ProSiebens neue "Jugendberaterin" Dürftige Doktorspiele am Nachmittag

Immer geht's nur um das Eine: In der neuen, täglichen Nachmittags-Talkshow auf ProSieben gibt "Jugendberaterin" Margit Tetz einer wechselnden Riege Proll-Darsteller pseudo-akademische Tipps, damit wieder Leben in die heimische Matratzengruft kommt.

Von Henryk M. Broder


"Jugendberaterin" Tetz: Schnabeltasse bleibt Schnabeltasse
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"Jugendberaterin" Tetz: Schnabeltasse bleibt Schnabeltasse

Im Großen und Ganzen ist das Fernsehen in der letzten Zeit erträglicher geworden. Man wird nicht mehr von Margarete Schreinemakers und Roger Willemsen überfallen und auch Iwan Rebroff und die Wildecker Herzbuben halten sich mit ihren Auftritten zurück. Doch immer noch gilt das Gesetz von Ebbe und Flut: Die einen kommen und die anderen gehen. Anfang der Woche verschwand Tobias Schlegel im Quotentief, dafür tauchte Margit Tetz an gleicher Stelle im ProSieben-Planschbecken auf: "Die Jugendberaterin".

Das Format gibt es bereits zweimal. Wie bei Angelika Kalwass und Verena Breitenbach werden auch bei Frau Tetz "echte Probleme" behandelt, von Laiendarstellern, die sich in eine Rolle hinein phantasieren. Natürlich will auch Frau Tetz, ebenso wie Frau Kalwass und Frau Breitenbach den Menschen helfen, nicht Eitelkeit oder die Angst vor dem Vorruhestand treibt die gelernte Sozialpädagogin ins Fernsehen, sondern der unbändige Wunsch, Gutes zu tun, bis auf weiteres montags bis freitags, von 15 bis 16 Uhr. Pro Sendung werden drei Fälle verhandelt, das macht 15 Fälle pro Woche, jeder Fall dauert netto dreizehn bis fünfzehn Minuten. Lauter Geschichten, die dem Leben auf den Leib geschrieben wurden.

"Ich konnte alles sehen!"


Angela ist 35, sieht aus wie 55 und redet, als wäre sie 15. "Ich habe Lust, Spaß zu haben." Deswegen will sie immer mit ihrer Tochter Edda, 17, und deren Freund Lars, 19, in die Disko. "Ich fühle mich jung, ich will abrocken." Edda und Lars finden das "echt peinlich". Lars hat ein Video mitgebracht, man sieht darauf, wie sich Angela an der Disco-Bar einem Mann an den Hals wirft. "Meine Mutter sieht aus wie eine Schlampe, sie benimmt sich wie ein Flittchen", sagt Edda.

Angela wiederum findet ihre Tochter "total spießig" und kann gar nicht verstehen, worüber die sich aufregt: "Ich will nur meinen Spaß haben!" Dabei geht sie recht weit. Neulich habe sie sogar Lars angemacht. Mit offenem Bademantel stand sie vor ihm. "Ich konnte alles sehen!" Lars hat den Schock noch nicht überwunden. Eine 35jährige, nackt! Welchen Rat gibt die Jugendberaterin in diesem Fall den Beteiligten? Angela soll ihre Tochter und deren Freund in Ruhe lassen und sich nach Freunden in ihrer Altersgruppe umsehen. "Ich wünsche Ihnen allen viel Glück."

Doktorspiele bei ProSieben: Dramolette aus dem sozialen Souterrain
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Doktorspiele bei ProSieben: Dramolette aus dem sozialen Souterrain

Simone, 18, und Bernd, 24, sind eigentlich wie füreinander geschaffen. Er ist ein Macho mit Muskeln, Halskettchen und Tatoos, sie eine Barbie-Puppe mit blonden Locken und dem IQ einer Saftpresse. Doch sie haben ein Problem. "Beim Sex ist er brutal zu mir, er schmeißt mich einfach aufs Bett!" Simone wünscht sich "ein bisschen mehr Zärtlichkeit", Bernd dagegen hat "kein Bock auf Kuschelsex" und eine klare Vorstellung von der natürlichen Ordnung der Dinge. "So wie ich es will, so läuft es ab! Ich bin der Mann im Haus, ich hab das Sagen!" Er hat seiner Freundin Reizwäsche gekauft und will jetzt, dass sie "eine Brust-OP" macht, um ihre Oberweite zu vergrößern. "Ich mache alles nur für ihn", jammert Simone und wiederholt, was ihr fehlt: "Alles, was ich mir wünsche, ist ein wenig Zärtlichkeit."

