Türkischer Starpianist vor Gericht Leg dich nicht mit dem Muezzin an

Ein Witz zu viel: Der türkische Pianist Fazil Say steht ab heute vor Gericht, weil er über den Islam gescherzt hat. Künstler und Intellektuelle sehen in dem Prozess einen weiteren Beleg für die Islamisierung des Landes - sie fürchten den Verlust der geistigen Freiheit.

DPA

Aus Istanbul berichtet Torsten Landsberg


Nedim Saban ist eigentlich ein ruhiger Mensch. Er hört interessiert zu, lächelt sanft, ist angenehm unaufdringlich, kein Lautsprecher. Es dauert trotzdem nur wenige Minuten, bis sich der Istanbuler Theaterdirektor in Rage redet. "Die Menschen missbrauchen die Religion, um jemanden aus dem Weg zu räumen", sagt er. "Es ist, als würden sie ihn lebendig begraben, sie versuchen, ein Genie zu zerstören."

Das Genie, von dem Saban spricht, ist Fazil Say, einer der international bekanntesten Künstler der Türkei. Aufgebracht ist er, weil sich der preisgekrönte Pianist und Komponist ab diesem Donnerstag in Istanbul vor Gericht verantworten muss - und über den Grund dafür.

In der Anklageschrift heißt es, Say habe die islamische Religion und deren Anhänger schwer beleidigt und religiöse Werte öffentlich herabgewürdigt. Im vergangenen April hatte der 42-Jährige einige spöttische Kommentare auf Twitter verschickt: "Der Muezzin hat das Abendgebet in 22 Sekunden ausgerufen [...] Was hast es du so eilig? Eine Geliebte? Ein Raki auf dem Tisch?" In anderen bekannte sich der in Ankara geborene Künstler dazu, Atheist zu sein. "Du kannst Atheist sein, darfst das aber nicht laut sagen", erklärt Saban. "In diesen Zeiten kann es sehr teuer werden, nicht gläubig zu sein."

Ein Dorn im Auge der Regierung

Der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf Say in der Vergangenheit vor, sie zerstöre die kulturelle Tradition, auch ihre Sozialpolitik kritisierte er. Vermutlich wären seine Aussagen als Querschüsse eines Querulanten abgehakt worden. Auch dass Say, der in Deutschland studierte und unter anderem bei den New Yorker Philharmonikern und den Wiener Symphonikern spielte, Kritik schon aufgrund seiner Berühmtheit weit streuen kann, hätte man ihm durchgehen lassen. Dass er aber wiederholt die Islamisierung der Türkei beklagte und eine säkulare Regierung forderte, war der AKP, so sagen Beobachter, ein Dorn im Auge.

"Niemand wundert sich mehr, wenn bekannte Personen strafrechtlich verfolgt oder unterdrückt werden, sobald sie gegen die Regierung sind", sagt der Schauspieler Levent Üzümcü. Betroffen sei, wer sich laut für eine moderne, aufgeklärte Zukunft ausspreche, "gute und ehrliche Leute, deren Stimmen durch solche Anklagen verstummen sollen". Die Unterstellung, der Islam werde diffamiert, sei dafür ein gängiges Instrument.

Im Mai hatte Say dargelegt, er habe mit keinem der Tweets jemanden beleidigen, sondern im Gegenteil sein Unbehagen über Leute zum Ausdruck bringen wollen, die religiöse Werte ausnutzten. Says Verteidigung berief sich auf die grundgesetzlich verankerte Meinungs- und Überzeugungsfreiheit in der Türkei sowie Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die eine freie Meinungsäußerung zusichert. Die Anklage argumentierte dagegen, "dass es sich dabei nicht um eine Kritik handelt, die durch internationale und nationale Gesetze als Meinungs- und Äußerungsfreiheit geschützt wird". Das Gericht ließ die Klage zu.

Zustände wie in der McCarthy-Ära in den USA

Wenn ein Exempel statuiert werden soll, sagt eine türkische Journalistin, spielen Grundrechte keine Rolle. Zahlreiche Künstler, Journalisten und Intellektuelle sitzen in türkischer Haft. Laut Amnesty International wird die Verteidigung oft dadurch erschwert, dass ihre Rechtsanwälte weder Beweismittel noch Akten einsehen können. Die Artikel im Strafgesetz, auf denen die Anklage gegen Say basiert, sind zwar kein Werk der AKP. Noch vor zehn Jahren aber, zu Beginn der Regentschaft Erdogans, sei ein solcher Prozess undenkbar gewesen, sagt die Redakteurin, die Ärger fürchtet, wenn ihr Name genannt würde. Heute lasse Erdogan ein Gesetz erarbeiten, das blasphemische und beleidigende Kommentare unmittelbar unter Strafe stellt.

Öffentlich bekunde niemand seine Sympathie für die Anklage, sagt die Journalistin, das geschehe zwischen den Zeilen. "In Zeitungskommentaren wird auf die Grundrechte hingewiesen, aber es wird nie vergessen zu erwähnen, dass Say kein einfacher Mensch sei." Auch Nedim Saban kritisiert, dass die Medien dem Musiker keine Plattform böten: "Je mehr er redet, desto mehr wird gegen ihn verwendet. Deshalb hat er sich zurückgezogen." Zahlreiche türkische Medienhäuser sind in den Händen von Konglomeraten, deren Geschäfte oft genug von der Gunst der Regierung abhängen. Ein Artikel, der Stellung für Fazil Say bezieht, ist da undenkbar.

