Pulitzer-Gewinner "Toledo Blade" Ohios furchtlose Rechercheure

Den diesjährigen Pulitzer-Preis für investigativen Journalismus verdankt die Lokalzeitung "Toledo Blade" aus Ohio nicht nur hartnäckiger Recherche. Mindestens ebenso wichtig war, dass die Chefredaktion des Blattes die vermeintlich unpatriotische Reportage über amerikanische Kriegsgräuel in Vietnam trotz Gegenwinds veröffentlichte.


Pulitzer-Party in der Redaktion des "Toledo Blade": Faible für investigativen Journalismus
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Pulitzer-Party in der Redaktion des "Toledo Blade": Faible für investigativen Journalismus

New York - Als die "Toledo Blade" im Herbst 2003 ihre vierteilige Serie "Buried Secrets, Brutal Truths" ins Blatt hob, hätte die Geschichte eigentlich wie eine Bombe einschlagen müssen. Drei Reporter des Blattes, Joe Mahr, Michael Sallah und Mitch Weiss, hatten in achtmonatiger Arbeit recherchiert, wie eine Aufklärungseinheit der US-Army im Jahr 1967 durch das Hochland Vietnams gezogen war und dort Hunderte Zivilisten ermordet hatte: "Frauen und Kinder wurden in Bunkern absichtlich in die Luft gejagt", heißt es in der insgesamt 15-seitigen Reportage. "Alte Bauern wurden während der Arbeit auf dem Feld erschossen. Gefangene wurden gefoltert und exekutiert - ihre Ohren und Skalps als Souvenirs abgeschnitten."

Vier Jahre später, fanden die "Blade"-Reporter heraus, untersuchte die Army den Fall genauestens. Angeklagt wurde niemand, alle Akten, welche die Kriegsverbrechen belegten, blieben unter Verschluss.

"Blade"-Redakteure Weiss, Sallah, Mahr (v.l.): Keine Angst vor der unpatriotischen Ecke
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"Blade"-Redakteure Weiss, Sallah, Mahr (v.l.): Keine Angst vor der unpatriotischen Ecke

Tatsächlich griffen nur wenige Zeitungen im Oktober 2003 die Geschichte über die Gräueltaten der so genannten "Tiger Force" auf. Selbst die liberale "New York Times" ließ die Geschichte zunächst links liegen. Das Fernsehen ignorierte das Thema gänzlich. Das dürfte vor allem mit dem Irak-Krieg zu tun gehabt haben. Im Herbst vergangenen Jahres war die amerikanische Öffentlichkeit mit der Nachlese zum Feldzug gegen Saddam Hussein beschäftigt. Eine Geschichte über die Kriegsverbrechen amerikanischer Truppen im Ausland erschien vor allem ultrapatriotischen Fernsehsendern wie NBC, deren Ansager während des Krieges in Diktion und Habitus häufig Militärsprechern ähnelten, völlig undenkbar.

Mehr Aufmerksamkeit wurde der Geschichte erst zuteil, als Seymour Hersh, der Grandseigneur der Investigativrecherche, im "New Yorker" auf die scharfen Rechercheure aus Ohio aufmerksam machte. Hersh gilt als Autorität in Sachen Vietnam - im November 1969 schockte er die amerikanische Öffentlichkeit mit einem Bericht über das Massaker amerikanischer Soldaten in dem Dorf My Lai. "Wenn es um die Untersuchung von Kriegsverbrechen geht, ist schon häufig aufgedeckt worden, wie wenig sich die Fakten mit der offiziellen Version des Militärs decken", schrieb der Journalist. "Die außergewöhnliche Untersuchung der 'Blade' bleibt hingegen praktisch unsichtbar", kritisierte Hersh die US-Medien.

US-Soldaten in Vietnam (1965): "Was damals passieren konnte, kann auch heute passieren"
Henri Huet/ AP

US-Soldaten in Vietnam (1965): "Was damals passieren konnte, kann auch heute passieren"

Beim als liberal geltenden "Toledo Blade" hatte man offenbar anders als die US-Leitmedien keine Angst, in die unpatriotische Ecke gestellt zu werden. Ron Royhab, leitender Redakteur des Blattes, versuchte zudem am ersten Tag der Veröffentlichung seinen Lesern in einer Kolumne zu erklären, dass sich die Serie keinesfalls gegen die US-Einsätze im Irak oder in Afghanistan richte: "Wenn wir über Informationen dieser Art verfügen, können wir nicht auf ihnen sitzen bleiben, dann wären wir Teil eines Cover-Ups."

Unterstützung hatten die Journalisten des Blattes auch von Seiten der Eigentümer. Der "Blade" gehört keinem großen Medienkonzern und hat auch keine Aktionäre auf die man Rücksicht nehmen müsste. Das Blatt wird vollständig von der Eigentümerfamilie Robinson Block aus Ohio kontrolliert. Die Blocks, die das Blatt vor fast 80 Jahren erwarben, haben ein Faible für investigativen Journalismus. Entsprechend ist der "Blade" als qualitativ sehr hochwertige Lokalzeitung bekannt, das Blatt war bereits einmal in der Endausscheidung für den Pulitzerpreis. Familienpatron John Robinson Block sagte dem "Observer" kurz nach dem Erscheinen von "Buried Secrets, Brutal Truths": "So lange ich hier bin, werden wir weiter versuchen, solche Sachen zu machen."

Auch Pulitzer-Gewinner Michael Sallah ist überzeugt, dass zeitintensive Recherchen auch in Zukunft notwendig sein werden. "Wir haben gesehen, wie das Militär mit 100 Agenten eine viereinhalbjährige Untersuchung durchgeführt, die Fälle bestätigt gefunden und die Sache dann begraben hat", sagte er dem Branchendienst "Editor & Publisher". "Was damals passieren konnte, kann auch heute passieren."



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