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Prominentenbrief an Schröder: "Eine Frage von Leben und Tod"

Von Henryk M. Broder

Weihnachten kann sentimental machen - oder grauenhaft naiv. Prominente aus Mode, Film und Fernsehen äußerten einen ganz persönlichen Wunsch zum Christfest: Sie möchten dem Kanzler gerne Beifall zollen, wenn er den Globus von Armut befreit.

Supermodel Claudia Schiffer: Schöner retten
DDP

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Gegen Ende des Jahres, wenn die Tage immer kürzer und die Schatten immer länger werden, geraten viele Menschen in eine Jahres-Endzeit-Panik. Einzelhändler bangen um den Umsatz, Behörden kaufen sinnlos Büroartikel ein, und vielen Menschen wird bewusst, dass sie ihre guten Vorsätze vom Jahresanfang vergessen haben: Mehr lesen und weniger rauchen, die Standby-Taste der Stereoanlage ausschalten, um Energie zu sparen, und etwas gegen die Armut in der Welt tun.

Und so sicher, wie das Christkind kommt, rotten sich Jahr um Jahr Prominente zusammen, um irgendeine Botschaft zu verkünden, die ihnen unter den Nägeln brennt. Dieses Jahr sind es Claudia Schiffer, Herbert Grönemeyer. Dr. Alfred Biolek, Franka Potente, Günther Jauch, Heike Makatsch, Roger Willemsen und Wim Wenders, die "einen Brief an Bundeskanzler Schröder" geschrieben haben, zu "einer Frage von Leben und Tod".

Natürlich haben sie keinen einfachen Brief geschrieben, ihn frankiert und in den nächsten Briefkasten gesteckt. Sie haben den Brief standesgemäß als ganzseitige Anzeige veröffentlicht, unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" und im SPIEGEL. Das ist nicht billig, aber wer was zu sagen hat, scheut keine Kosten.

Anzeige im SPIEGEL 52/2004: Ein Brief an den Bundeskanzler (Ausschnitt)

Anzeige im SPIEGEL 52/2004: Ein Brief an den Bundeskanzler (Ausschnitt)

Worum geht es? Der Bundeskanzler soll gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs "ein umfassendes Sofortprogramm zur Armutsbekämpfung beschließen". Denn: "Die weltweite Armut ist größer als je zuvor!", und eine Welt, in der es Armut gibt, "ist gefährlich und wird zur Brutstätte von Terror und Angst". Weil die negativen Folgen "für uns alle!" einfach "katastrophal" sind, soll der Bundeskanzler eingreifen. Tut er es, wird er reichlich belohnt: "Wir für unseren Teil werden ihnen öffentlich Beifall zollen, wenn Sie endlich ernst machen mit der Armutsbekämpfung."

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PDF aufrufen... Ein Brief an Bundeskanzler Schröder - PDF-Größe 182 KByte

Es soll ja immer noch Kinder geben, die Briefe an den Weihnachtsmann oder gleich den lieben Gott schreiben. Das hat Charme und führt manchmal auch zum Ziel. Dass aber erwachsene Menschen, die weder an den Weihnachtsmann noch an den lieben Gott glauben, einen Brief an den Kanzler schreiben und glauben, er würde ihn auch lesen und befolgen, zeugt von einer Selbstverliebtheit, wie sie nur unter Autisten üblich ist.

Draußen in der Welt macht sich die Armut breit, doch in der guten Stube von Claudia Schiffer, Günther Jauch und Wim Wenders formiert sich der Widerstand. Leider wird da die Lage der Welt mit der eigenen Gemütsverfassung verwechselt. Nach Angaben der FAO, der Agrarorganisation der UN, ist die Zahl der Hungernden seit 1970 weltweit kontinuierlich zurückgegangen.

TV-Gourmet Biolek (mit Verona Feldbusch und Barbara Becker): Geschmackvolle Kritik am Elend
AP

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Nach Angaben der Weltbank haben 1950 zwei Drittel der Menschen in den Entwicklungsländern in Armut gelebt, heute sind es noch 13 Prozent. In Zahlen waren das 1950 etwa 1,2 Milliarden Menschen, heute sind es 650 Millionen - bei einer Verdoppelung der Weltbevölkerung. In diesem Jahr ist die Wirtschaft weltweit um vier Prozent gewachsen, in den Enwicklungsländern sogar um sechs Prozent.

