Trump-Wähler "Die Demokratie wird zum Feind des Marktes erklärt"

Warum haben die Amerikaner einen Geschäftsmann gewählt? Die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown macht den Neoliberalismus für Trumps Sieg verantwortlich - und erklärt, warum Protest gegen Trump nicht reichen wird.

Trump Tower an der 5th Avenue
AFP

Trump Tower an der 5th Avenue

Ein Interview von


  • Donna Korones/ Suhrkamp Verlag
    Wendy Brown, geboren 1955, ist Professorin der Politikwissenschaft an der University of California in Berkeley. Sie gilt als eine der führenden öffentlichen Intellektuellen der USA. Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Brown, lag Trumps Sieg in der Luft?

Brown: Die Trump-Unterstützer und diejenigen, die Trump unversöhnlich gegenüberstehen, leben in völlig verschiedenen Welten. Um zu spüren, dass da etwas in der Luft lag, müssten sie die gleiche Luft atmen.

SPIEGEL ONLINE: Es wird vom weißen, wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängten Mann gesprochen, wenn es um Trump-Unterstützer geht. Allerdings haben auch viele Frauen, Latinos und Menschen, die durch ihr Einkommen eher zur Mittelklasse zählen würden, für Trump gestimmt.

Brown: Der hohe Stimmenanteil bei Frauen hat alle schockiert. Gleichwohl haben 65 bis 70 Prozent der weißen, männlichen Wahlberechtigten für Trump gestimmt. Die meisten von ihnen stammen aus einer Einkommensgruppe, die von einfachen Arbeitern bis zur unteren Mittelschicht reicht. Sie sind nicht arm, aber sie zählen eben auch nicht zur städtischen Mittelschicht.

SPIEGEL ONLINE: Empirisch ist belegt, dass vor allem Afroamerikaner immer schlechter dastehen - ihre Arbeitsplätze sind ungesicherter, der Zugang zum Gesundheitssystem schlechter.

Brown: Das stimmt. Afroamerikanerinnen und -amerikaner haben durch den Neoliberalismus mehr an Boden verloren als Weiße. Und das nicht nur durch den Verlust von angemessen bezahlten Jobs oder weil der Mindestlohn nicht mit den steigenden Lebenskosten mithält. Sondern auch, weil der Staat sich nicht mehr im gleichen Maße für die Aufrechterhaltung der sozialen Infrastruktur zuständig fühlt. Die Qualität von öffentlichen Schulen nimmt ab, wesentliche Versorgungsleistungen eines Wohlfahrtsstaats werden zerstört. Dass die Lebensqualität und der Lebensstandard von Afroamerikanerinnen und -afrikanern stärker als bei anderen Gruppen gesunken ist, wird aber meist als ein nicht gehaltenes Versprechen gesehen - als broken promise. Das ist aber ganz klar vom Ressentiment und Hass weißer Männer zu unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt White Supremacy bei diesem Hass - also das Gefühl, dass Weiße allen anderen überlegen sind?

Brown: Ich würde mit dem Begriff vorsichtig sein. Wir haben White Supremacists, den Ku-Klux-Klan und die Alt-Rights. Es ist jedoch wichtiger, dieses komplexe Phänomen anders zu fassen: Viele glauben, sie hätten ein Anrecht verloren, das ihnen von Geburt an zusteht. Und das lässt sich nicht allein mit White Supremacy erklären.

SPIEGEL ONLINE: Aber diese Menschen bedienen klar rassistische Ressentiments.

Brown: Natürlich. Sie glauben, dass Migranten, Afroamerikaner oder Latinos ihnen ihren Wohlstand gestohlen haben. Aber faktisch ist ihre Situation auf die Globalisierung zurückzuführen, den Neoliberalismus und die Zerstörung ganzer Industriezweige, die der Mittelschicht bis dato eine Existenz sicherten.

Trump-Anhänger: Geringschätzung von Demokratie
REUTERS

Trump-Anhänger: Geringschätzung von Demokratie

SPIEGEL ONLINE: Können Sie genauer erklären, wie der Neoliberalismus mit der Wahl zusammenhängt?

Brown: Auf zwei Arten. Es gibt eine Differenz zwischen der Ungleichheit, die der Neoliberalismus erzeugt, einerseits, und dem wachsenden Wohlstand andererseits. Nationen werden insgesamt immer reicher, aber innerhalb der einzelnen Gesellschaften wachsen die Unterschiede. Zweitens: Durch den Abbau des Wohlfahrtsstaats wird es zunehmend unmöglich, mit einem Arbeitergehalt den Lebensunterhalt zu bestreiten oder eine ausreichende Grundsicherung im Alter zu genießen. Solche neoliberalen Entwicklungen haben weitreichende Folgen: Die Idee einer politischen Demokratie, welche Freiheit nicht nur als Wohlstand und Wettbewerb versteht, sondern auch als Teilhabe, verfängt nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Brown: Die Demokratie wird zum Feind des Marktes erklärt. Aus der Perspektive des Neoliberalismus stört Demokratie den Markt, weil sie umverteilt und somit eine Gruppe begünstigt und andere benachteiligt. Aus dieser Haltung resultiert eine Abwertung beziehungsweise Geringschätzung von Demokratie - und jetzt wurde eben ein Geschäftsmann zum Präsidenten gewählt, der bislang über keinerlei politische Erfahrung verfügt.

