Psychodrama "Ein spätes Mädchen" Wiesbaden, wach auf!

Altes Geld, alte Leute: In Hendrik Handloegtens kluger ARD-Produktion "Ein spätes Mädchen" gibt Fritzi Haberlandt das pathologische Mauerblümchen, das von einem Rumtreiber aus der Beschaulichkeit Wiesbadens gerissen wird.

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Wiesbaden dämmert vor sich hin. Aus dem Nerotal schiebt sich seit über 100 Jahren die Standseilbahn ins Ausflugslokal auf der Anhöhe, am Sonntag trinken die Menschen hier ihren Kaffee. Später am Tag hat man die Wahl, ob man sich im Stadttheater eine "Woyzeck"-Aufführung anschaut oder das Spielcasino aufsucht, in dem einst auch schon Fjodor Michailowitsch Dostojewski auf seinen Deutschlandreisen vor dem Roulette-Tisch saß. Die Stadt ruht auf einem weichen finanziellen Polster, der Stillstand erfolgt geschmacklich auf höchstem Niveau.

Wiesbaden erscheint in "Das späte Mädchen" wie ein Ort aus einem anderen Jahrhundert, der nach gestrigen Gesetzen funktioniert. Altes Geld, alte Leute. Mitten drin in dieser Atmosphäre konservierter Kultiviertheit: die an Jahren eigentlich noch recht junge Ballettlehrerin Henriette Sachs (Fritzi Haberlandt), die in der riesigen Altbauwohnung ihrer längst verstorbenen Eltern wohnt und ihre Sozialkontakte auf deren Freunde beschränkt.

Einmal die Woche kocht Henriette für diesen kleinen Kreis freundlicher alter Schachteln, ihre emotionalen Energien aber lenkt sie auf einen Komponisten, dem sie regelmäßig und ungefragt in Briefform und auf denkbar züchtige Weise ihre Liebe andient. Von den Sorgen und Freuden der wahren Welt scheint das späte Mädchen weit entrückt; das Bahnhofsviertel im benachbarten Frankfurt mit seinen modernen Sex-Tagelöhnern und mittellosen Rumtreibern etwa muss für Henriette auf einem anderen Planeten liegen.

Wer hätte gedacht, dass Wiesbaden noch einmal eine solch exponierte Stellung in einem Film einnimmt? Bemerkenswert, wie Regisseur Hendrik Handloegten die unattraktive hessische Landeshauptstadt in die deutsche Fernsehtopographie holt; wie er sie in eine Art geriatrischen Glanz hüllt, um von der Frühvergreisung und der Hoffnung auf eine späte seelische Genesung seiner Heldin zu erzählen.

Mit dem Stahlhelm gegen das Zwischenmenschliche

So fremd Wiesbaden in "Das späte Mädchen" wirkt, so uneinnehmbar erscheint am Anfang die Titelheldin. Ihre Filzmütze trägt Henriette wie einen Stahlhelm, und die Lederhandschuhe streift sie sich vor jedem Ausgang so sorgsam über, als wolle sie sich mit ihnen vor den Gefahren des Zwischenmenschlichen schützen.

Das pathologische Mauerblümchen ist natürlich eine feine Rolle für Fritzi Haberlandt. Die Theaterschauspielerin wählt ihre raren Fernsehauftritte mit Bedacht; dem diffusen Dauergeplapper des Mediums hat sie sich auf diese Weise gekonnt entzogen. Hier nun schweigt sie als "Spätes Mädchen" erst sämtliche Mitmenschen nieder – um dann irgendwann aus dem Reden gar nicht mehr raus zu kommen.

Die Wendung kommt für die Filmheldin mit dem Rumtreiber Felix (Matthias Schweighöfer). Den lernt Henriette bei einem Ausflug kennen, und weil er nichts sagt, hält sie ihn für taubstumm. Eine günstige Fügung für eine Person, die jedes Wort der Mitmenschen als Zumutung empfindet. "Also, dann ist das jetzt so", erklärt sie irgendwann mit stiller Freude, "ich rede, du hörst zu."

Felix lässt die Henriette ausgiebig von sich erzählen. Vielleicht weil er das Mädchen mag, vielleicht weil es einfach bequem ist. Der Mensch gegenüber als Resonanzfläche der eigenen Sehnsüchte und Ängste: Manche Menschen nennen so etwas Liebe. Auf diese Weise wendet sich das Psychodrama in eine etwas andere Lovestory. Dass der fremde Junge in Wirklichkeit ein Taugenichts aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel und alles andere als taubstumm ist, tut dem amourösen Energiestrom dabei keinen Abbruch.

Dreckiger Junge, sauberes Mädchen

Wie in den besten seiner vorherigen Arbeiten beschreibt Handloegten, der einst auch am Drehbuch zum Kassenschlager "Goodbye, Lenin!" mitgebastelt und mit "Liegen lernen" ein eher biederes Pubertätskomödchen vorgelegt hat, wie die subjektive Wahrnehmung seiner Helden zur Wahrheit eines Filmes werden kann.

Wenn Handloegten den Autorenfilmer rauslassen darf, verwandelt sich die Welt für seine Figuren zu einer riesigen Verschwörung, wahrgenommen durch einen Schleier aus Angst, Lust und Selbstmanipulation. Ob in seinem Regiedebüt "Paul is Dead" oder zuletzt in der außergewöhnlichen Schweriner "Polizeiruf 110"-Folge "Dunkler Sommer" – leise und lakonisch verwandelt er den öden Alltag seiner unfertigen Charaktere in Horrorszenarien. Die deutsche Provinz sieht selten bedrohlicher aus als in den Filmen von Hendrik Handloegten.

Da nimmt es kein Wunder, dass in seinem neuen Werk nun ausgerechnet der Junge aus der dreckigen Stadt dem sauberen Mädchen die Rettung bringen könnte. Einmal aus ihrer Isolation befreit, hätte das Mauerblümchen bald die Chance über sich hinaus wachsen. Diese Dynamik wird von Handloegten so schlüssig in Szene gesetzt, dass man dafür gerne die schwächeren Momente in Kauf nimmt. Zum Beispiel die Frankfurt-Szenen mit uninspirierter Wackelkamera und keifendem Großstadtpersonal, durch die das Leben in Wiesbaden wohl noch gediegener erscheinen soll.

Aber Frankfurt ist eben auch nicht der Star dieses Films. Es ist nun mal die Stadt Wiesbaden, die erstmals im großen Stil in der deutschen Fernsehwirklichkeit aufgeht. Wie das späte Mädchen hier aus ihrer Umnachtung gerissen wird, so erwacht das olle Landeshauptstädtchen aus dem medialen Dämmerzustand.


"Ein spätes Mädchen", 20.15 Uhr, ARD



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