ProSieben-Show "Die Burg" In der Folterkammer des Fernsehens

Ausverkauf im Dschungelcamp-Genre: Nach einschlägigen Erfahrungen im Promi-Schinden auf der Alm zieht ProSieben mit einer neuen Riege drittklassiger Medienpersönlichkeiten auf eine mittelalterliche Burg. So sehr es die Moderatoren auch beschworen: Spannend wurde es beim besten Willen nicht.

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Moderatoren Elton, Kraus: Von der Alm auf die Burg
ProSieben

Moderatoren Elton, Kraus: Von der Alm auf die Burg

Romantisch und ein wenig bedrohlich sah sie im Licht der Fernsehscheinwerfer aus, die dick verschneite mittelalterliche Burg Rappottenstein im österreichischen Waldviertel - eine fast zu viel versprechende Kulisse für die neue Reality-Show "Die Burg - Prominent im Kettenhemd" von ProSieben (gestern Abend, 22.30 Uhr).

Bei minus 15 Grad Celsius standen die "Alm"-erprobten Moderatoren Sonya Kraus und Elton in mittelalterlicher Kleidung frierend vor den Burgmauern, um den Fernsehzuschauern das Konzept der "Historytainment"-Show, so der modern-anspruchsvolle Begriff für die Sendung, zu erläutern: "10 Prominente erobern die Mauern, um 16 Tage lang ein mittelalterliches Leben zu führen" - entweder bequem als Adeliger oder unbequem als Pöbel.

"So, und jetzt wird es spannend"

Es waren also einige Versprechen, die der Sender abgegeben hatte: Prominente sollten kommen, ein wenig historische Bildung (immer gut in Zeiten der Pisa-Krise) sollte die Show an den Zuschauer bringen, unterhaltsam sollte es natürlich werden. Aber daraus wurde nichts: Die angereisten neun Gäste (Kanzlerbruder Lothar Vosseler hatte kurzfristig abgesagt) vom Container-Bewohner Alex Jolig bis zum Busenopfer Tina Angel gingen auch mit viel gutem Willen nicht mehr als C-Prominenz durch; das Geschichtswissen beschränkte sich auf merkwürdig ironische Erklärfilme etwa zum Thema "Was ist ein Burgvogt?". Unterhaltsam? Um 0.04 Uhr, anderthalb Stunden nach Sendebeginn, verkündete Moderatorin Kraus: "So, und jetzt wird es spannend." Wurde es dann aber immer noch nicht.

Das zutreffendere Adjektiv für die Show, die man getrost als letztes schwaches Aufbäumen des ausgelaugten Dschungelcamp-Konzepts betrachten kann, ist: konfus. Anfangs sah man, wie Jolig und der Sänger Karim Maataoui (ehemals bei der Bohlen-Combo Touché) sich in Rüstungen duellierten, dann erst wurde gezeigt, wie die Prominenten anreisten. Und schon bevor überhaupt entschieden war, wer von den Promis nun zum Pöbel wurde und wer zur Gruppe der Adeligen gehörte, sah man Karim, Tina Angel und Ricky Harris (er ist nur Zuschauern mit lexikalischem Gedächtnis als Talkmaster in Erinnerung) bereits als Burgplebs in der Küche sitzen.

Zum Fürchten verpflichtet

Vehement wiederholte der Sender die einzige Szene, die mit viel gutem Willen und noch mehr Harmoniebedürfnis als dramatisch bezeichnet werden könnte: Da empörte sich Tina Angel über den herumpöbelnden Adoptivprinzen Frederic von Sachsen (Ehemann von Zsa Zsa Gabor) und drohte auszusteigen.

In den restlichen zwei Stunden trabten die neuen Burgbewohner in Kutten, die aussahen wie aus Wolldecken des Roten Kreuzes geschneidert, durch die Gemäuer, um die Toiletten zu suchen. Dabei fanden sie auch irgendwann den mit mittelalterlichen Folterinstrumenten ausgestatteten Kerker und verkündeten, sich nun zu gruseln und zu fürchten - wahrscheinlich dachten sie, der Regisseur der Sendung erwarte das von ihnen.

Drehort Burg Rapottenstein: Konfuses "Historytainment"
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Drehort Burg Rapottenstein: Konfuses "Historytainment"

Als Burgekel für eine angebliche Gage von 60.000 Euro eingekauft machte Prinz Frederic seinen Job am besten: "Wäre ich ein geborener Prinz, wäre ich noch primitiver, wie ich gerade war", tönte er im besten Primitivdeutsch, und brachte damit den dauersanften Ricky auf die Zinne. Die Fernsehzuschauer verdammten Frederic erwartungsgemäß, für 49 Cent pro Anruf, in den Stand des Pöbels.

Burgekel, Blondinen, Busenwunder

Für den Kanzlerbruder, so stellte sich schließlich heraus, rückte der ehemalige Schlagerstar Christian Anders nach. Der bringt im Februar seine Autobiografie heraus und hat daher einen Grund mehr, sich mit allen Mitteln auf den Bildschirm zu schieben. Der vermutlich als Burggespenst vorgesehene Esoteriker sagte, er freue sich auf die Duelle, leider ohne das weiter zu begründen. Vor allem machte er aber mit seinem blonden dicken Haar den anderen Langhaarblondinen Tina Angel, Xenia von Sachsen und Sonya Kraus überraschend Konkurrenz.

Schon am ersten Abend steht allerdings der Verlierer der Sendung fest: Karim Maataoui wurde beim "Hau drauf"-Duell in der klappernden Ritterrüstung so von Alex Jolig verprügelt, dass er mit einer schweren Schulterprellung ins Krankenhaus musste. In den USA hätte er beim anschließenden Gerichtsprozess wahrscheinlich so viel Schmerzensgeld bekommen, dass er niemals wieder bei einer solchen Sendung mitmachen müsste. So aber kehrt er zurück in die Mauern des Grauens.

Heute Abend (20.15 Uhr) geht es nun weiter mit der "Burg". Dieses Mal werden Christian Anders und Prinz Frederic im Rattenfangen gegeneinander antreten. "Das kann spannend werden", sagte Sonya Kraus wieder einmal. Es klang, als glaubte sie selbst nicht mehr daran.



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