SPIEGEL ONLINE: Trump bringt den Neoliberalismus ins Weiße Haus?

Brown: Er geht ins Oval Office, um Deals abzuschließen. Er versteht das, was er tut, als einen Prozess des Dealmaking. Und viele US-Bürgerinnen und -Bürger waren der Meinung, wir bräuchten einen Unternehmer: "Schluss mit den Politikern, sie vermasseln nur alles", hieß es oft.

Trump-Gegner: "Es reicht nicht, zu bekannten Protestformen zurückzukehren."
REUTERS

Trump-Gegner: "Es reicht nicht, zu bekannten Protestformen zurückzukehren."

SPIEGEL ONLINE: Das Land scheint gespalten zu sein. Worum geht es in diesem Kulturkampf zwischen Liberalen und Konservativen?

Brown: Es gibt eine tiefe kulturelle Kluft zwischen dem Landesinneren und den urbanen Ballungszentren an der Küste. Es ist aber nicht nur ein politischer Riss, der durchs Land geht. Die Kluft hat auch etwas mit einem Way of Life zu tun: mit Erziehungsfragen, Religion, Freizeitbeschäftigung, dem Heimatgefühl. Ich würde sagen, dass Hillary Clinton, aber auch die Linke, die Küstenmentalität repräsentieren. Man könnte diesbezüglich auch von einer kosmopolitischen Weltanschauung sprechen. In diesem Weltbild sind Bildung und Kultur hohe Güter. Gleichzeitig geht sie oft mit einer Verachtung für Menschen einher, die als Ignoranten und Trottel abqualifiziert werden. Die anderen spüren die Verachtung, die ihnen von Seiten der intellektuellen Snobs entgegenschlägt und haben sich für einen Präsidenten entschieden, der Sätze von sich gibt wie "Ich liebe die schlecht Gebildeten". Trump sagte damit auch: "Ich liebe die Menschen, die mich lieben, weil wir die Erfahrung als Verachtete teilen." Er gab einem Gefühl nicht nur eine Plattform, sondern geradezu einen Laufsteg.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um Emotionen.

Brown: Ja, und es geht dabei nicht nur um die Differenzen, sondern um die Dynamiken zwischen zwei Polen, die sich gegenseitig verstärken und Hass und Groll auf Seiten der "Zurückgelassenen" produzieren.

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SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen auch von "apokalyptischem Populismus".

Brown: Es gibt derzeit häufig den Impuls, alles hochjagen zu wollen. Und dann zu schauen, was passiert. Nicht wenige Brexit- und Trump-Unterstützer meinten, "Ich weiß, es behebt nichts, aber die Situation ist so katastrophal, lasst uns einfach alles in die Luft sprengen und dann sehen wir mal, wo die Teile landen. So funktioniert übrigens nicht nur rechter, sondern bisweilen auch linker Populismus.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie diese Entwicklung für gefährlich?

Brown: Ja, für gefährlicher als revolutionäre Gefühle. Ich habe nach wie vor keine Antwort auf die Frage, ob Revolutionen, in der Form, wie wir sie aus dem 18. und 19. Jahrhundert kennen, im 21. Jahrhundert überhaupt stattfinden können. Apokalyptischer Populismus muss nicht unbedingt ein Ziel haben. So stimmte ein Viertel der Trump-Befürworter der Aussage zu, dass Trump nicht die Qualifikation für das Präsidentenamt hat. Sie haben kein Vertrauen in diese Präsidentschaft. Sie haben nur Zorn und stehen dem Status Quo feindselig gegenüber.

SPIEGEL ONLINE: Erkennen Sie auch in Europa ähnliche Tendenzen?

Brown: Wir haben das schon beim Brexit gesehen, wir sehen es in Frankreich, Italien und in Deutschland. In allen Fällen geht es um die Bevölkerung außerhalb der urbanen Zentren, die sich verstärkt nach rechts wendet. Diese Menschen geben den Migranten die Schuld an ihren Problemen. Aber tatsächlich ist der Neoliberalismus die Ursache. Es ist nur einfacher, es an Ethnien festzumachen, als an dessen strukturellen Effekten.

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Anti-Trump-Proteste: "Nicht mein Präsident!"

SPIEGEL ONLINE: Wir kommen wir aus dieser Situation wieder raus?

