Protest-Koalition in Berlin Touristen-Terror gegen steigende Mieten

Lärm machen können sie, den Verkehr aufhalten auch - warum also Touristen nicht als Demonstranten einsetzen? In Berlin-Kreuzberg hat sich daraus eine überraschende Protest-Koalition ergeben: Besucher und Einheimische sollen gemeinsam gegen Gentrifizierung kämpfen.

dapd

Von Jan Ole Arps


Um 14 Uhr ist in der Falckensteinstraße in Berlin-Kreuzberg kein Durchkommen mehr. Der Gehweg steht voller Tische, jeder Platz in den Restaurants ist besetzt, die Schlange vor der Eisdiele wächst. Wer sich durch die Menschenmenge drängt, schnappt Gesprächsfetzen in Englisch, Französisch, Spanisch auf; Deutsch oder Türkisch hört man selten. Es ist Ende Mai, die Touristen sind da.

Für Cristina H. und ihre Mitstreiter ist der Zeitpunkt perfekt. "Los geht's", sagt sie, und die Gruppe schwärmt aus. Jeweils zu zweit sprechen die jungen Leute Touristen an - oder wen sie dafür halten -, drücken ihnen Zettel in die Hand. "You like Berlin?" steht darauf. Und: "Discover the best place in Kreuzberg." Doch was aussieht wie die Werbeaktion eines neuen Hostels, ist in Wahrheit ein ungewöhnlicher Aufruf zum Anti-Gentrifzierungs-Protest. Die Touristen sollen sich an Aktionen gegen steigende Mieten im Szene-Kiez beteiligen.

Kreuzberg wehrt sich gegen Besucher aus dem Ausland! Diese Schlagzeile machte Anfang März die Runde, nachdem sich auf einer Veranstaltung der Kreuzberger Grünen (Titel: "Hilfe, die Touris kommen") die Wut über den Zustrom an Berlin-Besuchern und steigende Mieten entladen hatte. Berlins Tourismus-Chef Burkhard Kieker warnte daraufhin vor Fremdenfeindlichkeit, Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) versicherte, die Kreuzberger hätten nichts gegen Gäste. Zeitungen und Nachrichtensendungen griffen das Thema begierig auf: Endlich zeigt auch der vermeintlich so weltoffene Multikulti-Kiez seine spießige, intolerante Seite.

Über eine Million Touristen im Bezirk

Der Berlin-Tourismus boomt. Fast neun Millionen Gäste verbrachten letztes Jahr fast 21 Millionen Nächte in Berlin. 1,1 Millionen übernachteten im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Und der Aufwärtstrend hält an. Auch die Zahl der Hostels hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Gerade entsteht an der Spree, mit Blick auf Kreuzberg, Deutschlands größte Jugendherberge. Die Mieten in Friedrichshain-Kreuzberg steigen unter anderem deshalb rasant, weil Wohnungen mehr oder weniger legal an Touristen untervermietet werden. Auch die Gewerbemieten sind explodiert. In der Kreuzberger Falckensteinstraße eröffnen im Wochentakt neue Restaurants, deren wichtigste Zielgruppe Urlauber sind. Kleine Läden gibt es kaum noch. Aber Touristen als neues Kreuzberger Feindbild?

"Für die Medien war das ein gefundenes Fressen", sagt Cristina H., 28, die sich gegen steigende Mieten engagiert. "Das hat mich geärgert, deshalb habe ich mit Freunden diskutiert, wie wir das Thema anders angehen können." Und ihr Mitstreiter Jan P., ebenfalls 28, ergänzt: "Weshalb kommen denn so viele Touristen nach Kreuzberg? Weil der Stadtteil als Szene-Kiez gilt, weil es hier billig ist und weil sie was erleben wollen. Die meisten sind jung und haben wenig Geld. Wieso sollten sie sich nicht an Aktionen gegen Aufwertung und Verdrängung beteiligen?"

Eine Antwort auf diese Frage soll das direkte Gespräch bringen. Die Kontaktaufnahme mit den Berlin-Urlaubern ist die erste Stufe im Protestfahrplan. "Touris und Kreuzberger unite!" lautet daher der halb ironisch, halb ernst gemeinte letzte Satz des Flugblatts. Der "beste Platz" für Touristen sei an der Seite der Anti-Gentrifizierungs-Aktivisten. Kann das gut gehen? Die Idee ist nicht so abwegig, wie sie auf den ersten Blick scheint.

