Solidaritätstag für Pussy Riot: Die heilige Dummheit des Punk

Von Kendra Eckhorst

Die löchrigen Rahmen der Knastfenster sind mit Brotkrümeln zugestopft, Foucault-Zitate spenden Trost - passend zum weltweiten Solidaritätstag an diesem Mittwoch ist ein Buch mit Texten der inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder erschienen. Die Worte der Feministinnen wirken furchtlos.

Soli-Tag für Pussy Riot: "Man kann sich nicht fürchten, Gutes zu tun." Fotos
AP

"Wir sind hier lediglich zur Dekoration, leblose Elemente, nur Körper, die im Gerichtssaal abgeliefert wurden", sagt Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikova zum ersten Urteilspruch, nachdem sie und die zwei weiteren Bandmitglieder Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch des Rowdytums für schuldig gesprochen werden.

Es ist einer der wenigen Sätze, in denen die Ohnmacht durchscheint, mit keinem Argument gegen ein Urteil anzukommen, das letztlich schon vor Prozessbeginn gefallen ist. Mehr Resignation gönnt sich Tolokonnikova aber nicht - wie in ihrer Schlusserklärung im Netz sowie in dem soeben erschienen Band "Pussy Riot! Ein Punkgebet für die Freiheit" nachzulesen ist.

Pünktlich zum zweiten internationalen Solidaritätstag an diesem Mittwoch hat ihn der Nautilus Verlag in deutscher Übersetzung herausgegeben. Die Initiative für das schmale Buch geht auf den New Yorker Verlag "Feminist Press" zurück, der die Texte - neben den Plädoyers der damaligen Anwälte finden sich darin die Schlusserklärungen, einige Briefe sowie Gedichte der Angeklagten - ausgewählt, kommentiert und durch Solidaritätsadressen von Künstlerinnen wie Yoko Ono oder Karen Finley ergänzt hat. Im Gegensatz zum ähnlich klingenden Titel des ebenfalls kürzlich erschienenen Buchs "Pussy Riot! Was war das?", das unautorisiert auf den Markt kam, haben sich laut Verlag alle Mitglieder von Pussy Riot mit der Veröffentlichung einverstanden erklärt.

"Die Löcher in den Fensterrahmen sind mit Damenbinden und Brotkrümeln zugestopft", schildert die Mit-Angeklagte Maria Aljochina in einem ersten Brief an einen Freund die Situation im Untersuchungsgefängnis. Ihre Zellengenossin Nina wurde von einem betrunkenen Polizisten gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben, auf dessen Grundlage sie wegen Diebstahl verurteilt und inhaftiert worden ist. "Wir verfluchen das Unrecht", schreibt Aljochina, "aber trotz meiner aufmunternden Foucault-Zitate glaubt Nina nicht an Veränderung."

"Wir können alles sagen, was wir wollen, und tun es auch"

Trost in den Schriften von Michel Foucault, Pochen auf die russische Verfassung, die die Teilung von Staat und Kirche vorschreibt: Immer wieder findet sich in den Verlautbarungen der drei inhaftierten Frauen ein tiefes Vertrauen in die Kraft des geschriebenen Wortes. So erscheint es auch sinnvoll, ihre Gedichte, Briefe und Erklärungen gedruckt zu sammeln, obwohl ein Teil der Texte bereits online und in verschiedenen Übersetzungen verfügbar ist.

Vor allem in ihren Schlusserklärungen verdeutlichen die drei Angeklagten die philosophischen Grundlagen ihrer Aktion und nehmen Bezug sowohl auf den französischen Situationisten Guy Debord als auch auf den russischen Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky, der einst wegen "Parasitentums" verurteilt wurde. Sie zerpflücken die autoritäre Politik Wladimir Putins, klagen die russisch-orthodoxe Kirche der Verletzung eigener Regeln an und erklären sich selbst zu den Gewinnerinnen des Prozesses.

"Denn obwohl wir physisch hier sind, sind wir freier als alle, die uns hier neben der Staatsanwaltschaft gegenübersitzen", verkündet Tolokonnikova. "Wir können alles sagen, was wir wollen, und tun es auch. Die Staatsanwaltschaft kann nur sagen, was ihr von der politischen Zensur zu sagen erlaubt ist. Sie können nicht 'Punk-Gebet' sagen oder 'Jungfrau Maria, heilige Mutter Gottes, räum Putin aus dem Weg!', sie können nicht eine einzige Zeile unseres Punk-Gebets in den Mund nehmen, das sich mit dem politischen System auseinandersetzt.

Auch über die ästhetisch-künstlerische Ausrichtung von Pussy Riot gibt die Nautilus-Flugschrift Auskunft. Als erster Text des Kollektivs ist das sogenannte Punk-Gebet abgedruckt, das vier Mitglieder am 21. Februar 2012 in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau skandiert haben - und für das Tolokonnikova und Aljochina schließlich zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt werden. "Der KGB-Chef ist euer Oberheiliger/Lässt Demonstranten unter Geleitschutz ins Gefängnis abführen/Um seine Heiligkeit nicht zu verärgern/Müssen Frauen gebären und lieben", heißt es in der Pussy-Riot-typischen Vermischung von Forderung und stark verknappter Analyse, feministischer Agitation und gleichnishafter Sprache darin. "Wir waren auf der Suche nach wirklicher Ehrlichkeit und Einfachheit und haben diese Eigenschaften im jurodstvo (heilige Dummheit) des Punk gefunden", erklärt Tolokonnikova.

Als letzte Texte der Inhaftierten sind in dem Band drei Gedichte von Aljochina aufgeführt. Nachdenklicher und abstrakter klingen sie, aber trotzdem ungebrochen. Aljochina schreibt: "Wir haben Pech gehabt. Doch nein, so nicht. Man kann sich nicht fürchten oder schämen, Gutes zu tun."


Am Mittwoch, 12.12., finden weltweit Solidaritätslesungen mit den Texten von Pussy Riot statt. Einen Überblick über die Termine finden Sie hier
Buchtipp

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Pussy Riot
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback