Product Placement Druck auf ARD wächst

Nach der Enthüllung von Schleichwerbung in der ARD-Serie "Marienhof" hagelt es Kritik an den Kontrollmechanismen des öffentlich-rechtlichen Senders. Die FDP fordert ein totales Werbeverbot für ARD und ZDF.


"Marienhof"-Darsteller Christian Buse, Mary Muhsal: Werbung erschlichen - Werbung gestrichen?
ARD/R. Reiter

"Marienhof"-Darsteller Christian Buse, Mary Muhsal: Werbung erschlichen - Werbung gestrichen?

München - Nach den Enthüllungen über Schleichwerbung in der ARD-Serie "Marienhof" fordert die FDP ein totales Werbeverbot für ARD und ZDF. Spätestens jetzt müsse ein "klarer Schnitt" erfolgen und jegliche Art von Werbung, auch Sponsorenwerbung, aus den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verbannt werden, verlangte FDP-Medienexperte Hans-Joachim Otto am Donnerstag. Der CDU-Politiker Bernd Neumann forderte von der ARD "gegebenenfalls auch personelle Konsequenzen".

Der Branchendienst "epd medien" hatte berichtet, dass im "Marienhof" über Jahre hinweg geschäftsmäßig Schleichwerbung betrieben wurde. Den Recherchen zufolge vermittelte eine Münchner Agentur Kunden, die über mehrere Folgen und für bis zu 175 000 Euro Einfluss auf die Inhalte der "gebuchten" Episoden nehmen konnten. Auch in der Serie "In aller Freundschaft" sei es zu so genanntem Product Placement gekommen.

Wenn Werbung bei ARD und ZDF nicht grundsätzlich abgeschafft werde, "wird es Missbrauch bis zum St. Nimmerleinstag geben", sagte Otto. Ein Werbeverbot würde der "schleichenden Kommerzialisierung der öffentlich-rechtlichen Sender" Einhalt gebieten. Finanzieren sollten sich ARD und ZDF ausschließlich aus den Rundfunkgebühren.

Dagegen sieht die medienpolitische Sprecherin der SPD, Monika Griefahn, keinen Grund für ein umfassendes Werbeverbot. Schleichwerbung sei bereits verboten. Schärfere Gesetze würden illegale Werbung nicht verhindern.

Scharfe Kritik übten die Medienpolitiker an der ARD-Aufsicht. Die Senderspitzen müssten für Ordnung sorgen und mehr Transparenz schaffen, verlangte Otto. Die medienpolitische Sprecherin der Grünen, Grietje Bettin, sagte: "Die Effizienz der Gremien kann man durchaus in Frage stellen". Sie plädierte deshalb erneut für einen Medien- und Kommunikationsrat, bei dem medienpolitische Stellen der Länder zusammengefasst werden.

Neumann griff auch ARD-Programmdirektor Günter Struve an. Als Programmchef sei er für die Arbeit von Produktions- und Tochterunternehmen verantwortlich. Struve und auch die Intendanten müssten Rechenschaft abgeben, warum sie die Schleichwerbung nicht erkannt hätten. Daraus müssten Konsequenzen gezogen werden.

Bedenken äußerten die Politiker auch mit Blick auf die EU, wo derzeit die Verwendung der Rundfunkgebühren bei ARD und ZDF geprüft wird. Mit der Schleichwerbung habe sich das Erste "selbst ein Ei gelegt", kritisierte Bettin. Neumann sagte, "bei solchen Meldungen wird sich Brüssel bestätigt sehen".

Die ARD beauftragte mittlerweile eine unabhängige Prüfungsgesellschaft, den Vorgängen nachzugehen. ARD-Vorsitzender Thomas Gruber sagte, die Vorwürfe würden intensiv untersucht. In den Produktionsverträgen sei Schleichwerbung untersagt. Diese verbotene Form der Werbung müsse auch für die Zukunft rigoros unterbunden werden.

Der epd-Journalist Volker Lilienthal sagte, eine Münchner Privatfirma habe versucht, die Veröffentlichung seiner Rechercheergebnisse gerichtlich zu verhindern. Nach langem Rechtsstreit hätte das Oberlandesgericht München die Veröffentlichung in "epd medien" sowie der Zeitung "Journalist" schließlich erlaubt. Lilienthal hatte unter anderem verdeckt recherchiert und dabei O-Töne mitgeschnitten. Die von dem Journalisten praktizierte Recherche müsse in einem solch eklatanten Fall erlaubt sein, befand der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken.

Christina Denz und Martin Roy, ddp



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