"Publikumsbeschimpfung" am Schauspiel Stuttgart Schmerz lass nach

Peter Handkes Klassiker hat das Zeug, dem deutschen Beamtentheater Beine zu machen. Doch Regisseur Martin Laberenz vergab die Chance am Schauspiel Stuttgart mit hoffnungslos albernen Mitmach-Späßchen.

Julian Marbach

Wäre das nicht das Stück der Stunde gewesen? In Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" fallen Sätze wie "Wir spielen nicht mal uns selbst" oder "Wir sind Objekte unserer Worte" oder "Wir verkörpern keine Gefühle". Schauspieler, bevor sie wirklich verbal über das Publikum herziehen, üben sich zunächst einmal in Selbstbezichtigung, zweifeln an ihrer Funktion, plagen sich ab mit "der toten Sprache" und begehren auf gegen Regieanweisungen.

In der Vorrede hat der Autor ihnen absurde "Regeln" auferlegt: Die Litaneien in katholischen Kirchen sollen sie anhören, spuckende Lamas im Zoo ansehen, Betonmischmaschinen lauschen, von Tagedieben und Nichtstuern lernen - alles sollen sie sein, wenn sie spielen, provozierte Handke ironisch, nur nicht Individuen, Mimen mit eigenem Anspruch.

Gerade solch einen "souveränen" Künstler: Suchte ihn nicht verzweifelt Fabian Hinrichs kürzlich - freilich 52 Jahre nach der legendären Uraufführung von Handkes Skandalwerk - bei der Alfred-Kerr-Preisverleihung im Rahmen des Berliner Theatertreffens? Wetterte er da nicht gegen den Niedergang der Schauspielkunst, gegen ein Theater, in dem Regisseure "preußischen Militarismus" verordnen und in dem es nur noch "entfremdetes, austauschbares und nicht zu Ende sozialisiertes, notgedrungen oder sogar freudig mitlaufendes Servicepersonals auf den Bühnen" gibt? Und Milo Rau ergänzte das böse Wort "Söldnertum" und wünschte sich den Schauspieler wieder als "Schöpfer".

Alles schon mal dagewesen vor einem halben Jahrhundert, und warum sollte man es auch nicht noch mal sagen mit den Worten des damals jungen Peter Handke, der das unterhaltungsträge Publikum am Kragen packen, dem in Gesten erstarrten Schauspieler die Leviten lesen und dem verknöcherten Theater Beine machen wollte? Am Schauspiel Stuttgart hätte der Regisseur Martin Laberenz jetzt und zu einem wie geschenkten aktuellen Anlass die Chance gehabt - und hat die Steilvorlage so hoffnungslos albern und erschreckend unoriginell vertan, dass einem wirklich Bange wurde um den Zustand des Theaters nach zwei endlos zerdehnten Stunden, in denen bis auf die Originalzitate (allein Birgit Unterweger und Jeremy Mockridge dürfen da bisweilen den richtigen Ton treffen) gar nichts einleuchtete.

Kindertheater-Mitmach-Niveau

Laberenz, geboren 1982, ist bekannt dafür, dass er seine Zuschauer gerne quält. Aber bei ihm hat das nichts mit beunruhigendem Erkenntnisgewinn zu tun, geht das nicht sinnvoll an die Schmerz-, sondern überschreitet meist dreist die niedrige Scherzgrenze. Auf Kindertheater-Mitmach-Niveau irgendwie, und man muss ständig fürchten, selbst Opfer seiner leidlich komischen Animierspäßchen zu werden.

So auch jetzt in Stuttgart, wo er wieder einmal heftig dem Text misstraut, ihn sich selbst schräg zusammengepuzzelt und mit allerlei Malus-Material ergänzt, dehnt, zerstört. Das geht mit dem wahnsinnig originellen Einfall los, die verblüfften Zuschauer zunächst unbequem (herum-)stehen zu lassen und endet mit einer Totalverweigerung: Die Beschimpfung findet im Off statt. Als Videoeinspielung der schwarz-weißen Uraufführungsaufzeichnung. Oder sollte man das etwa als Hommage an Claus Peymann verstehen, der damals Regie führte im Frankfurter Theater am Turm?

So viel Respekt darf man Laberenz gar nicht unterstellen: paradoxerweise versucht er nur angestrengt und sich selbst wichtiger als die Vorlage nehmend die Dekonstruktion eines Stücks, das seinerseits doch längst die Demolierung einer (freilich noch immer!) verkrusteten Institution im Sinn hatte. Kann man noch schieferliegen, noch peinlicher scheitern?