Saban hat sieben Jahre in New York gelebt, hat dort studiert, er war Direktor des New York Theatre Workshops. Vor 20 Jahren kam er nach Istanbul und eröffnete das Tiyatro Kare. Heute sagt er: "Es war ein Fehler, zurückzukehren. Wir konnten damals nicht wissen, wie schlimm es hier werden würde." Er spricht von in ihrer Kreativität gelähmten Künstlern: "Wenn du überlegst, was du schreibst, weil du Repression fürchten musst, zerstört das die Kunst." Der 45-Jährige vergleicht die Zustände in der Türkei mit der McCarthy-Ära in den USA. Im Zuge der Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Kommunisten in den fünfziger Jahren galt dort bald jeder als verdächtig, der nicht auf Regierungslinie war.

Im Falle einer Verurteilung drohen Fazil Say bis zu 18 Monate Gefängnis. Seine Anhänger fürchten die Einflussnahme durch die Regierung. Premier Erdogan spricht bei anderen Verfahren schon mal unverblümt davon, man habe dem Gericht die notwendigen Anweisungen gegeben. Auch das Beispiel von Pussy Riot in Russland ist vielen präsent. Nedim Saban glaubt jedoch, dass es vor allem darum geht, Kritiker mundtot zu machen. "Sie wollen zeigen: Seht, was mit euch passieren kann. Sie wollen Selbstzensur."

Say, der sich kurz vor Prozessbeginn nicht mehr öffentlich äußern will, hat bereits Konsequenzen angekündigt: Er wird vermutlich nach Japan auswandern. Nur das Wann hängt wohl noch vom Gericht ab.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
h.hass 18.10.2012
1.
Zitat von sysopDPAEin Witz zuviel: Der türkische Pianist Fazil Say steht ab heute vor Gericht, weil er über den Islam gescherzt hat. Künstler und Intellektuelle sehen in dem Prozess einen weiteren Beleg für die Islamisierung des Landes - sie fürchten den Verlust der geistigen Freiheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/prozess-gegen-fazil-say-schuert-angst-vor-islamisierung-der-tuerkei-a-861556.html
Wieder mal ein Beispiel für eine Erkenntnis, die nahezu immer und überall gilt: Wenn eine monotheistische Religion zu mächtig wird, kommt es zu Verödung und Verblödung, zu Intoleranz und diktatorischen Verhältnissen. Das ist offenbar ein Naturgesetz und natürlich völlig unabhängig von der konkreten Religion, die praktiziert wird. Ob dogmatische Katholiken, fanatische Muslime, orthodoxe Juden, spinnerte Evangelikale - das Muster ist überall dasselbe.
bijae 18.10.2012
2. Atheisten aller Länder...
...vereinigt euch. Wenn ich sehe, in was uns Religion wieder zurückführt wird mir angst. Ich finde Religion hatte Jahrhunderte Zeit zu zeigen wie sie wirklich ist. Nun sind die Freigeister mal dran!
WhereIsMyMoney 18.10.2012
3. optional
Ich habe schon längst aufgehört von Rechten zu sprechen. Wenn diese "Rechte" einem genommen werden können, wenn dieser diese am meisten braucht, so kann man diese nicht als Rechte bezeichnen. Es handelt sich um Privilegien.
Melwach 18.10.2012
4. Titellos glücklich
Zitat von sysopDPAEin Witz zuviel: Der türkische Pianist Fazil Say steht ab heute vor Gericht, weil er über den Islam gescherzt hat. Künstler und Intellektuelle sehen in dem Prozess einen weiteren Beleg für die Islamisierung des Landes - sie fürchten den Verlust der geistigen Freiheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/prozess-gegen-fazil-say-schuert-angst-vor-islamisierung-der-tuerkei-a-861556.html
Traurig, traurig. Wenn die Menschen für solche harmlosen Seitenhiebe schon gerichtliche Verfolgung fürchten müssen und obendrein noch die Politik gezielt die Judikative beeinflusst. Erdogan habe dem Gericht Anweisungen erteilt? In der besten aller Welten hat sich der Politiker bestensfalls als normaler Zuschauer in den Gerichtssaal zu setzen. Ich halte den ganzen Trend für sehr bedenklich. Dogmatismus ist auf dem Vormarsch und der Fundamentalismus schleicht auf Zehenspitzen hinterher.
APPEASEMENT 18.10.2012
5. Humor?!
Zitat von sysopDPAEin Witz zuviel: Der türkische Pianist Fazil Say steht ab heute vor Gericht, weil er über den Islam gescherzt hat. Künstler und Intellektuelle sehen in dem Prozess einen weiteren Beleg für die Islamisierung des Landes - sie fürchten den Verlust der geistigen Freiheit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/prozess-gegen-fazil-say-schuert-angst-vor-islamisierung-der-tuerkei-a-861556.html
Ich finde es auch wichtig, dass man Religionen und auch den Islam kritisieren darf. Es ist Bestandteil der hart erkämpften Meinungsfreiheit und man kann nicht früh genug anfangen dafür zu kämpfen. Wie leben nicht mehr im Mittelalter wo die Theokratien die Menschen beherrschten und sich keiner etwas wagte. Das Problem ist wohl, das in den Augen manch religiöser manche Bemerkung zu weit geht. Man kann das aushalten ohne immer nur gleich die ultimative Strafe zu verhängen. Das ist der Wettstreit der Ideen, dazu gehört auch Kritik und Humor.
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