nur als einen Hintertreppen-Witz der Geschichte von galaktischen Ausmaßen und ein Zeichen für die gut geölten Männernetzwerke, die nur ja keine Frau hochkommen lassen wollen, in dieser Sparte nehmen. Das hat nichts mehr mit "die wollen ja nicht" oder "die sind nicht qualifiziert" zu tun, dass ist eindeutig die Zuweisung von Frauen in die Kategorie "Zweiter-Klasse-Mensch" von seiten chauvinistischer dummer männlicher Arschlöcher und ihren nützlichen weiblichen Vollidioten alla Kristina Schröder. Und dass ein Teil der Frauen, die es ohne Quote geschafft haben, gegen die Quote sind, ist aus mehreren Gründen verständlich: Sie haben sich durchgesetzt, indem sie soviel besser als alle für den gleichen Posten in Frage kommenden Männer waren und diese weit hinter ihnen lagen - und dieses Privileg wollen Sie sich nicht mehr nehmen lassen. Sie sehen nicht ein, dass jemand, der nur etwas besser als der männliche Konkurrent ist, einen Posten wie ihren erhält, da sie dafür so viel besser als die in Frage kommenden Männer sein mussten. Und noch etwas - sie sind auf diesem harten Weg nach oben Männer geworden, weil es derzeit gar nicht anders geht - sie sehen nur noch wie Frauen aus. Sie haben vielleicht Grund (jedoch nicht das Recht), dagegen zu sein - bestimmt nicht eine Quotenfrau wie Kristina Schröder - die erfüllt tatsächlich alle Kriterien für Vorurteile, die gegen die Quote vorgebracht werden. Die Quote ist der einzige Weg aus diesem unsäglichen Zustand heraus zu kommen - lasst euch nicht von der Männerwelt und den Kristina Schröders dieser Welt verarschen, Frauen! Helmchen
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