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Neue Protestformen: Bürger-Action, Bürger-Kunst

Ein Interview von

Ausstellung "Global Activism - Global Citizen": Hü, mein Regenbogenpferdchen! Fotos
Baixcentro

Pussy Riot, Femen, Occupy: Die neuen Protestformen sind oft Performance-Kunst. Der wehrhafte Bürger mag Action, sagt Peter Weibel, Macher der Ausstellung "Global Activism: Global Citizen". Die ist nun am ZKM Karlsruhe zu sehen.

Als Aktions- und Performancekünstler machte sich Peter Weibel, 1944 in Odessa geboren, einen Namen. Seit den siebziger Jahren beschäftigt er sich als Künstler und Hochschullehrer intensiv mit dem Verhältnis von Kunst, Technik, Medien und Philosophie. Seit 1999 leitet der Österreicher das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Mit se iner aktuellen Ausstellung widmet er sich den globalen Bürgerbewegungen der vergangenen Jahre.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Ausstellung "Global Activism: Global Citizen" geht es um neue, künstlerische Protestformen, mit denen Bürger weltweit für ihre Interessen eintreten. Was wird es zu sehen geben?

Weibel: Es ist nichts extra produziert worden - wir haben gesammelt, was es schon gibt. Das sind einerseits Dokumentationen - Fotos und Videos - andererseits auch Objekte, die sozusagen im Einsatz gewesen sind. Zum Beispiel hat der russische Blogger Alexander Wolodarskij mit einem kleinen Mobiltelefon aus dem Gefängnis heraus Blogeinträge geschickt - und wir stellen das Handy aus und den Text.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen quasi Reliquien. Statt Dolch und Gewehr wie im Kriegsmuseum gibt es Handys, Transparente und Demo-Schutzkleidung zu sehen?

Weibel: Genau, das sind die Reliquien des neuen Bürgeraktivismus, und wir zeigen sie.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat das mit Kunst zu tun?

Weibel: Die neuen globalen Aktivisten bringen eine neue Ästhetik - so wie Graffiti in den Siebzigern. Nehmen Sie Erdem Gündüz auf dem Taksim Square in Istanbul, der sich einfach schweigend hingestellt und ausgeharrt hat. Beuys oder Gilbert & George haben so etwas einst im Kunstkontext gemacht - heute entstehen solche Living Sculptures ohne Auftrag im Rahmen von Protesten im öffentlichen Raum. Oder nehmen Sie die Happening- und Aktionskunst der Sechziger, die immer die Publikumsbeteiligung und Interaktion gefordert hat: Heute vollzieht die politische Sphäre das als Bürgerbeteiligung nach.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt der Unterschied zwischen der politischen Kunst in den Museen und der auf der Straße?

Weibel: Wir machen den Versuch, uns von der klassischen politischen Kunst abzusetzen. Mein Lieblingsbeispiel sind Pussy Riot: Die haben in einer Kirche performt, nicht im Museum und in keiner Galerie, und die Botschaft war politisch und nicht ästhetisch. Trotzdem hat es - auch durch die virale Verbreitung der Medien - eine enorme Wirkung gehabt. Das ist aktivistische Kunst, die über politische Kunst hinausgeht, weil sie kein verkaufbares Produkt hinterlässt. Kunst ist seit Action Painting, Happening, Performance und Body Art auch Handlung. Kunst ist mehr als das, was die Leute auf dem Kunstmarkt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Etwas überspitzt ausgedrückt: Sie haben nach Künstlern gesucht, die keine Künstler mehr sein wollen?

Weibel: Richtig, genau!

SPIEGEL ONLINE: Im Titel "Global Activism: Global Citizen" haben sie den "civis", lateinisch für "Bürger", versteckt. Sie sehen in den globalen Protestbewegungen bürgerschaftliches Engagement. Aber ist es nicht gerade der Bruch mit dem braven zivilgesellschaftlichen Umgang und der Übergang zur direct action, der Femen, Pussy Riot oder Occupy kennzeichnet?

