Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Promis, Beuys, Documenta: Dürer, ich führe!

1972 wollte Joseph Beuys Andreas Baader und Ulrike Meinhof über die Documenta führen. Kunst, glaubte er, könne selbst Terroristen resozialisieren. 35 Jahre später erinnert das Kunstmagazin "Monopol" an die Aktion – und fragt zehn prominente Künstler, wen sie über die Documenta führen würden.

Es ist eine der großen, verschlungenen Kunstgeschichten der an Kunstgeschichten nicht armen Historie der Documenta in Kassel: Der Künstler Thomas Peiter trat auf der Documenta 5 im Jahr 1972 bei der Eröffnungspressekonferenz als Albrecht Dürer verkleidet auf – und blieb wegen der großen Resonanz Dauergast dieser Documenta. Immer wieder traf er auf Joseph Beuys, der ihm eines Tages, als die Diskussion über die deutschen Terroristen das Land erhitzte, zurief: "Dürer, ich führe Baader und Meinhof über die Documenta, dann sind sie resozialisiert."

Inspiriert von diesem Ausspruch bemalte Peiter zwei Tafeln und trug sie auf Stelen durch die Documenta – es gab Raunen, Staunen und Gemurre. Die Tafeln blieben dann in Kassel liegen – bis Beuys die Sätze samt Stelen in Filzpantoffel steckte. Die Pantoffel hatte zuvor Klaus Staeck (der heutige Präsident der Akademie der Künste) gemeinsam mit seiner Mutter mit Margarine gefüllt. Bis heute ist dieses Kunstwerk, entstanden aus der Interaktion Dürer-Peiter-Staeck-Beuys, eines der wichtigsten Dokumente der Documenta-Geschichte.

Die Verwendung der Arbeit des Interaktionskünstlers Thomas Peiter von Joseph Beuys ist ein für Beuys typischer Ansatz – insofern fühlte sich Monopol ganz auf dem Boden des beuysschen Grundgesetzes, als wir im Mai Künstler, Literaten und Musiker baten, die Tafel-Idee von Thomas Peiter neu zu interpretieren. Schon Klaus Staeck, der Margarinelieferant des Kunstwerks, das sich heute in der Sammlung Speck befindet, wies darauf hin, dass nur bei "oberflächlicher Betrachtung ein Hauch von Sympathie von Beuys für den Terrorismus abgeleitet werden kann", Beuys hielt die RAF-Terroristen vielmehr für "fehlgeleitet". Die Künstler, die Monopol gebeten hat, diese legendäre Documenta-Aktion auf eigene Weise neu zu interpretieren, haben ihre Stelen zu Leitplanken für ganz unterschiedliche Lebenswege gemacht.

In der Summe zeigen die zehn Bilder des Fotografen Andreas Mühe, wie groß die Inspirationskraft der Documenta-Aktion noch immer ist – und wie sehr sie zu der diesjährigen Documenta passt, die nach dem Wunsch der Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack ganz von Führungen geprägt sein soll. Erst damit, so Buergel und Noack, lasse sich der ganze Kosmos der Kunst erschließen. Eventuell gilt das auch für Tony Blair – was Herbert Grönemeyer hoffen würde – und für Knut, den Eisbären, dem Durs Grünbein dringend Kunstgenuss empfiehlt.

Fotos: Andreas Mühe; Produktion: Florentine Barckhausen

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Dürer, ich führe!: Wenn Herbert und Knut nach Kassel fahren

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: