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Prozess um Aktgemälde: Dresdner Bürgermeisterin darf nicht nackt gezeigt werden

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Eine Malerin nennt sich Erika Lust. Sie malt die Oberbürgermeisterin Helma Orosz - nackt. Die zieht dagegen vor Gericht. Nun hat die Kammer geurteilt: das Bild darf nicht mehr gezeigt werden. Vorhang auf für eine Provinzposse.

Aktbild der Oberbürgermeisterin: "In Würden, aber nicht in Würde" Fotos
AP

Hamburg/Dresden - Seit dem Erscheinen von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" gilt Dresden so manchem als heimliche Hauptstadt des deutschen Bürgertums - doch anders als in Tellkamps Werk gibt es im wahren Leben Momente, die diese Vorstellung ins Wanken bringen.

Vor dem Dresdner Landgericht wurde am Donnerstag über ein Gemälde verhandelt. Das Bild zeigt eine dickliche, nackte Frau. Die posiert in Strapsen vor einer Brückenauffahrt. Das Bild wirkt unbeholfen, fast amateurhaft - noch unbeholfener allerdings ist die Reaktion der Porträtierten. Denn dargestellt wird auf dem Bild mit dem Titel "Frau Orosz wirbt für das Welterbe" keine andere als die Dresdner Oberbürgermeisterin.

Helma Orosz zog gegen das Werk, es stammt von der Malerin Erika Lust, vor Gericht. In einem Eilverfahren entschied dies: Das Bild darf vorerst von der Künstlerin nicht mehr öffentlich zur Schau gestellt werden. Denn die Persönlichkeitsrechte der Bürgermeisterin seien erheblich verletzt.

Die Politikerin, sie ist in der CDU, erschien persönlich zur mündlichen Verhandlung und sagte dort: Sie fühle sich durch das Bild diffamiert und entwürdigt. Sie könne eine Menge aushalten und auch mit Satire umgehen. "Es gibt aber Grenzen!"

Ein Wirt kauft das Bild

Auch die Malerin war vor Gericht erschienen und erklärte dort ihre Motive: Das Bild sei eine Reaktion auf den Verlust des Unesco-Welterbetitels für das Dresdner Elbtal. Es zeige Orosz, wie sie praktisch mit "nichts in der Hand" für den Titel werbe. Die Nacktheit bezeichnete sie als künstlerisches Mittel, das Tatenlosigkeit ausdrücke.

Nach der Entscheidung darf Lust das Werk oder Kopien des Werks bis auf weiteres nicht mehr öffentlich präsentieren und muss es auch auf ihrer Internetseite löschen. Das Gericht drohte ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro oder ersatzweise ein halbes Jahr Ordnungshaft an - für den Fall der Zuwiderhandlung.

Der Vorsitzende Richter Stephan Schmitt sagte, ein nackter Körper sei sicherlich ein Stilmittel in der Kunst. Mit der frontalen Darstellung des Geschlechtsbereichs liege aber im vorliegenden Fall eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts vor. Von Bedeutung sei auch, dass sie als Oberbürgermeisterin mit Amtskette "in Würden aber nicht in Würde" zu sehen sei.

Erika Lust kündigte noch im Gerichtssaal Berufung gegen die Eilentscheidung an. "Ich bin damit nicht einverstanden, ich akzeptiere es auf keinen Fall", sagte sie der Presseagentur Associated Press (AP). Auch eine gütliche Einigung schloss sie aus. "Ich stehe zu dem Bild."

Das Originalbild ist inzwischen allerdings gar nicht mehr in ihrem Besitz: Sie hat es für 1500 Euro an einen Wirt verkauft.

Und damit endet dieser Schwank dort, wo er hingehört: Im Wirtshaus. Doch zugetragen hat er sich wirklich. Auch wenn er sich anhört wie eine Lokalposse, die sich ein Schriftsteller ausgedacht hat - womöglich sogar Uwe Tellkamp.

Mit Material von AP

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