Provokante Triebe Bundestag muss über Blumenbeet-Kunstwerk entscheiden

"Biokitsch", "peinlich" oder gar "verfassungswidrig"? Nach Christos Reichstagsverhüllung steht wieder ein Kunstwerk zur parlamentarischen Abstimmung. Hans Haackes Blumenbeet-Installation für den Reichstag ist ein weiteres Beispiel dafür, wie provokant Kunst ist, sobald sie das Museum verlässt.

Von Vanessa Müller


"Der Bevölkerung" soll in Leuchtschrift als Widmung über dem vegetativen Wildwuchs stehen, wenn die 669 Abgeordneten des Bundestages aus ihren Wahlkreisen Erde mitgebracht, in den dafür vorgesehenen Trog geschüttet haben und sich dieser Mutterboden zu einem blühenden Biotop der Vielfalt entfaltet. Doch Hans Haackes Installation ist nicht nur eine Installation im öffentlichen Raum. Der Künstler beabsichtigt, mit seinem Beitrag zur Kunst im Reichstag die dort auf dem Giebel angebrachte Widmung "Dem Deutschen Volke" zu konterkarieren. Zivilgesellschaft statt ethnozentrisch definierter Nation: Haacke macht darauf aufmerksam, dass in diesem Staat mehr Menschen leben als nur die mit deutschem Pass.

Die Kontroverse, die dieses politisch engagierte Ansinnen entfacht hat, nachdem der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag und Mitglied des Kunstbeirats, Peter Ramsauer, Protest einlegte und das Kunstwerk gar in den Verdacht geriet, "verfassungswidrig" zu sein - so behauptet ein eilig angefordertes Rechtsgutachten -, ist bezeichnend für das Verhältnis von Kunst und Politik.

Jetzt soll im Plenum des Bundestags Mitte März über den Entwurf debattiert werden. Ein fraktionsübergreifender Gruppenantrag lehnt das Projekt bereits kategorisch ab. Steht nach Christo und Jean-Claudes Reichstagsverhüllung, die ebenfalls die Hürde der parlamentarischen Abstimmung überwinden musste, jetzt ein neuer Präzedenzfall an? Sobald ein Werk das Refugium des musealen Raums verlässt und die Rezeptionsbedingungen unscharf werden, verzerrt sich offenbar die Perspektive. Wo der ästhetische und soziale Rahmen des Betrachtungsgegenstandes "Kunst" fehlt, wo die Kunst gar in das Terrain des Politischen interveniert, wird ihre Aussage reduziert: aufs Repräsentieren und auf Effizienz.

Das Museum und die Galerie sind die gesellschaftlich sanktionierte Spielwiese für provokante Thesen zur Lage der Nation, der intellektuelle Freiraum für Kontroverses. Hier wird Kritisches geradezu verlangt, Konsensfähiges hingegen schnell zur Deko-Kunst erklärt. Außerhalb dieses Geheges tritt die Kunst jedoch in einer Sparte auf, die anderes von ihr erwartet. Diese von der öffentlichen Hand finanzierte "Kunst am Bau" oder "Kunst im öffentlichen Raum" hat einen klaren Auftraggeber, der von dem Kunstwerk eine repräsentative, und das heißt oft auch, eine affirmative Position verlangt. Resultat ist häufig eine dekorative Innenstadt-Möblierung, die sich mit gefälliger Inhaltslosigkeit aus der Affäre zu ziehen sucht.

Kunst taugt nicht zur Parlamentsdebatte

Das Großprojekt "Kunst im Reichstag" ging bislang erstaunlich frei von Kontroversen über die Bühne. Das lag auch am Auswahlmodus, der das ästhetische Urteil in die Zuständigkeit eines eigenen Kunstbeirates legte. Über das Holocaust-Mahnmal wurde jahrelang gestritten, der Umbau des Reichstags heftig diskutiert. Eine echte Diskussion darüber, wie die Kunst an der Schaltstelle des Staates auszusehen hat, gab es nicht. Sie wäre auch wenig sinnvoll gewesen: Allein die divergierenden Ansichten darüber, welche Konnotation die aus den verschiedenen Wahlkreisen herbeigeschaffte Erde hat - "Biokitsch" mit dem Beigeschmack "völkischer Boden-Ideologie", wie Antje Vollmer moniert, oder Symbol der "Grundlage der menschlichen Existenz, der Gleichheit aller Menschen", wie Rita Süssmuth meint - zeigen, wie wenig Kunst zur Debatte taugt. Provokante Projekte durch Mehrheiten im Parlament absegnen zu lassen, nimmt ihnen schlicht die Chance auf Widerrede.

Wie auch immer das Plenum des Bundestages sich Mitte März entscheiden wird, Hans Haacke ist seinem Ziel näher gekommen: Die Kontroverse, die zurzeit um sein Werk entbrennt, ist schon Teil des Projekts. Haacke ging es immer darum, mit seiner Kunst im öffentlichen Diskurs Spuren zu hinterlassen. Seine Werke transzendieren den Kunstkontext, um die Debatte dort in Gang zu bringen, wo die politische Rede ins Stocken geraten ist. Seinem Ziel, die Abgeordneten daran zu erinnern, dass sie den Interessen der ganzen Bevölkerung dienen sollen, kommt Haacke, der sich mittlerweile über das "miserable Niveau der Kritik" beschwert, so zumindest auf Umwegen näher: Politik und Feuilleton werden sich noch eine ganze Weile damit beschäftigen müssen, worin die semantische Differenz von "Volk" und "Bevölkerung" eigentlich besteht und welche Konsequenz die Ersetzung des einen durch das andere hat.



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