Wohnungsbesichtigung zur Techno-Party umfunktionieren

Denn viele Berlin-Besucher kommen aus Ländern, in denen Jugendliche unter Perspektivlosigkeit und hohen Lebenshaltungskosten leiden. In England stürmten im November Studenten die Zentrale der regierenden Konservativen, um gegen Sparpolitik zu protestieren. Aus Italien kamen wenige Wochen später ähnliche Bilder. Und in Spanien hält seit Tagen die "verlorene Generation" der 20- bis 30-Jährigen die Plätze der großen Städte besetzt. Auch sie treibt der Frust über Sparpolitik und Perspektivlosigkeit auf die Straße. Engländer, Italiener und Spanier sind die größten Touristengruppen in Berlin. Junge Berlin-Gäste aus London, Madrid und Barcelona kennen das Problem hoher Mieten seit Jahren. Gerade deshalb begeistern sie sich für die Nischen-Kultur und niedrigen Preise in der deutschen Hauptstadt. Viele verlängern den Berlin-Besuch gleich um ein paar Monate. Warum auch nach Hause fahren, wenn dort nur Arbeitslosigkeit oder 600-Euro-Jobs warten?

Selbst für Kurzbesucher könnten Aktionen gegen Gentrifizierung eine willkommene Abwechslung zum Sightseeing darstellen, glaubt Cristina. "Eine Wohnungsbesichtigung zur Techno-Party umfunktionieren - das macht doch auch den Touris Spaß." Zwei wichtige Voraussetzungen bringen die Gäste jedenfalls mit: Neugier auf die Attraktionen der Stadt und jede Menge Zeit. Cristinas Gruppe hat deshalb bereits die Verhaltensformen der Touristen studiert. Dabei gilt eine einfache Regel: Alles, was gemeinhin als störend empfunden wird, ist interessant.

Besuchergruppen auf Fahrrädern, die den Verkehr aufhalten? "Damit kann man was machen", meint Cristina. Zum Beispiel Aktionen zur Verkehrsberuhigung fallen ihr ein. Weitere touristische Aktionsformen seien "planlos im Weg rumstehen", Müll liegen lassen oder "laut sein und stören". Mit etwas Phantasie ließen sich diese Verhaltensweisen leicht für den Protest gegen Aufwertung und Verdrängung adaptieren. Und wie kommt es bei den Touristen an, dass sie als Mobilisierungsmasse eingesetzt werden sollen?

In den Gesprächen, sagt Cristina, als ihre Feldforschung vorbei ist, sei sie auf viel Interesse gestoßen. Allerdings ist sie nicht sicher, was sie von "US-Touris" halten soll, die "sowieso alles cool finden". Doch auch in solchen Reaktionen suchen die Aktivisten nach Anregungen: "Am Anfang hört man häufig nur 'I actually love Berlin'. Aber selbst dieser Satz ist gut, wenn ihn 20 Leute bei einer Wohnungsbesichtigung brüllen."



insgesamt 87 Beiträge
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Epaminaidos 29.05.2011
1. Das hilft nicht
Die Bewohner des Kiezes können sich dagegen sträuben und sich kreative Aktionen ausdenken - gegen die Gentrifizierung werden sie nichts ausrichten können. Mit Berlin geht es endlich langsam aber sicher aufwärts. Da werden auch die Mieten steigen, ganz egal, was für kreative Aktionen dagegen durchgeführt werden. Auch die Politik wird sich noch eine Weile dagegen sträuben. Es hat aber bisher noch nirgends auf der Welt jemand geschafft, die Mieten in attraktiven Wohnlagen niedrig zu halten. Wie soll das auch gehen?
Alf.Edel 29.05.2011
2. "Berlin ist arm aber sexy!"
Noch Fragen, warum?
MickyLaus 29.05.2011
3. ...
Der Wrangelkiez ist und war der fieseste Pennerkiez! Ein bißchen Gentrifizierung würde dem gut stehen. Aber im Grunde hat er gar keine Aufmerksamkeit verdient. Kreuzberg den Kreuzbergern! lol!
meisterschlau 29.05.2011
4. was erleben wollen?
die touris sitzen doch nur rund um die uhr in den kneipen rum. habs noch nie verstanden, was genau dies mit etwas erleben zu tun hat.
inci 29.05.2011
5. oooo
Zitat von EpaminaidosDie Bewohner des Kiezes können sich dagegen sträuben und sich kreative Aktionen ausdenken - gegen die Gentrifizierung werden sie nichts ausrichten können. Mit Berlin geht es endlich langsam aber sicher aufwärts. Da werden auch die Mieten steigen, ganz egal, was für kreative Aktionen dagegen durchgeführt werden. Auch die Politik wird sich noch eine Weile dagegen sträuben. Es hat aber bisher noch nirgends auf der Welt jemand geschafft, die Mieten in attraktiven Wohnlagen niedrig zu halten. Wie soll das auch gehen?
im prinzip ist es wünschenswert, wenn es mit berlin aufwärts ginge. das problem dabei ist, daß weite teile hipper bezirke nicht für die dort wohnenden menschen schöner gemacht werden, sondern für menschen, die nach berlin ziehen sollen. und für investoren, die einen schnellen schnitt mit wohnimmobilien machen wollen und machen. solange große teile der berliner bürger sich ihren kiez, in dem sie lange gelebt haben, nicht mehr leisten können, sehe ich das sehr kritisch.
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