Bernd bleibt unbeeindruckt. "Ich bin der Mann, ich geben den Ton an." Das mag die Jugendberaterin so nicht hinnehmen. "Eine Beziehung ist kein Kasernenhof, mit einer Gummipuppe wären Sie besser dran." Bernd verlässt beleidigt das Studio, Simone weiß nicht, wie sie mit dem Rest ihres Lebens fertig werden soll. "Ich hab Angst, allein zu sein, ich hab sonst niemanden." Frau Tetz rät, Simone soll den Kontakt zu alten Freunden wieder aufnehmen.

"Du bist krank, du bist eine Schlampe!"


Bei Sybille, 24, und Karsten, 28, ist die Situation genau umgekehrt. Beide sind längst volljährig, trotzdem suchen sie Rat bei der Jugendberaterin. Sybille möchte eine Kamera am Bett installieren, um Leben in die Matratzengruft zu bringen. "Mir ist der Sex mit ihm zu langweilig." Sie habe noch nie einen Orgasmus gehabt, "ich muss immer selbst Hand anlegen". Karsten kann es nicht fassen. "Das ist abartig, das ist ekelhaft, das machen nur Emanzen!" - "Sie müssen", sagt Frau Tetz ganz ruhig, "einen gemeinsamen Nenner finden". Doch Karsten will sich nicht bewegen. "Du bist krank, du bist eine Schlampe", ruft er Sybille zu, "der Sex, den wir haben, der ist in Ordnung, der ist einwandfrei!"

Frau Tetz sieht die Situation ein wenig differenzierter. Karsten soll "ein Stück auf Sybille zugehen", auch "ein Stück Offenheit entwickeln", denn "zwischen Missionarstellung und Extremsex liegt ein riesiges Feld sexueller Möglichkeiten, die sind da, für Euch entdeckt zu werden!" Ende der Beratung.

Worum es bei Frau Tetz, der Jugendberaterin bei ProSieben auch geht, es geht fast immer um das Eine: Wie kommt der Vati auf die Mutti? Beziehungsweise wieder runter. Auch ganz harmlose Probleme sind sexgesteuert. Inge, 44, sorgt sich um ihre Tochter Melanie, 18, die immer fetter wird. "Du sollst essen und nicht fressen!" ruft die besorgte Mutter der Tochter zu. "So wirst du nie einen Freund finden!" - "Hast du dich schon mal gefragt, wie es in mir aussieht?", gibt die Tochter im selben Ton zurück. Doch dann stellt sich raus, dass Melanie weiter ist, als es ihre Mutter vermutet. Sie reißt Typen in einer Spielhalle auf, lässt sich auf einen Burger in einem Drive-In einladen und fährt dann auf einen Parkplatz, wo sie es den Jungs besorgt. Seltsam sei nur, sagt Melanie, dass die dann hinterher nichts mehr von ihr wissen wollen. Mutter Inge weiß, warum das so ist. "Die wollen nur eine schnelle Nummer mit dir schieben."

So wie Margit Tetz mit ihren Kunden am Nachmittag bei ProSieben. Das Format ist nicht neu, die Geschichten sind es auch nicht. Grauenhafte Prolls spielen Dramolette aus dem sozialen Souterrain, eine akademische Hilfskraft gibt dazu die Stichworte. Es ist, als würde jemand den Besuchern einer Table-Dance-Bar ein paar Zitate von Alice Schwarzer und Germaine Greer ins Ohr flüstern, damit sie mit den Kleidern auch die Scheu vor der Entblödung verlieren. Aber es nutzt nichts. Peinlich bleibt peinlich. Und eine Schnabeltasse bleibt eine Schnabeltasse, auch wenn "Jugendberaterin" drauf steht.



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