Brown: Wir müssen uns ein paar schwierige Fragen stellen. Es reicht nicht, zu konventionellen, bekannten Formen linker Opposition zurückzukehren und den Protest auf die Straße zu tragen. Wir müssen herausfinden, wie wir diejenigen, die sich so stark nach rechts bewegt haben, wieder erreichen. Ich meine damit nicht den Ku-Klux-Klan, die Neofaschisten oder Alt-Rights. Sondern die Menschen, die versuchen, ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen, und die sich in ihrer Nachbarschaft engagieren. Menschen, die versuchen, ihr Leben in Würde und Anstand zu leben.

insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
Weites Land 20.11.2016
1. So langsam...
...verabschiedet sich der Spiegel aus der seriösen Berichterstattung über die USA. War es nicht genug, dass die Spiegel-Artikel der vergangenen Monate nicht die Wirklichkeit der US Society, ihrer Medien (nicht nur der left wing media) reflektierten und leider einseitig, schon fast propagandistisch das Ende der Welt verkündeten falls eine völlig untaugliche Präsidentinnen-Kanditatin nicht das Amt erreichen würde. Nunmehr schafft der Spiegel es immer noch nicht seine eigenen Fehlwahrnehmungen einzuräumen, hängt aber einem illusorischen neo-sozialistischen Weltbild hinterher. Wie sollte das jemals auf die USA Anwendung finden? Aus einer Europäischen Vogel-Strauss-Perspektive die Welt für sich abbilden wollen? Wo soll das hin führen? DIE ZEIT und die FAZ sind da schon weiter. Ich möchte Euch raten, schaut mal auf Eure Leserschaft und die vielen Kommentare, die das eigene, dickköpfige und dogmatische Verhaftetsein in Positionen des 20. Jahrhunderts nicht mehr verstehen und ertragen können.
Steve Holmes 20.11.2016
2.
---Zitat--- Der hohe Stimmenanteil bei Frauen hat alle schockiert. ---Zitatende--- Ich war nicht schockiert sondern positiv überrascht. Diese Frau spricht weder für alle und ganz bestimmt nicht für mich. ---Zitat--- Dass die Lebensqualität und der Lebensstandard von Afroamerikanerinnen und -afrikanern stärker als bei anderen Gruppen gesunken ist, wird aber meist als ein nicht gehaltenes Versprechen gesehen - als broken promise. ---Zitatende--- Warum sollte man ihnen gesonderte Versprechen machen? Sie haben die gleichen Möglichkeiten wie jeder hier in den USA. Manche nutzen sie und manche nicht. ---Zitat--- Aber faktisch ist ihre Situation auf die Globalisierung zurückzuführen, den Neoliberalismus und die Zerstörung ganzer Industriezweige, die der Mittelschicht bis dato eine Existenz sicherten. ---Zitatende--- Die Globalisierung ist wie das Wetter. Man kann es mehr oder weniger gut voraussagen, aber nicht ändern. Die Entwicklung von Rad, Druckerpresse, Dampfmaschine, Flugzeugen, Internet, etc. sind nur der Anfang. Dieses Wissen und seine Konsequenzen werden erst vergehen wenn die Menschheit ausstirtbt.
Leser1000 20.11.2016
3. Tolles Interview
Klingt alles sehr, sehr schlüssig. Ich denke, dass Buch werde ich lesen.
billibumbler 20.11.2016
4. Ein wunderbares Interview
"Die Menschen geben den Migranten die Schuld an ihren Problemen. Aber tatsächlich ist der Neoliberalismus die Ursache" Ja, dieser Mechanismus ist zunehmend zu beobachten.
Kinkerlitzchen 20.11.2016
5. Der nächste Schritt: Abschaffung der Demokratie
Die Globalisierung ist erst einmal nichts Gutes und nichts Schlechtes. Es ist eine Frage der Gestaltung. Eine gute Gestaltung wäre, dass Arbeiten dort auf dem Erdball verrichtet werden, wo sie unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen am Günstigsten und Besten geleistet werden können. Durch korruptionsfreien Handel und Austausch könnten so die Länder profitieren. Aber es wandern Jobs ab. Also muss sich jeder Staat spezialisieren, in Bildung investieren, um zukünftig hochwertigere Arbeitsplätze bereitstellen zu können. Die Gewinner der Globalisierung müssen über Steuern die Verlierer entschädigen und dafür sorgen, dass Mittel bereit gestellt werden, um diese für neue Jobs zu qualifizieren oder ihnen ein menschenwürdiges Leben ohne Arbeit zu garantieren. Leider sind nur wenige Voraussetzungen erfüllt. Die großen Konzerne nutzen die Globalisierung für die Wahl der günstigsten Standorte und ein paar Bosse streichen die Gewinne ein. Ihr Geld landet oft in Steueroasen, die Firmen selber suchen sich ihre Steuer selber aus, indem sie da und dort einen Briefkasten aufstellen. So funktioniert es natürlich nur für immer weniger Menschen. Dem steht das Konzept der Demokratie gegenüber, das Verlierern und Gewinnern genau eine Stimme gibt. Beide auf diese momentane Weise durchgeführten Konzepte sind so langfristig miteinander unverträglich. Die Frage ist, wer gewinnen wird: Demokratie oder die Neoliberalen. Letztere können nur gewinnen, wenn die Demokratie abgeschafft wird. Dies wird also ihr nächster, logischer Schritt bei dem Versuch den Status Quo beizubehalten sein. Durch Verwirrung des Wählers, Korruption, Beeinflussung der Verfassungsgerichte, Einschränkung der Bürgerrechte. Das müssen wir unter allen Umständen verhindern.
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