Protest gegen Übernahme Berliner Verlag geht auf die Straße

Hunderte Mitarbeiter des Berliner Verlags demonstrierten bei einer Protestkundgebung gegen die Übernahme der "Berliner Zeitung" durch die Finanzgruppe um den britischen Investor David Montgomery. Um eine Zerschlagung des Verlags gehe es jedoch nicht, versicherte der in einem Schreiben an den Betriebsrat.


Die Teilnehmer der Kundgebung vor dem Verlagsgebäude in der Karl-Liebknecht-Straße trugen T-Shirts mit der Aufschrift "You're not welcome, Mr. Montgomery" und brachten in Piktogrammen ihren Unmut gegen "Heuschrecken" zum Ausdruck. Auf Transparenten stand "We're not amused". Die Mitarbeiter befürchten, dass der Verlag nach der Übernahme zerschlagen und die Druckerei veräußert werden soll.

Streitfall "Berliner Zeitung": Mitarbeiter protestieren gegen Verkauf
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Streitfall "Berliner Zeitung": Mitarbeiter protestieren gegen Verkauf

Nach Angaben der Betriebsratsvorsitzenden Renate Gensch bekräftigte der britische Investor heute Morgen in einer E-Mail an den Betriebsrat, er wolle den Verlag als Ganzes langfristig erhalten. Ziel der Übernahme des Verlages mit der "Berliner Zeitung" an der Spitze sei es, das Unternehmen zu stärken und als "eine solide Basis für den Aufbau eines Medienunternehmens in Deutschland zu etablieren", schrieb Montgomery laut Nachrichtenagentur Reuters. "Der Verkauf von Aktivitäten der Gruppe ist nicht Bestandteil unseres Plans".

Montgomery gibt in seinem Schreiben an den Betriebsrat allerdings keine Jobgarantie für die Beschäftigten ab. Er versichert aber, sowohl die Berliner Zeitung als auch der Berliner Kurier sollten in Umfang und Inhalt ausgebaut werden. "Ziel ist es vor allem, die Rolle der Berliner Zeitung als Sprachrohr Berlins voll zu realisieren." Angaben zum Stand der Verhandlungen machte Montgomery nicht.

Der Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens Gruner+Jahr Berliner Zeitung Druck, Olaf Kreller sagte, die Beschäftigten des Berliner Verlags fühlten sich "von Heuschrecken bedroht". Er fürchtet, dass durch die Übernahme des Konsortiums harte Sanierungsmaßnahmen und Kündigungen folgen.

"Ich setze mich dafür ein, dass die Zeitung einen Eigentümer bekommt, der nicht Montgomery heißt", sagte unterdessen Chefredakteur Uwe Vorkötter in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"). Die Investoren selbst zeigen sich überrascht vom Unmut der Mitarbeiter. "Die Leute sind verunsichert und wollen wissen, was das Konsortium vorhat", erklärt sich Investor Johannes von Bismarck in der "SZ" den Widerstand der Berliner.

Die 200 Teilnehmer der Kundgebung zogen am Mittag vor eine Filiale der Commerzbank, die laut Gensch mit der Barclays Bank zu den Geldgebern für den Handel gehört. Kreller sagte, die Kredite, die die ausländischen Unternehmen für den Kauf erhielten, würden voraussichtlich durch Gehaltskürzungen und Stellenstreichungen finanziert.

Zu dem Konsortium gehören neben Montgomerys Mecom der britische Venture-Capital-Geber 3i sowie die Investmentfirma Veronis Suhler Stevenson. Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck möchte die "Berliner Zeitung" wieder verkaufen. Vor drei Jahren hatte die Gruppe den Berliner Verlag von Gruner+Jahr formal erworben. Das Kartellamt allerdings hatte den Kauf verboten. Nach Ansicht der Kartellwächter hätte Holtzbrinck mit der "Berliner Zeitung" und dem bereits dem Konzern gehörenden "Tagesspiegel" eine marktbeherrschende Stellung im Berliner Abonnentenmarkt erlangt. Somit war die "Berliner Zeitung" wertlos für den Verlag Georg von Holtzbrinck und wurde in den letzten Monaten so gut wie herrenlos produziert.

Inzwischen schaltete sich auch DGB-Chef Michael Sommer in den Streit um den Verkauf des Berliner Verlags ein. Er wandte sich mit einem Brief direkt an den Verleger Stefan von Holtzbrinck. In dem Schreiben plädierte Sommer dafür, in den Kreis der Bieter nur Unternehmen aufzunehmen, die sich glaubwürdig verlegerisch in der Bundeshauptstadt engagierten. Der Verkauf an einen Finanzinvestor, der die Rendite über den publizistische Ertrag stelle, "wäre eine bedenkliche Entscheidung", mahnte Sommer und positionierte sich damit eindeutig gegen ein Übernahme durch 3i.



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