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Project Space Festival: Berlin bespielt den Leerstand

Von Vivien Timmler

Project Space Festival: 30 Tage, 30 Ausstellungen Fotos
Ursula Mayer "Gonda" (2012)

Unvermietete Läden oder freie Büros - für Kunstausstellungen eignet sich fast jeder leerstehende Raum. Ein Festival in Berlin, wo es mehr als hundert solcher Projekträume gibt, will zeigen, dass der Besuch dort sich lohnt.

Im dritten Stock eines alten Backsteingebäudes zieht ein Mann langsam seine Kreise durch den Raum. Er ist eingehüllt in einen Rock aus meterlanger, weißlich durchsichtiger Plane, die den gesamten Boden bedeckt, setzt bedacht Fuß vor Fuß, verfängt sich immer wieder in dem knisternden Material. Ein Windstoß kommt durch das Fenster hinein, die Plane bäumt sich auf, lässt den Künstler darunter verschwinden. Dann glättet sie sich wieder und wird zu einem weißen Wellenmeer. Extravagant? Unbedingt.

"Stravaganza" heißt daher die Performance, die das Künstlerkollektiv Agora für das Project Space Festival ausgearbeitet hat. Gezeigt wird aber keine pompöse, goldene Extravaganz, sondern eine, die fast unmerklich silbrig glitzert, die durch Klarheit und Linearität besticht. Und die gerade deshalb in ihrer Extravaganz so auffällt, so außergewöhnlich ist.

30 Tage, 30 Projekträume

Auffallen, auf sich aufmerksam machen, besonders sein - das ist auch das Ziel des Project Space Festivals. Gerade in Berlin, der Stadt der Freiheit, der Stadt der Kunst. Nirgendwo sonst in Deutschland entstehen noch immer so stetig neue "Project Spaces" - Projekträume für oft junge, aufstrebende Künstler. Doch auch wenn die Szene weiter wächst, die Aufmerksamkeit bleibt weitgehend aus.

Was sich diesen Monat ändern soll: Vom 1. bis 31. August lädt jeden Tag ein anderer Projektraum zu einer "Performance" ein. Das kann ein Film, das können temporäre Kunstgegenstände sein, das kann auch Besucher involvieren. Früher mit Unprofessionalität und Unorganisiertheit in Verbindung gebracht, hat sich das Bild der Projekträume in Berlin gewandelt. Mehr als hundert von ihnen gibt es mittlerweile in der Hauptstadt, viele von ihnen fest institutioniert, andere kommen und gehen; denn oft stehen Räume, Geschäfte oder Schaufenster nur übergangsweise leer und nach nur wenigen Wochen oder Monaten muss ein neuer Ort gesucht werden. Die Betreiber der Projekträume distanzieren sich vom kommerziellen Kunstmarkt, sie wollen eine Alternative zu kommerziell orientierten Galerien und Ausstellungskonzepten bieten. Sie sind frei, nicht marktgeleitet, aber trotzdem - oder gerade deswegen - an aktuellen Strömungen orientiert.

Nicht missverstanden, aber zu wenig verstanden

Der Film "Gonda" der österreichischen Künstlerin Ursula Mayer im Projektraum "Import Project" war der erste Beitrag zum Kunstfestival-Monat August. Der Film kommt einerseits zeitlos daher, andererseits trifft er haargenau den Nerv der Zeit. Fokussiert aktuelle Themen, vor allem das vergebliche Streben nach Individualität. Die Bilder fließen ineinander über, sind mal puristisch, mal abstrakt. Kaum ist der Film vorbei, hat man das Bedürfnis, ihn erneut anzusehen. Weil er so viel beinhaltet, das man nicht gleich erfassen kann. Fünf Stimmen prasseln auf den Zuschauer ein, mal verzweifelt, dann wieder panisch, schließlich fast beruhigend. Der Film wirkt kaleidoskopisch, fordert den Zuschauer heraus. Mitzudenken, mitzufühlen. Wer bin ich? Wohin bewege ich mich? Und wer will ich sein?

Noch ist vieles in der freien Kunstszene unentdeckt, anderes bereits vergessen. Berlin ist eine Stadt mit so vielen Kunst-Events: Gallery Weekend, Berlinale - und jetzt das Project Space Festival? Sich einzureihen in diese großen Namen, für die Berliner Kunstszene unverzichtbar werden - das ist das Langzeitziel der Organisatorinnen Lauren Reid, Marie Griftieaux und Nora Mayr. Das "Project Space Festival" ist ein wegweisender Anfang, aber der Weg ist noch weit. Noch ist die Resonanz dünn, noch scheint es, als agierten die Räume hauptsächlich für die Szene, für andere Künstler. Man kennt sich, man ist unter sich.

Das Konzept "Projektraum" werde noch zu wenig verstanden, sagen die Kuratoren. Ziel sei es, die relativ geschlossene Struktur des kommerziellen Kunstmarktes zu öffnen und einen Gegenpol zum bewusst klein gehaltenen "inner circle" der großen Galerien zu bilden - was zweifelsohne erreicht wird. Einen Diskurs zu initiieren, dem sich viele Galerien aufgrund ihrer hohen Marktstellung meist entziehen, ebenfalls. Es besteht aber die Gefahr, dass mit den Projekträumen ein zweiter "inner circle" entsteht. Für die Kunst wäre damit nur wenig gewonnen.


Project Space Festival. Berlin, 1.-31.8., Programm.

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1. underdog
uksubs 05.08.2014
zu sein wird immer hervorgehoben, der goldfisch im haifischbecken. jedoch finde ich es zwar sehr gut, wenn räume zeitweise so genutzt werden - es muss jedoch nicht immer das haifischbecken dafür diffamiert werden, die meisten wollen eh genau dorthin, und im sinne von "davon leben können" ist das auch richtig
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