Hakenkreuzfahne - huch!

Es sind dann ein paar griffige Begriffe, die sich der junge Regisseur herausgeklaubt hat aus dem "Sprechstück", dessen Sprache er zerstückelt. So reitet er zum Beispiel ausführlich auf der Zeit herum, die zwar auch bei Handke als eine vielleicht gestohlene, vielleicht nutzvoll im Theater verbrachte Rolle spielt ("Da die Zeit gespielt wurde, wurde die Wirklichkeit gespielt"); aber Laberenz hat da eher Massenverhaftung im Sinn, wenn er provozierend das Schinden der Augenblicke zelebriert.

Da darf Peter René Lüdicke eine langweilige Ewigkeit sein Müsli verspeisen und dazu privaten Unsinn erzählen; die überdreht-nervige Natali Seelig macht ohne Gnade auf Valie Export und animiert schüchterne Herrschaften zum Griff in den Brustkasten; da wird tollpatschig und kichernd das Anbringen einer riesigen Hakenkreuzfahne (huch!) mittels Klettverschlüssen versucht und dann plötzlich Wodka gereicht; da wird die Wiederholung zum Kunstgriff, der aber ziemlich in die mit Macht und Grausen originellen Kostüme (Aino Laberenz) geht.

Zu all dem Übel müssen die Schauspieler auch noch zu Instrumenten greifen und geschätzt ein Drittel der freudlosen Verunstaltung elektronisch Lärm erzeugen, was manchmal nach Rockmusik klingt und bisweilen gar als musikalische Unterlage für den Text herhalten muss. Wer noch nie Handke'sche Literatur im Western-Style gehört hat, darf sich glücklich schätzen.

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Fotostrecke: "Wir spielen einen Klassiker!"

Es wird an diesem hilflos bunten Abend für Zeit-Diebe und Augenblickstotschläger, der nicht als "Publikumsbeschimpfung", vielmehr als "Literaturverunglimpfung" und trotzdem in keine Annalen eingehen wird, nie wirklich klar, warum Martin Laberenz den Auftrag für diese Inszenierung erhalten hat. Hat er sich selbst drum beworben, dann war es Selbstüberschätzung; hat man sie ihm angeboten, dann war das fahrlässig. Es muss ihm aber irgendwann so gegangen sein, wie den Schauspielern, die mitten in der Aufführung erstaunt und erschrocken feststellen: "Wir spielen einen Klassiker!" Und dafür reichte dann sein erlerntes Handwerk nicht aus.

Was da in Stuttgart so gehörig schiefging (und was vielleicht tatsächlich symptomatisch ist für das, was derzeit auf vielen Bühnen abläuft), lässt sich mit den Worten von Fabian Hinrichs, gesprochen nur wenige Tage vor dieser Premiere, umschreiben. Es fehlte das, was er forderte - und was man hier, wo es doch ausschließlich um diese Kunst und ihre verkommene Wirkung geht, nicht nur nicht sah, sondern vor allem nicht spürte: "Theater kann ein kultischer Raum sein, ein Raum, in dem für einen Moment die existenzielle Einsamkeit jedes Einzelnen in diesem darwinistischen Gesamtalbtraum kollektiv spürbar wird, in dem Brücken geschlagen werden (...) lauter kleine zerbrechliche Brücken zwischen all diesen Individuierten, in ihrer eigenen existenziellen Notsituation Versammelten, und für diesen kurzen Moment kann die Ahnung von Gemeinschaft, von einem gemeinsamen Träumen von Individuen entstehen, die alle in unterschiedlicher Art und Weise Schmerz empfinden, die alle in unterschiedlicher Art und Weise in Reibung zum gesellschaftlichen Kollektiv stehen. Der Schauspieler aber könnte in diesem Sinne dann ein Lebensmedium sein."

Ach, in Handkes Schimpfkanonade heißt es einmal: "Ihr Rufer in der Wüste..."


"Publikumsbeschimpfung" wird noch am 27. Mai, am 11., 16. und 27. Juni sowie am 3. Juli im Schauspiel Stuttgart aufgeführt.

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Seite 1
dr.k.r.meyer 28.05.2018
1. Nur böse!
Nachdem man diese unsachliche und z. T. böse Kritik gelesen hat, in der Bernd Noack den Namen des Regisseurs nicht einmal korrekt schreiben kann (3x falsch geschrieben), ist man erleichtert, dass es weitere differenzierte, sachliche Kritiken gibt: Stuttgarter Zeitung, Nachtkritik und Online Merker! Vom Spiegel hätte ich mir eine niveauvollere Schreibe erwartet.
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