Es kann also keine Rede davon sein, die weltweite Armut sei heute "größer als je zuvor!" Dies ist nur die Vorstellung von Menschen, die mit ihrem Gault&Millau in der Hand durch die Provence reisen und außer frischen Austern auch ihr schlechtes Gewissen genießen möchten. Aber nicht, indem sie etwas tun, sondern indem sie beim Kanzler vorstellig werden.

Das ist gleich doppelt komisch. Niemand hindert Claudia Schiffer, die an einem Tag mehr verdient, als ein Dorf in Bangladesch im Jahr verbrauchen kann, ihren Reichtum mit den Armen der Welt zu teilen. Alfred Biolek könnte einige seiner Immobilien verkaufen und Günther Jauch aus seinem Potsdamer Palais in ein bescheidenes Penthouse in Pankow umziehen, um Hunderten zu einer eigenen Hütte zu verhelfen, ohne selbst an Lebensqualität zu verlieren. Und Roger Willemsen würde echte Größe zeigen, wenn er sich in ein karibisches Kloster zurückziehen und für die Armen beten würde. Allein das Geld für das Anzeigenprojekt könnte Hunderte Menschen vor dem Hungertod retten.

Sänger Grönemeyer: Zweizeiler für den Kanzler?
AP

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Doch stattdessen versprechen sie dem Kanzler, sie würden ihm "öffentlich Beifall zollen", wenn er ihrer Aufforderung folgt und mit der Armutsbekämpfung ernst macht. Ob der Kanzler dieser Versuchung widerstehen kann? Ist es das, wonach er sich nach dem Rücktritt vom Amt des Parteivorsitzenden, nach dem Trouble um Hartz I bis IV, nach der gescheiterten Reform des föderalen Systems und dem verpatzten Italienurlaub vor zwei Jahren gesehnt hat? Ein Lächeln von Claudia Schiffer, ein Zweizeiler von Grönemeyer, ein Rezept von Biolek, ein paar Laufschuhe von Franka Potente, ein Filmtipp von Wim Wenders und ein Autogramm von Heike Makatsch? Oder wäre es ihm lieber, wenn jemand seinen Hund Holly Gassi führen und die Hecken in seinem Garten stutzen würde? Schröder denkt ja eher praktisch, die Kanzlerin sowieso.

Und was die Armut angeht: Es gibt sie wirklich. Jedes siebte Kind in Deutschland ist auf Sozialhilfe angewiesen. Umgekehrt besteht der Haushalt des afrikanisches Zwergstaates Ruanda zu 70 Prozent aus westlicher Entwicklungshilfe. Das macht es der ruandischen Regierung möglich, die übrigen 30 Prozent fürs Militär auszugeben, um von Zeit zu Zeit im benachbarten Kongo einzumarschieren. Ähnlich geht es in Eritrea, Äthiopien, Somalia und anderen afrikanischen Staaten zu, wo westliche NGOs die Bevölkerung versorgen und die "Regierungen" vor allem damit beschäftigt sind, ihr eigenes Wohlergehen zu sichern.

TV-Moderator Jauch: Offenes Ohr füs globale Leid
AP

TV-Moderator Jauch: Offenes Ohr füs globale Leid

Verglichen mit Nigeria ist die Schweiz ein armes Land. Nur wird die Schweiz ein wenig besser gemanagt als das reiche Nigeria, weswegen es den meisten Schweizern gut und den meisten Nigerianern schlecht geht. Würde es gelingen, die privaten Guthaben der Regierenden in den armen Ländern von europäischen Konten in die lokalen Wirtschaften zu transferieren, wäre die Armut besiegt und die NGOs könnten ihre Zelte abbrechen.

Das alles ist ziemlich einfach, aber doch zu kompliziert für Claudia Schiffer, Alfred Biolek und Günther Jauch. Sie wünschen sich den starken Arm des Kanzlers. Noch mehr aber wünschen sie sich, einem Regenten öffentlich Beifall zollen zu dürfen. Wär' das schön. Wie Weihnachten und Kaisers Geburtstag an einem Tag.

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