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03. Januar 2013, 17:37 Uhr

Depardieu soll Russe werden

Ich bin ein Witz, hol mich hier rein

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Paris ist fern, seine guten Tage als Schauspieler sind es auch: Als Russe könnte Gérard Depardieu nicht nur der französischen Reichensteuer entgehen, sondern Maßstäbe setzen, wie man als Altstar künftig seine Karriere beendet - als Tanzbär in der Manege von Putin statt im RTL-Dschungelcamp.

"Heute wagt niemand mehr, aus Tschetschenien zu berichten", sagte Ilja Politkowskij vor gut einem Jahr in einem Interview. Nicht nur dem Sohn der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja dürfte es wie bitterer Hohn vorkommen - aber: Es gibt Nachrichten aus Tschetschenien. Sie haben nur nichts mit regierungskritischem Journalismus gemein. Im Oktober 2012 widmete sich etwa das französische Magazin "Nouvel Observateur" der zur russischen Föderation gehördenden Region. Anlass: ein Auftritt von Gérard Depardieu.

Grinsend, mit geballter Faust zeigte sich der Schauspieler in der Hauptstadt Grosny zur jährlichen Geburtstagsfeier des Machthabers Ramsan Kadyrow: "Ruhm sei Grosny, Ruhm sei Tschetschenien, Ruhm sei Kadyrow!", deklamierte Depardieu. Wofür genau Kadyrow nach Ansicht des 64-jährigen Ruhm gebühre, ist nicht überliefert - die zahlreichen Verbrechen bis hin zum Auftragsmord, derer Kadyrow bezichtigt wird, dürften es kaum gewesen sein.

Doch warum sollte Depardieu sich auch mit solch randständigen Themen wie der Menschenrechtslage im Kaukasus befassen? Den Mann plagen andere Sorgen. Depardieu kämpft gegen den vom sozialistischen Staatspräsidenten Hollande geplanten Spitzensteuersatz von 75 Prozent. Seinen Wohnsitz hat er, auch wenn das französische Verfassungsgericht die Einführung der Reichensteuer vorerst gestoppt hat, bereits ins belgische Néchin verlegt. Seinen französischen Pass will er zurückgeben.

Duett in Usbekistan

Der Mann, der weltweit als Inkarnation des Franzosen gilt, sucht Zuflucht ausgerechnet in jenem Land, das bei den Franzosen einen Ruf genießt, der noch schlechter ist als Wolfgang Thierses Meinung von den Schwaben - allein dies böte Stoff für eine Klamotte über Kulturkonflikte im Stil des französischen Erfolgsfilms "Willkommen bei den Sch'tis".

Zu einer Tragikomödie internationalen Ausmaßes wird die groß orchestrierte Steuerflucht jedoch durch den Auftritt eines Mannes, der Depardieu nicht nur im Ego und dem ungenierten Ausleben einer sehr traditionellen Maskulinität weit in den Schatten stellt, sondern auch, was die Skrupellosigkeit im Umgang mit tschetschenischen Kriegsfürsten angeht: Wladimir Putin. Der russische Staatschef hat den Schauspieler kurzentschlossen eingebürgert.

Zu Depardieus Bestem, könnte man meinen, obwohl der sich offenbar noch ziert. In Russland gilt ein allgemeiner Steuersatz von nur 13 Prozent. Der französische Schauspieler ist hier populär - im Fernsehen wirbt er für Kreditkarten, Ketchup und eine Supermarktkette. Und Usbekistan, wo Depardieu kürzlich ein Duett mit Gulana Karimova, der Tochter des Machthabers Islam Karimov aufnahm, ist von Moskau aus auch nicht allzu weit.

3D-Variante von "Asterix und Obelix"

Paris dagegen ist fern. Derart fern sogar, dass Depardieu vergessen könnte, dass er in seinem Heimatland, jenseits von künstlerisch unbedeutenden Auftritten wie in einer 3D-Variante von "Asterix und Obelix", seit Jahren in keiner ernstzunehmenden Filmrolle zu sehen war - und dies, obwohl das französische Kino derzeit so gut ist, wie seit den siebziger Jahren nicht.

Der wirkliche Gewinner dieses vordergründig wie ein Gag wirkenden Überraschungscoups aber ist Wladimir Putin: Der Prozess gegen Pussy Riot mag ihm international geschadet und Proteste zahlreicher Künstler provoziert haben - doch würde Gérard Depardieu tatsächlich Russe werden, wäre dies die größte Aufwertung von Putins Regime seit Gerhard Schröders Wort vom "lupenreinen Demokraten".

Dank Depardieu könnte Russland sogar das werden, was es bislang nur in der Scheinrealität des Fernsehens gab: Eine Art Hospiz für alternde Berühmtheiten, nur ohne von RTL gesponserte Kakerlakenprüfungen im australischen Busch. Der Begriff Camp allerdings steht in der postsowjetischen Realität für Einrichtungen von deutlich geringerem Unterhaltungswert: für Straflager.

Eine weitere bitterere Pointe in einer Geschichte, in der Depardieu sich als umschwärmter Weltstar fühlen mag, dabei aber offenbar nicht merkt, dass er bei seinem egozentrischen Feldzug gegen François Hollande längst zum Tanzbären für Autokraten herabgesunken ist.

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