Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Publizist Robert Redeker: Leben mit der Fatwa

Ein islamkritischer Artikel reichte aus, um zum Todes-Kandidaten zu werden: Der Philosoph Robert Redeker nahm im "Figaro" kein Blatt vor den Mund - und musste abtauchen. Dem Magazin "Gazette" erzählte er die Geschichte seiner Verfolgung.

Mein Vater, er wurde 1923 in Steinbergen bei Hannover geboren, starb Anfang Februar, im Bett und ein wenig überraschend für uns, während meine Mutter, eine Hildesheimerin, gerade in der Küche war und den Kaffee fürs Frühstück machte. Beide Eltern hatten sich vor mehr als 60 Jahren im Süden Frankreichs niedergelassen, um hier ein arbeitsreiches und ehrbares Leben als Landarbeiter zu führen. Die Polizei erlaubte uns nicht, die Todesurkunde, wie es üblich ist, im Bürgermeisteramt öffentlich anzuschlagen. Ebenso war es unmöglich, eine Todesanzeige in der örtlichen Zeitung, der "Dépêche du Midi", aufzugeben.

Philosoph Redeker: "Wie ein Dieb in der Nacht"
AP

Philosoph Redeker: "Wie ein Dieb in der Nacht"

Vorrang hatte die Sicherheit: Niemand durfte wissen, dass ein Mensch mit meinem Namen am Mittwoch, dem 7. Februar zu seiner letzten Ruhestätte begleitet wurde. Das sei zu gefährlich, hieß es; jemand könnte den Trauerzug fotografieren und danach beteiligte Personen bedrohen. Wir, der engste Familienkreis, mussten also meinen Vater im Verborgenen beerdigen, in aller Heimlichkeit. Wie Diebe in der Nacht. Wie Pestkranke. Ausgestoßen von der Gesellschaft. Wie war es so weit gekommen?

Im September 2006 hatte ich für den "Figaro" einen Artikel geschrieben mit dem Titel "Was muss die freie Welt gegen die Einschüchterungen der Islamisten tun?" Der Artikel war ein scharfer Widerspruch gegen den Druck des Islam auf den Alltag der westlichen Länder. Die extremen Erscheinungsformen dieser Religion wurden dabei kritisiert. Mit dem Artikel nahm ich ein verfassungsmäßiges und ebenso ein intellektuelles Recht in Anspruch. Der Ton war lebhaft und ironisch. In der Geschichte der europäischen Intellektuellen hat die antireligiöse Kritik durch Philosophen und Schriftsteller eine gut belegte Tradition. Die Feststellung, diese Kritik sei ein Element der Freiheit, ist dabei nicht ausreichend: Die Kritik fördert vielmehr die Freiheit. Mein Artikel war also in dieser Hinsicht für einen Europäer nichts Ungewöhnliches.

Sehr schnell jedoch wurde ich mit Todesdrohungen eingedeckt. Im Fernsehsender al-Dschasira gab mich der einflussreiche Prediger Yusuf al-Qaradawi namentlich der öffentlichen Schande preis. Mehr noch: Auf der offiziellen Website des Dschihadismus, Al Hesbah, wurde ich zum Tode verurteilt. Es erging ein Appell an alle Muslime der Welt, mir den Kopf abzuschneiden: "Diesem Schwein, das es gewagt hat, Mohammed zu kritisieren, muss der Kopf vom Leib getrennt werden." Diesem Todesurteil hinzugefügt wurden mein Foto, meine Adresse, meine Telefonnummer, die Adressen meiner verschiedenen Lehrtätigkeiten und eine genaue Wegbeschreibung zu meiner Wohnung. Die Mörder brauchten sich nur noch zu bedienen. Die Anweisung zum Mord und die Anfahrtsskizze wurden in der ganzen Welt verteilt, natürlich auch in den Vororten von Paris mit ihren islamistischen Netzwerken.

Im eigenen Land auf der Flucht

In diesem Augenblick brach mein Leben zusammen, ebenso das Leben meiner Frau und unserer Kinder. Die Familie wurde unverzüglich unter Polizeischutz gestellt. Gleichzeitig mussten wir unser Haus verlassen: Ein Foto davon war tatsächlich auf der Website der Terroristen zu sehen. Wir mussten uns verstecken, jeden Tag an einem anderen Ort, auf der Flucht, als wären wir Banditen. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir konnten uns in unserm eigenen Land nicht mehr auf die Straße wagen; so schrieb die Polizei es uns vor, die uns in diesem Leben im Untergrund begleitete.