Weibel: Richtig - das neue Engagement ist sozusagen das Echo auf die Handlungsschwäche der Politik. Nehmen wir Griechenland 2012: Als Papandreou ein Volksreferendum über die Sparpolitik machen wollte, hat die EU das unterbunden. Das Volk hat eine "Bürgerausschaltung" erlebt, wie Sloterdijk das nennt. Dadurch blieb ihnen keine andere Wahl, als auf die Straße zu gehen. Demokratie wird nicht mehr nur repräsentativ abgehandelt, wir erleben den Beginn einer performativen Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Aber führen diese bloß temporären Protestprojekte nicht auch dazu, dass man von Protestperformance zu Protestperformance eilt? Dass man sich die Mühen der Ebene - Mehrheiten organisieren, Koalitionen bilden, Forderungen in Verhandlungen durchkämpfen - einfach spart?

Weibel: Das sind allerdings die Schwächen - und Marxisten wie Slavoj Zizek werfen das den Protesten ja auch vor. Aber die Gemeinsamkeiten der neuen Citoyens sind heute eben nur projektbezogen. Deshalb werden die neuen Protestbewegungen auch nicht in Parteien münden, wie das früher war, zum Beispiel mit den grünen Parteien.

SPIEGEL ONLINE: Das Phänomen der neuen Protestbewegungen beschreiben Sie als global - das gab es doch früher auch. Was ist neu?

Weibel: Wir sehen heute zum ersten Mal das Phänomen einer globalen Bürgerschaft - weil die Bürger erkennen, dass wir mit nationalstaatlichen Lösungen zum Beispiel bei Bürgerrechten, Menschenrechten und Umweltschutz nicht weiterkommen. Was neu hinzukommt, sind die sozialen Medien. Jeder ist ständig Sender und bekommt unablässig Signale zurück. In der repräsentativen Demokratie darf man nur alle paar Jahre ein Signal geben - per Stimmzettel -, und dann kommt kein Signal zurück. Aus der Kluft zwischen diesen beiden Welten entsteht eine Unruhe, eine neue Dynamik der Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Sie beziehen sich auf Organisationen, die Sie für emanzipatorisch halten. Nun gibt es aber auch rechte, antiemanzipatorische Bewegungen - in Osteuropa, in Griechenland und anderswo. Auch das ist ja, strenggenommen, zivilgesellschaftliches Engagement. Warum spielt das bei Ihnen keine Rolle?

Weibel: Wenn sich die politische Debatte in die sozialen Medien verlagert, dann werden die rechtskonservativen, monarchistischen und faschistischen Tendenzen natürlich mitgeschleppt. Die muss man aber auch wieder herausfiltern als Ausstellungsmacher, wenn man analysiert, was die soziale Dynamik dieser neuen globalen Bürgerschaft befördert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die sozialen Proteste von Occupy bis zu Gezi Park als Massenproteste von Individuen - wie geht das zusammen?

Weibel: Massenerhebungen waren ja historisch gesehen oft von Parteien oder Gewerkschaften organisiert. Dass in den letzten Jahren so massiv spontane, anscheinend ungesteuerte Proteste auftreten, ist etwas Neues. Die Protestierenden selbst verstehen sich ja als Masse von Individuen, das zeigen zum Beispiel die Guy-Fawkes-Masken: Das Individuum tritt auf - aber es anonymisiert sich, um sich zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum diese Bewegungen kaum politische Führer im hergebrachten Sinne produzieren? Verschwinden die Ché Guevaras und Rudi Dutschkes heute in der Protest-Multitude?

Weibel: Bei Occupy zum Beispiel gibt es ja sogar einen bewussten Verzicht auf eine Repräsentation durch Sprecherinnen oder Sprecher. Es sind eben Assoziationen von Individuen und keine Führer-Bewegungen. Was die Theoretiker der amerikanischen Demokratie in den zwanziger Jahren verlangten, den "omnicompetent citizen", haben wir heute als den polypotenten Bürger, den Bürger, der vieles kann, auch neue künstlerische Ausdrucksformen. Nicht das alte Gespenst des Kommunismus kehrt wieder, wie Alain Badiou und Slavoj Zizek glauben, ein neues Gespenst taucht auf: der freie Bürger, der Citoyen, nicht der Bourgeois, von dem die Macht ausgeht statt vom Volk.


Ausstellung ""Global Activism: global citizen"": 14. Dezember 2013 bis 30. März 2014 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie/Museum für Neue Kunst, Karlsruhe

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