Wir hatten keinen festen Wohnsitz mehr; am Morgen wussten wir nicht, wo wir am Abend schlafen würden. Jeden Tag galt es, eine andere Zufluchtsstätte zu finden. Wir waren – unter dem Schutz des Staates – in unserm eigenen Land auf der Flucht, obwohl wir nichts verbrochen hatten. Wir konnten nur noch bei Nacht aus dem Haus, auf die Straße, einkaufen, irgendwohin spazierengehen, Freunde besuchen. Ich konnte nicht mehr zur Arbeit gehen: Von meiner Tätigkeit als Philosophielehrer wurde ich entbunden. Wir waren zwar noch am Leben, aber nicht mehr im Leben.

Diese Zeit der Treibjagd, dieses Vagabundieren ohne Tisch und Bett, als Nichtsesshafte, dauerte länger als einen Monat. Dann erlaubten die Behörden meiner Frau und mir, in unser altes Haus zurückzukehren, aber nur unter der Bedingung, dass wir dort im Dunkeln wohnten, Fenster und Türen geschlossen hielten, nicht mehr ausgingen und überhaupt den Eindruck erweckten, das Haus sei unbewohnt. Außerdem mussten wir es verkaufen.

Vom 20. September an war dieses Haus plötzlich wichtig genug, dauernd, rund um die Uhr, von der Gendarmerie bewacht zu werden. Ein oder manchmal zwei Mannschaftswagen und durchgehend mehrere Polizisten, gelegentlich mit automatischen Waffen, behielten das Haus im Auge. Die ganze Straße befand sich bis zum Tag unseres Auszugs Ende Dezember im Belagerungszustand.

Hilfe kam selten

In den Lehrerzimmern der Gymnasien wurde ich in Aushängen am Schwarzen Brett bereits gelyncht: Da schrieben meine Ex-Kollegen, die Philosophielehrer, ich hätte die Meinungsfreiheit missbraucht. Die in Frankreich außerordentlich starken Lehrergewerkschaften unterstützten mich ebenso wenig. Praktisch der gesamte Berufsstand bezichtigte mich mehrerer in ihren Augen bei einem Lehrer unverzeihlicher Fehler: Ich sei reaktionär, anti-amerikanisch, pro-israelisch und islamophob. Einige Organisationen der Linken veranstalteten Podiumsgespräche zum Thema "Gibt es überhaupt eine Affäre Redeker?", bei denen immer nur ich auf der Anklagebank saß.

Hilfe kam selten. Sie kam weder von meinen Kollegen noch von deren Gewerkschaft. Nicht von der Linken. Ein paar hoch angesehene Intellektuelle traten jedoch für mich ein: André Glucksmann, Bernard-Henri Levy, Pascal Bruckner, Christian Delacampagne, Pierre-André Taguieff, Chantal Delsol. Mehrere Politiker waren an meiner Seite: Philippe de Villiers, Nicolas Sarkozy, François Bayrou, Dominique Strauss-Kahn. Es waren nicht viele. Sarkozy schrieb mir zwei hilfreiche Briefe, einen besonders warmherzigen, nachdem er mein Buch "Il faut tenter de vivre" gelesen hatte. Zwei Protest-Versammlungen wurden organisiert, in Toulouse und in Paris, mit ein paar hundert Personen insgesamt.

Seitdem bin ich auf die dunkle Seite des Lebens gewechselt. Ich kann meinen Beruf, Philosophielehrer, nicht mehr ausüben.

Im Januar 2007 berichteten die Medien, ein international bekannter Terrorist, der ebenfalls auf der Website Al Hesbah ein Todesurteil gegen mich publiziert hatte, sei soeben in Marokko verhaftet worden. Die Leitung der angesehenen Ecole Nationale de lAviation Civile in Toulouse teilte mir unmittelbar danach mit, ich könne nun nicht mehr in ihren Räumen unterrichten. Dort herrschte offenkundig Panik. Gleichzeitig und ebenfalls als Folge der erwähnten Verhaftung in Marokko teilte mir der Präsident der Université des Sciences Sociales de Toulouse mit, dass ich auch hier aus Gründen der Sicherheit meine jährliche Vortragsreihe nicht mehr halten könne.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: